Lesen, nicht scrollen

Debatte Müssen E-Books interaktiv sein? Der Schriftsteller Gregor Hens zieht das lineare Erzählen vor

Während die meisten unserer Alltagsentscheidungen binär und banal sind (Elmex oder Aronal), treffen wir immer wieder auf in einem literarischen Sinn spannende Situationen: Helfe ich oder gehe ich weiter? Was, wenn es Liebe ist? Wenn ich aber lese, bin ich dankbar, die Antworten anderen zu überlassen, weshalb es mich geradezu verstört zu hören, welche Erwartungen an das Medium des E-Books von der jüngeren Generation gestellt werden. Lukas Latz beschreibt in seiner Sammelrezension zu Hanser Box (der Freitag 46/2014) den neuen Leser: Er „blättert nicht mehr, er scrollt, und er aktiviert Links. Beim Lesen muss er selbst Entscheidungen treffen.“

Bei langen Reportagen, für die das E-Book tatsächlich ein geeignetes Medium ist, mag das sinnvoll sein. Für das, was ich mir unter schöner Literatur vorstelle, sind Links und Kommentarfunktionen allerdings störend. Vor allem liegt es mir fern, nach Art der Hyperfiction in den Plot einzugreifen. Denn im Lesen tauche ich ein in einen Strom fremder Gedanken und Möglichkeiten, die ich mir im besten Fall blätternd, staunend oder mitfühlend zu eigen mache. Die schöne neue Welt des E-Books kommt mir dabei nicht entgegen: „In elektronischen Dateien“, schreibt Latz, „kann eine lineare Erzählstruktur viel leichter umgangen werden.“

Schade. Es ist gerade die Linearität, um derentwillen ich immer wieder zum Roman greife. Ich genieße es, dass mir der Autor die Entscheidung abnimmt und sich die Geschichte Seite für Seite entfaltet. Es ist, als würde ich auf der Stelle schwimmen, im Gegenstrom eines glasklaren Flusses. Während sich die Erfahrungen des Alltags in einem weitverzweigten Diagramm von Vorurteilen, Hypothesen, Entschlüssen und Korrekturen darstellen ließen (mit zahllosen nicht begangenen Wegen), ist die Erfahrung des Lesenden geprägt von Linearität, dem strömenden Element des Textes.

Auch der Leser formuliert Hypothesen, er kommentiert und revidiert, doch er tut es immer im Bezug auf das Gegebene, auf das er sich eingelassen hat. So fügt er sich in ein Verstehenskonstrukt, das in seiner logischen Schlichtheit von kühlender Schönheit ist. Der lineare Text erlaubt es mir, meine geistige Kraft auf die eigentliche Aufgabe des Lesers zu richten – den Raum zu füllen, der in der Prosa selbst des beschreibungswütigsten Autors immer nur umrissen ist.

Zum Beispiel Bernhard

Der Mensch erinnert in seiner Alltags- und Arbeitswelt an einem improvisierenden Solisten, der gezwungen ist, immer wieder neue Wege zu finden und zu begehen. Der Lesende dagegen gleicht dem Konzertbesucher; er sitzt auf weichem Polster im abgedunkelten Raum und lauscht den Klängen des Orchesters, die ihn kognitiv und emotional fordern. So entsteht im besten Fall das, was Hans Ulrich Gumbrecht Präsenz nennt. Auch der Konzertbesucher eilt gelegentlich voraus, er bildet Erwartungen und sehnt sich nach bestimmten harmonischen Auflösungen. Nur deshalb kann er überhaupt ins Staunen geraten über eine harmonische Neuerung oder einen überraschenden Tempowechsel. Aber er macht nicht die Musik.

Niemand hat das besser verstanden als Thomas Bernhard, dessen absatzlose Prosa schon auf den ersten Blick die Möglichkeit des reflektierenden Innehaltens, des Eingreifens verweigert. Der Bernhard-Leser setzt sich einem Redestrom aus, der tatsächlich pausenlos ist. Der Erzähler mag mit seinen wuchernden Tiraden zum Widerspruch einladen, doch für die Entgegnung lässt er keinen Platz. Der Text hat keine Kommentarfunktion. Der Bernhard-Leser braucht auch nicht zu scrollen oder zurückzublättern, wie es der Erzähler des Tristram Shandy seinem Leser einst empfohlen hat, er kann sich darauf verlassen, dass alles, was erinnernswert erscheint, beinahe obsessiv wiederholt wird. Darauf beruht die unverkennbare motivische Struktur von Bernhards Romanen, die an musikalische Kompositionen erinnern.

Eine Szene im Roman Holzfällen (1984) deutet darauf hin, dass Bernhard diesen Effekt explizit so verstanden hat. Der grantelnde Erzähler sitzt in einem Ohrensessel, als jemand eine Schallplatte auflegt. Ravels Boléro ertönt. Etwa 17 Leseminuten später bemerkt er, dass das Stück, das normalerweise etwa 17 Minuten dauert, zu Ende ist. Das zwischenzeitliche Romangeschehen, eine wüste Szene, deckt sich mit der Steigerungsstruktur der so verballhornten Komposition. Das Leseerlebnis ist ein musikalisches Erlebnis.

Wenn ich bekenne, dass ich Romane und Erzählungen lese, weil ich mir ein lineares, ein musikalisches, ein gewissermaßen unausweichliches Erlebnis wünsche, eine (gedankliche) Handlung, die sich im Hier-und-Jetzt eines auf das leere Blatt gezeichneten Koordinatensystems entfaltet, dann bekenne ich mich einerseits zu einem gewissen Eskapismus und verrate andererseits, dass mich interaktive Formen von Literatur nicht interessieren. Ich habe kein Bedürfnis, mich im Lesen unmittelbar zu äußern oder gar in den Plot einzugreifen. Noch weniger reizt es mich, auf die Äußerungen meiner Mitleser zu reagieren oder Links zu aktivieren, die mich zu irgendwelchen Realien führen. Mit Vladimir Nabokovs Fiktionalitätstheorie muss ich mich fragen: Was nützen mir die Erläuterungen von Terra, wenn ich auf Antiterra zu Hause bin?

Und so sind es die unverlinkten Texte, die im Programm von Hanser Box am meisten beeindrucken, darunter meisterhafte Erzählungen von Janne Teller (Afrikanische Wege), Colm Tóibín (Liebe und Tod) und A.L. Kennedy (Ein schlechter Sohn). Beim Lesen der Erzählung der dänischen Bestsellerautorin Janne Teller werde ich das Gefühl nicht los, dass es schön wäre, das gedruckte Buch zu besitzen, das ich im Regal bei den Novellen, irgendwo zwischen Peter Rosei (Von hier nach dort) und Colm Tóibín (Marias Testament) einreihen würde. Der innere Monolog einer verstörten Frau, die sich während einer Autofahrt in Kenia an die brutale Ermordung eines Liebhabers erinnert, ist schlicht mitreißend. Übrigens wirbt Hanser Box für Janne Tellers „dramatische … mit großer Eindringlichkeit erzählte … Geschichte“. Ist es nicht an der Zeit, den Begriff Novelle aus der literarischen Mottenkiste hervorzuholen? Kann es sein, dass das E-Book zu einer Renaissance dieser vernachlässigten Form beitragen wird? In dieser Hinsicht bin ich voller Hoffnung.

Gregor Hens, geboren 1965 in Köln, ist Germanist, Übersetzer, Autor. Zuletzt erschien von ihm Nikotin bei S. Fischer

06:00 02.12.2014
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