Liberté, Fraternité, Pappmaché

Berliner Abende Am Haus gegenüber hängt müde ein Textil in verschossenem Rot wie die Zunge aus einem toten Hund. Die alte Kremlfahne gibt ihre letzte Vorstellung. ...

Am Haus gegenüber hängt müde ein Textil in verschossenem Rot wie die Zunge aus einem toten Hund. Die alte Kremlfahne gibt ihre letzte Vorstellung. Eine schwarze Limousine knirscht heran. Die Tür wird aufgerissen. Zwei teure, blankgeputzte Herrenschuhe stellen sich aufs Trottoir. Sie stehen jetzt auf einem L. Ein L wie Liberté. Ich trete grade auf ein F, Fraternité. Historischer Grund und Boden. Da schreibt der Berliner gern Bedeutsames hin. Das ist praktisch. Er muss stets nach unten schauen, wenn es ihm nicht Leid tun soll. Ein Polizeikordon in weißer Sommeruniform drängt mich unsanft von meinem Buchstaben. Hier ist doch Bürgersteig. Egal. Ich werde erwartet. Vorbei an Drehständern mit Ansichtskarten und Schaufenstern mit Gesteinsbröckchen am alten Ende der Straße.

Ich öffne eine Tür aus Glas, auch hier ein Mann in Uniform. Über seinem Kopf ein Wort: »Utopia«. »Wohin des Wegs?« fragt er mich freundlich. Ich sage: »Nach Utopia«. Er schaut an die Wand. »The Name is no place«, lese ich laut. Neben dem Aufzug steht: »L´IEU QUI N´EXISTE PAS«. Da ziehe ich vor, die Treppe zu nehmen. Die Schrift an der Wand läuft mit. Das ist schick. Man nennt´s Design. Im ersten Stock drücke ich einen silbernen Klingelknopf. Auf dem Türschild lese ich: »Kiefernchirurg«. Ja, bin bestellt. Ja, werde abgeholt. Einstweilen sitze ich in einer verglasten Loge und verfolge das eben verlassene Schauspiel. Gemessen betritt ein korrekt gekleideter Herr die Verkehrsinsel, auf der eine Art Hundehütte steht. Was macht der Mann? Er berührt die Türklinke. Fast zärtlich die Geste, mit der er sie niederdrückt. Er scheint nicht zu erwarten, dass sie öffnet. Jetzt macht es Klick und blitzt. Fotografen knien. A wie Alpha. B wie Bravo. C wie Charlie. »Checkpoint Charly, Stelle der Vereinigung der Herzen. Ein Zeitalter, davongebraust, alles, was uns trennt, in Trümmern! Checkpoint Charly, warst du der Anfang oder das Ende?« hatte die Lyrikorgel Jewtuschenko emphatisch gejubelt und Versraketen übers Pappedach geschossen. Mir allerdings wird in diesem Moment eine Mühlradschürze, bleischwer, um den Hals gehängt. Ich betrete, naturgemäß nun in gebeugter Haltung, den vorgeschriebenen Kreis und werde mit der Stirn gegen einen Ring gepresst. Auf Zuruf beiße ich in einen Zapfen, der zuvor mit einer Art Kondom bezogen wurde. Ganz kurz der Eindruck, für eine Star-Trek-Rolle gecastet zu werden, schon finde ich mich unter einem gelblackierten Schwenkarm. Ein kleines Becken. Ein weißes Becherchen. Klack, die Tür schließt sich. Auf einem Monitor erscheint das Bild von meinem Mundraum wie durch Zauberhand. Irrtum ausgeschlossen. Der Schock geht tief. Habe ich den Wunsch geäußert mit meinem Restgebiss einmal allein zu sein? »Reißen, Schneiden, zermahlen, zerreiben«, blinkt der Bildschirmschoner unaufhörlich. Wovon spricht der große Bruder? Von der Mauer? Sag schon! »Unsichtbare Implantate! Unsichtbare Implantate!« proklamiert der Monitor; und meint er die Erinnerung?

»Wussten Sie, dass der Zahnschmelz die härteste Substanz ihres Körpers ist! Unglaublich, aber wahr. Und streckt so leicht die Waffen!« Die dialektal gefärbte Stimme irgendwo im Raum materialisiert sich. Ein Mann in Weiß hantiert mit unheimlichem Gerät. Sein Polohemd wird von einem dressierten Affen beworben. Er heißt Charly. Ein schmerzhafter Stich beginnt meine linke Gesichtshälfte zu lähmen. Der Stuhl wird gedreht. Der Mann verschwindet. Ein Reisebus hält. Japanische Touristen klettern heraus. Ein Teenie posiert hinter den Sandsäcken. Sie sind mit hartgewordenem Zement gefüllt. Believe it or believe it not! Wie meine linke Wange. Jetzt stellt sich ihr Freund an die gleiche Stelle. Was besichtigen die hier? Wechselnde Hintergründe? Haben sie eine blasse Ahnung? Von der einstigen Dekoration auf diesem Theater? Ein Häuschen, das mit Pomp und Schwenkkran abgebaut und dann mit Pomp und Schwenkkram wieder aufgebaut wurde, wie ein Mietklo? Nicht weit entfernt von meinem Stuhl, da draußen, lag ein 18-Jähriger und blutete zu Tode. Cut. Unversehens werde ich begraben unter einem blauen Laken. Zwei Schnitte. Warme Flüssigkeit füllt meinen nach Atem röchelnden Gaumen. Instrumente klirren auf meine Brust. Aber mich gibt´s nicht mehr. Ich bin ein aufgerissener Mund. Zahnfleisch spritzt. Jetzt wird gesägt. Adé, du meine Pulpazacke! Adé, mein linker Weisheitszahn! Vorbei! Zur Krönung wird es nie mehr kommen. Die Mauer gibt´s nicht mehr. Adé, du mein lieb Heimatland. Der kalte Krieg ist aus. Gehn wir. Einen Eisbeutel auf die betäubte Hälfte pressend, taumele ich die Stufen hinunter. Gegen die Worte: »Conception imaginaire«. Genau, hier gibt´s nichts mehr zu suchen als das teuerste Grundstück Europas, Charlies Minidom und alte Hüte. Alles andere ist eine Frage der Imagination.

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00:00 10.08.2001

Ausgabe 42/2021

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