Lesen wie ein Salafist

Religion Thilo Sarrazin will die Gefahren des Islam aufzeigen. Leider erweist er sich dabei als sehr selektiver, schlampiger Leser des Korans
Lesen wie ein Salafist
Dem einen oder anderen wünscht man dann doch eine Schreibblockade

Foto: Joel Barhamand/Redux/Laif

Es gibt ein Video des salafistischen Wanderpredigers Pierre Vogel, in dem er den aus seiner Sicht „wahren Islam“ in 30 Sekunden erklärt. Mit kölschem Akzent rattert er eine dumpfe Programmatik herunter und jubelt am Ende: „DAS ist der Islam. Punkt. Wie lange habe ich gebraucht?“ In einer halben Minute erklärt er seinen mehrheitlich jungen Zuhörern sein Weltbild. Simpel und schwarz-weiß: Wer kommt in die Hölle, wer ins Paradies, was lehrt der Koran, was befiehlt er? Das, was islamische Gelehrte in einer über 1.400-jährigen Wissenstradition umfassend erforscht und niedergeschrieben haben, wird von Vogel und Konsorten als nichtig angesehen. Den „wahren Islam“ und das, worauf es ankommt, packen sie in einen Clip von 30 Sekunden.

Umgekehrter Salafismus

Das ist auch das Niveau von Thilo Sarrazins Buch Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht. Sarrazin macht sich die Vogel’sche Methode zu eigen und fasst auf wundervolle Art und Weise die „Grundaussagen des Korans“ auf einem Dutzend Seiten zusammen, um in den darauffolgenden Kapiteln abenteuerliche Rückschlüsse und Erklärungen zu liefern. Er praktiziert haargenau die salafistische Herangehensweise an den Koran, indem er einzelne Verse aus dem Zusammenhang reißt und sich daran bedient wie aus einem Werkzeugkasten. Er schnappt sich als Laie eine Koran-Übersetzung, pickt sich Stellen heraus, die in sein vorgefertigtes Konzept passen, und ignoriert die unglaublich reichhaltigen wissenschaftlichen Abhandlungen aus der islamischen Wissenstradition, wie Muslime mit dem Koran als Offenbarung Gottes umgehen und vor allem wie sie aus dem Koran etwas ableiten.

Denn das genau ist der Unterschied zwischen der überwältigenden Mehrheit der Muslime und salafistischen Demagogen. Wenn ein Muslim oder ein Nichtmuslim ohne dieses Rüstzeug an die Offenbarung herangeht und aus Koranversen willkürlich etwas ableiten will, kommt nur eins dabei heraus: Bullshit. Das ist bei Pierre Vogel so, das ist aber auch bei Sarrazin der Fall.

Sarrazins Lesart ist Salafismus pur. Er imaginiert, wie Muslime mit dem Koran umgehen, und projiziert dies auf die Muslime insgesamt, um daraus dann alle Probleme und Konflikte zu erklären. Nicht das Islamverständnis mancher Muslime ist das Problem, sondern DER Islam. Sarrazin hält sich gar nicht damit auf, wie Muslime historisch und gegenwärtig den Koran interpretieren und welche praktischen Konsequenzen sie daraus ziehen. Für ihn ist von vorneherein klar: Der Koran macht aus Muslimen Menschen, die Gewalt verherrlichen, Andersgläubige verachten und natürlich Frauen kollektiv unterdrücken.

Wie ein Salafist geht auch der vermeintlich aufgeklärte Sarrazin selektiv mit Koranversen um, ohne ihren inneren Zusammenhang verstehen zu wollen oder den historischen Kontext der einzelnen Verse zu betrachten. Das öffnet, wie bei Vogel & Co., Willkür und Missbrauch Tür und Tor. Hinzu kommt die falsche Behauptung, dass eine historisch-kritische Interpretation des Korans „bei vielen Autoritäten des Islam als unislamisch“ gelte, ja dass so eine Lesart sogar als Apostasie angesehen werde. Wie Sarrazin zu dieser Einschätzung kommt, bleibt ein Rätsel, denn unter den islamischen Gelehrten gab es unzählige Koran-Exegeten, die die Verse historisch-kritisch und den jeweiligen Offenbarungskontext einbeziehend ausgelegt haben. Dazu zählen traditionelle Exegeten wie at-Tabari (839 – 923), az-Zamachschari (1075 – 1144), al-Qurtubi (1214 – 1272) oder Ibn Kathir (1300 – 1373), Exegeten, die von der überwältigenden Mehrheit der Muslime anerkannt sind, auch heute noch.

Sarrazin suggeriert, dass er ergebnisoffen vorgegangen sei. Wie sehr er sich auch bemüht, schnell wird klar, dass das Ergebnis schon vor der Lektüre feststand. Mit seiner selektiven und willkürlichen Lesart, die vieles bewusst ausklammert, konnte er gar nicht zu einem anderen Ergebnis kommen, als von „feindlicher Übernahme“ zu schwadronieren. So funktioniert Panikmache.

Dieser Umgang mit dem Koran kommt einem aus einem anderen Kontext bekannt vor. Der antijüdische Autor Johann Andreas Eisenmenger sammelte um 1700 auf ähnliche Weise Textstellen aus der rabbinischen Literatur, die geeignet waren, das Judentum insgesamt zu diskreditieren und antijüdische Vorurteile zu schüren. Sein demagogisches Werk veröffentlichte er unter dem Titel Entdecktes Judentum, es gilt als populärste der von christlichen Autoren gegen die rabbinische Literatur verfassten Polemiken.

Sarrazin wäre nicht Sarrazin, wenn er nicht seinem Statistik-Fetisch huldigte. Durch selektives Heranziehen von Erhebungen und Studien versucht er, waghalsige Aussagen über geringe kognitive Kompetenzen von Muslimen zu rechtfertigen. Der konservative „Kopftuch-Islam“ degradiere die Frau zur „Geburtsmaschine“. Aus einem Koranvers leitet er ab, dass der Koran „Verwandtenheirat“ empfehle, sogar zwischen „Onkeln und Nichten“. Jeder Muslim wird da die Stirn runzeln, denn das ist sogar nach stockkonservativer Auffassung verboten.

Statistiken, die Sarrazins Sicht irgendwie stützen oder über drei Ecken vermeintlich untermauern, sind für ihn seriös erhobene Daten. Alle anderen wie etwa der „Religionsmonitor“ der Bertelsmann Stiftung werden als politisch korrekt beschimpft: Sie hätten Angst, schonungslos die Wahrheit zu sagen, und zensierten sich selbst.

Überhaupt wird immer wieder die Legende bedient, wie schwer es Islamkritiker hätten. Sie würden systematisch mundtot gemacht, Kritik sei nicht erwünscht, und man bekomme keinen Raum in den Medien. Die Opferhaltung, die Sarrazin Muslimen immer wieder zuschreibt, perfektioniert er selbst. Allein der Blick auf die islamkritischen Veröffentlichungen der letzten Jahre, die sehr oft in den Medien besprochen wurden und zu Bestsellern wurden, zeigt, wie realitätsfremd die Wahnvorstellung ist, man werde als Islamkritiker zensiert. Auch in diesem Punkt ähneln sich Sarrazin und Pierre Vogel: Beide fühlen sich verfolgt, beide sehen sich als Opfer, aber beide dürfen ihr Gedankengut frei äußern. Zwei Brüder im Geiste, die sich ähnlicher sind, als ihnen bewusst ist.

Info

Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht Thilo Sarrazin FinanzBuch 2018, 496 S., 24,99 €

06:00 30.08.2018

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