Lieber Fieber

Ausstellung Die Rolle des zeitgenössischen Historienmalers ist Daniel Richter zu eng geworden. In Frankfurt am Main präsentiert er den Befreiungsschlag
Alexander Jürgs | Ausgabe 42/2015 1

Er war abgetaucht, auch wenn man das gar nicht so richtig bemerkt hatte. Schließlich gab es doch immer mal wieder eine Schau, in der seine Werke zu sehen waren. Und natürlich hörte auch der Hype nicht auf um den international erfolgreichen Kunststar, den anarchischen Malerfürsten. Die Geschichte vom Punk aus der Hamburger Hafenstraße, der für die Goldenen Zitronen Plattencover malte (Lonely Old Slogan, 2006) und zur Lichtgestalt der Kunstszene avancierte, sie wurde fleißig weiter erzählt. Dass es bei seinen Galeristen Wartelisten gebe für Bilder, die er noch nicht einmal begonnen habe, hieß es.

Das Durch-den-Tag-Fallen

Währenddessen arbeitete Daniel Richter in seinem Atelier in Berlin-Charlottenburg an den neuen Gemälden, die ein Bruch sein sollten mit seinem bisherigen Werk. Zwei Jahre widmete er den beiden Bilderserien, nun sind sie zu sehen. Gut zwei Dutzend Gemälde, dicht an dicht gehängt in der Schirn-Kunsthalle, nicht nach Serien getrennt, sondern durchmischt. Dass sie nicht „nach und nach und häppchenweise in verschiedenen Galerien“ zu entdecken sind, sondern als Komplettpräsentation im Frankfurter Ausstellungshaus, darauf ist Schirn-Direktor Max Hollein spürbar stolz. Und das Interesse ist riesig. So eng wie bei der Ausstellungseröffnung am vergangenen Donnerstag wird es selbst in der von Besucherrekorden verwöhnten Schirn nur selten. Dass die neuen Bilder sehnlichst erwartet wurden, hatte aber auch schon die ausufernde Vorabberichterstattung mit einer ganzen Handvoll Richter-Interviews gezeigt. Selbst der Bild-Zeitung diktierte der Maler seine Weltsicht ins Mikrofon – nicht ohne den Hinweis, dass er als 25-Jähriger noch jeden, der dem Blatt aus dem Springer-Verlag Rede und Antwort stand, als „Verräter“ und „Schwein“ beschimpft habe.

Die neuen Bilder sind grell, flächig, naiv, bunt. Sie haben Wucht, ohne Frage. Man sieht unscharf konturierte Farbflächen in der einen Serie. Man sieht unscharf ineinander verschlungene Körper in der anderen. Farbfeldmalerei und Porn Chic. Diese Bilder erschlagen einen im ersten Moment, gerade auch wegen der ungewöhnlich dichten Hängung. Hello, I love you, die verspielte Hymne von Jim Morrison an die freie Liebe, an das Durch-den-Tag-Fallen, hat Richter als Ausstellungstitel gewählt. Und tatsächlich wirkt das meiste, was hier an den strahlend weißen Wänden hängt, wie eine psychedelische Fingerübung, wie ein gemalter Trip.

Was man dagegen nicht mehr entdeckt, ist das Anekdotische der früheren Malereien von Daniel Richter. Häufig und gewiss nicht zu Unrecht wurden sie als zeitgenössische Historienbilder beschrieben. Die neuen Werke des 52-Jährigen aber erzählen keine Geschichten mehr. Die politische Symbolik, die Motive, die einen sonst automatisch an Demonstrationen, an Aufmärsche und subkulturelle Riten denken ließen, sie sind in den neuen Arbeiten verschwunden – genauso wie alles Feinteilige, die Beschäftigung mit den Details. Und das Bedrohliche, das Düstere ist in den Hintergrund getreten. Richters neue Bilder strahlen, sind von einer geradezu fiebrigen Farbigkeit.

Mit Spachtel und Pigmentstift

Es ist nicht das erste Mal, dass der Künstler seinen Stil auf sehr markante Weise geändert hat. Begonnen hatte Daniel Richter, der an der Hamburger Hochschule für bildende Künste bei Werner Büttner studiert und als Assistent von Albert Oehlen gearbeitet hat, mit abstrakten Gemälden. Zu Beginn der Nullerjahre nimmt er dann immer mehr figurative Elemente in seine Werke auf. Referenzen an die Popkultur, an die Kunstgeschichte, an die dokumentarische Fotografie werden bestimmend, Richter wird gefeiert als Dokumentarist des Rebellischen. Man kann die neuen Arbeiten deshalb nun auch als Rückkehr zur Abstraktion, als Abwendung von der Figur deuten. Der Maler selbst verweigert sich dieser Interpretation. Richter hat häufiger darauf hingewiesen, dass ihn die Differenzierung zwischen Abstraktion und Figuration nicht interessiere.

Er selbst erklärt, dass ihn vor allem Langeweile zu den neuen Werken gebracht habe. Nach einem Urlaub sei er zurückgekehrt in sein Atelier und habe mit den dort herumstehenden, halb fertigen Bildern, die er in einem Interview für den Ausstellungskatalog als Werke „aus dieser psychedelischen, talibanesken Männerkitschromantik-Serie“ bezeichnet, nichts mehr anfangen können. Er will etwas Neues schaffen. Richter stellt – so jedenfalls beschreibt er es – strenge Regeln auf, die seine weitere Produktion bestimmen sollen. Statt mit dem Pinsel arbeitet er nun fast ausschließlich mit dem Spachtel. Für die Konturen verwendet er einen Pigmentstift. Den Farben mischt er grundsätzlich Weiß bei.

Regenbogenhafte Streifen bestimmen die Hintergründe der Serie mit den Körpern. Die Figuren gehen ineinander über, klare Grenzen sind nicht auszumachen. Auch bei diesen Bildern hat Richter noch mit Vorlagen gearbeitet, mit pornografischen Bildern aus dem Netz. Was sie en détail zeigen, ist aber nicht auszumachen. Die mit dem Pigmentstift aufgetragenen Linien schaffen eine Nähe zu Street-Art und Graffitikunst. Die Titel sind gewohnt rätselhaft-humorig. The Katzengang heißt eines der Bilder, Die Fertiggemachten, Supreme cunnilingus oder Happy man, the hippie man andere. Einige Bilder deuten durch ihren Titel auf kunsthistorische Vorbilder. Asger, Bill und Mark etwa, das einen an Asger Jorn, den Begründer der Künstlergruppe Cobra, und die abstrakten Expressionisten Willem de Kooning und Mark Rothko denken lässt. Oder Francis, der Fröhliche. In einem dunkelgrünen, mit schwarzen Linien überdeckten Kopf in der oberen Bildhälfte meint man gleich, eine Francis-Bacon-Fratze zu entdecken.

Die Bilder aus der zweiten Serie sind noch einfacher, flacher und reduzierter. Sie erinnern an Landkarten. Mit schwarzen Konturen sind Grenzen zwischen sattgrünen, knallgelben oder pinkfarbenen Flecken gezogen. Auch Titel wie Lob der Kleinstaaterei oder Imperiale Freuden unterstützen diese Lesart. Man könnte aber auch Amöben ausmachen, die sich dort auf der Leinwand aneinanderschmiegen. Mit seiner Malerei würde Richter dann den Blick durchs Mikroskop simulieren – und das Ganze in poppige Farben tauchen.

Was will Daniel Richter mit seinen neuen Bildern? Steckt eine Strategie hinter dem Stilwechsel? Dass seine neuen Malereien auf den Großteil der Betrachter irritierend wirken werden, dürfte der Maler geahnt haben. Zu einer bewussten Verweigerung gegen die Sammler, zu einem Affront gegen die Gesetze des Markts sollte man sie aber nicht überhöhen. Dafür bleiben die Arbeiten trotz aller Brüche doch erkennbar seine Werke: Die Neon-Farbigkeit, die bestimmenden Konturen, die unfertigen Gespenstergesichter, das sind alles ziemlich eindeutige Richter-Trademarks. Als Versuch, aus der Rolle des politisch engagierten Historienmalers herauszutreten, kann man sie wohl trotzdem begreifen.

Dass man Kunst eben wegen der Kunst betreibe, hat Daniel Richter in diesen Tagen häufiger gesagt. Für ihn dürften die neuen Arbeiten vor allem ein Befreiungsschlag sein. Im Interview für den Ausstellungskatalog vergleicht er seine Malerei mit der Zubereitung eines Essens. Waren seine vorherigen Werke meist wie ein Siebengängemenü, dann sind die neuen „eher wie ein Borschtsch“. In der Ausstellung liegt „das Zeug“ jetzt da, „wie Gemüse“. Und nun? „Jetzt muss ich mit dem Gemüse den nächsten Eintopf zubereiten“, sagt Daniel Richter.

Info

Hello, I love you Daniel Richter Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 17. Januar 2016

06:00 28.10.2015

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