Liebe und andere Katastrophen

Medientagebuch Das TV-Event "Die Luftbrücke" musste am Sonntag gegen den aktuellen "Brennpunkt" antreten

Am Sonntagabend, den 27. November, lieferten sich zwei Sendungen ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer, die sich unterschiedlicher nicht denken ließen. Das Erste Programm strahlte um 20.15 Uhr einen Brennpunkt des WDR aus, der aktuell über die Folgen des Wintereinbruchs in Nordrhein-Westfalen berichtete. Der für diese Zeit angekündigte Tatort, der diesmal vom NDR kam, musste warten. Auf Sat1 startete hingegen pünktlich der erste Teil des von Nico Hoffmann produzierten Fernsehfilms Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei, den Martin Rauhaus schrieb und Dror Zahavi inszenierte.

Während der Brennpunkt darüber informierte, wie Menschen im Münsterland seit Freitag ohne Strom leben mussten, aber diese Lage eher fidel als angestrengt erlebten, erzählte der Zweiteiler episch breit vom Leben in Westberlin während der Blockade durch die sowjetischen Besatzungstruppen im Jahr 1948. Zwei Vorstellungen von Katastrophe wurden parallel entworfen: Im Brennpunkt galt der Verlust an Strom und die Erfahrung von Kälte und Notunterkunft als Schrecken der Zivilisation, während Die Luftbrücke einen entbehrungsreichen Winter imaginierte, den die Berliner Bevölkerung mehr schlecht als recht dank der Lieferung der amerikanischen (und britischen) Flugzeuge überlebte.

Die Zuschauer entschieden sich mehrheitlich zunächst für den Brennpunkt; der anschließende Tatort, in dem es um die Erfahrung deutscher Soldaten im Kosovo ging, hingegen verlor im Vergleich zur Luftbrücke an Zuschauern. So wichtig die Einschaltquoten in den Fernsehsendern genommen werden, so unwichtig sind sie oft, was das tatsächliche Verhalten der Zuschauer betrifft, da sie nur Momentaufnahmen liefern und wenig über mittelfristige Veränderungen aussagen. So starten beispielsweise die meisten langlaufenden Serien wie derzeit die Telenovelas traditionell schwach, ehe sich der Zuschauer an ihrem zuckersüßen Kitsch gewöhnt haben.

Aber die Quoten dieses Sonntags kann man durchaus ernst nehmen. Die Zuschauer reagierten zum einen auf die heftigen Werbeanstrengungen des Senders Sat1, das mit Plakaten, Trailern und kräftiger Eigenreklame für seinen Zweiteiler mobilisiert hatte. Und diese verhießen vor allem, dass es im Film vor allem um eine Liebesgeschichte ging. So ließen sich die Zuschauer von der Romanze zwischen dem amerikanischen General Turner (Heino Ferch) und der deutschen Sekretärin Kielberg (Bettina Zimmermann), die sich während der Zeit der Luftbrücke zartest entspinnt, gefangen nehmen. Wenn man so will, vertrauten sie sich dem eskapistischen Modell der filmischen Erzählung an, das noch mitten in den größten Wirren der Menschheitsgeschichte ein Stück Lebensglück entdeckt haben will. Gleichzeitig wollten sie zum anderen aber etwas über die Realerfahrung im stromlosen Münsterland erfahren, wollten leise fröstelnd mittels Fernsehen teilhaben an der Wirklichkeit, im Kalten und Dunkeln zu sitzen.

Wer die Luftbrücke an zwei Abenden durchhielt - auch am Montag, den 28. November, blieben die Zuschauerzahlen für Sat1 stabil hoch -, wird sich am Ende gefragt haben, ob der Zeitaufwand für dieses klassisch erzählte Melodram gelohnt hat. Denn am Ende kommt es so, wie es in diesem Genre immer kommt. Eine der Hauptpersonen, meistens ist es die Frau, versagt sich ihrer Gefühle und kehrt zur Pflicht, sprich zu Ehemann und Kind, zurück. Dass der Geliebte zu seinem nächsten Einsatz abberufen wird, erleichtert die Sache ungemein. Wenn man so will, spielen hier Realgeschichte und die fiktionale Verzichtsbotschaft Hand in Hand. Natürlich wird der Verzicht pathetisch überhöht und mit Verweisen auf legendäre Kino-Melodramen wie Casablanca durchsetzt. Aber die Frage, die manchen Rezensenten umtrieb, ob es sich um zuviel Hollywood in diesem Zweiteiler gehandelt habe, ist absurd gestellt. Anders als in Casablanca fehlt es der Luftbrücke an jedweder Ironie oder Leichtigkeit. Hier werden die Gefühle wie die Probleme als "Aufgaben" begriffen, die gelöst werden müssen.

Man kann also sagen, dass es dem Zweiteiler an richtigem Hollywood-Feeling mangelte. Das gilt für die Trickaufnahmen, in denen ein Flugzeug an das andere wie Briefmarken in ein Album geklebt wurde oder ein Flugzeugabsturz wie mit dem Mund gemalt aussah. Auch die heroischen Momente missrieten. Als Heino Ferch Berliner Boden betritt, gibt er sich alle Mühe so zu wirken, als sei er Bruce Willis. Und fast nimmt man ihm die physische Präsenz ab. Doch dann zwingen ihn Buch und Regie dazu, nicht nur in die Decke des Casinos zu schießen, sondern auch gleich die eifrige Kellnerin zur Sekretärin zu befördern, auf dass die Liebesgeschichte seinen Lauf nehme. Ab dann spielt Ferch den eher nachdenklichen Intellektuellen als den brachialen Soldaten. Vielleicht weil er im Vergleich mit Ulrich Noethen, der den aus dem Krieg heimkehrenden und lange als vermisst geltenden Ehemann der Sekretärin spielt, nicht schlecht abschneiden wollte. Noethen hatte die undankbare Aufgabe, nicht nur den von Erinnerungen gequälten Kriegsheimkehrer und eifersüchtigen Gatten spielen, sondern zugleich noch als das soziale Gewissen des Films herhalten zu müssen. Da er Arzt ist, darf er im zweiten Teil von Zeit zu Zeit daran erinnern, wie es dem Gros der Bevölkerung während der Blockade erging.

So wie das Elend bleibt auch der realgeschichtliche Hintergrund, den der Film mit Truman- und Stalin-Szenen widerzugeben vorgaukelt, nur Staffage für die Liebesgeschichte. Wie es in den Historienschinken von Nico Hoffmann üblich ist. Wollte man das Schnee-Chaos im Münsterland verfilmen, käme man wohl ebenfalls ohne eine saftige Love-Story nicht aus. Vielleicht verliebte sich dann ein Stromtechniker des mächtigen Energiekonzerns in die Ehefrau des größten Bauern am Orte, der zur selben Zeit im Bundestag für Angela Merkel und die Große Koalition stimmte und seine Liebe an die Politik zu verraten droht. Nico Hoffmann, übernehmen Sie!


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00:00 02.12.2005

Ausgabe 39/2020

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