Liebevolle Panzer

Ausstellung Der Kunstverein Ost zeigt das gerade noch gerettete Lebenswerk von Jürgen Wittdorf. Es ist ein meisterhaftes Sammelsurium voller Zärtlichkeit und Homoerotik

Wenn wir Pornos sehen, finden wir es erotisch, wenn den Darstellern die Gesichtszüge und Bewegungen entgleiten. Wir lieben es, wenn authentische Lust dieses völlig vermarktete, abgekartete Schauspiel aufbricht, selbst wenn auch dieses Authentische inszeniert ist. Wir wollen nicht nur Hüllen, sondern auch Hierarchien und Rollen fallen sehen.

Die von Stephan Koal kuratierte Ausstellung Jürgen Wittdorf: Lieblinge im KVOST funktioniert ähnlich. Hier beobachtet man, wie dem sozialistischen Realismus die stereotypen Gesichtszüge und Posen entgleiten, wie DDR-Arbeiter und -Sportler das Heroische abstreifen, menschlich und schwul werden. Weit davon entfernt, wirklich pornografisch zu sein, erzählt die Ausstellung die exemplarische Geschichte des marginalisierten, vergessenen schwulen Künstlers, der mitten im Kalten Krieg in einem Arbeiter-und-Bauern-Staat groß wird, in dem Homosexualität zwar nicht unter Strafe steht, aber absolut geächtet ist.

Männerküsse, Zigarettenrauch

1963 bringt der Verlag Junge Welt seinen Holzschnitt-Zyklus Für die Jugend als Offset-Druck in einer Auflage von 10.000 Exemplaren heraus. Der Stil ist realistisch-dekorativ. Doch völlig ungewöhnlich ist die Lässigkeit, mit der die Jugendlichen gezeigt werden, die Anspielungen auf die westliche Halbstarken-Kultur der Fifties. Nicht nur die Girls werden angeschmachtet, auch die Jungs blicken sich ein bisschen zu tief in die Augen. Diese noch verhaltene Homoerotik kommt im Zyklus Jugend und Sport (1964) richtig zum Tragen. Hier laufen geile Bauarbeiter mit Sixpack und Holzschnitt-Behaarung rum, man posiert mit muskulösen schwarzen Typen aus sozialistischen Ländern für Freundschaftsfotos oder seift sich im Duschraum der Sportschule ein.

Die Druckgrafiken haben eine große Verbreitung in der DDR, ebenso wie Wittdorfs Kinderbücher. Er prägt eine humanere, fröhlichere Version des sozialistischen Realismus. Doch als er 2018 mit 86 Jahren verstirbt, ist dieser Ruhm vergessen. Jetzt will das Sozialamt posthum noch Geld für seine Pflege reinholen. Der gesamte Hausrat seiner Friedrichshainer Wohnung wird 2019 versteigert. Auch seine „Lieblinge“, die Zeichnungen, Drucke, Holzschnitte und Keramiken, die er ein ganzes Leben lang wie ein Privatmuseum gehütet hat. Zum Glück erfährt der Sammler und Kurator Jan Linkersdorff von der Auktion und kann große Teile des Vermächtnisses retten.

Interessanterweise wird Wittdorfs Kunst auch im Kunstverein wie eine Materialsammlung präsentiert. Seine Keramikteller, die zuvor in seinem Bad hingen, finden sich jetzt dicht an dicht als Cluster arrangiert im Schaufenster. Klassische, bis zum Kitsch idealisierte Sportler und Jünglinge hängen neben Gesichtsporträts von langhaarigen, bärtigen Männern. Man ahnt den Biergeschmack, Männerküsse, Zigarettenrauch. In der Ausstellungshalle sind über 100 Bilder zu sehen, die so, wie Wittdorf sie gerahmt hatte, in einer Petersburger Hängung an die Wände gebracht wurden. Dies ist nicht nur ein Lebenswerk, sondern ein Werk, mit dem gelebt wurde.

Jürgen Wittdorf, 1932 in Karlsruhe geboren, aufgewachsen in Königsberg, 1944 die Flucht, Schule in Stollberg im Erzgebirge. 1949 Eintritt in die FDJ, 1952 Studium an der HGB in Leipzig. Er wird Auftragskünstler, illustriert, macht Kunst am Bau, unterrichtet. Nach der Wende ist beruflich Schluss. In der neuen Zeit ist kein Platz für seinen realistischen Stil. Dieses deutsche Leben breitet sich in der Schau wie ein Memoryspiel aus, ohne Chronologie und System. Alles hat die gleiche Bedeutung: die Dromedare im Tierpark, die Akte, Selbstbildnisse, die Nackten in Leder, die Topfpflanze auf dem Fensterbrett. Das alles sieht erstaunlich „normal“, „charmant“ aus, selbst der Kumpel im Lederharnisch.

Genau hier wird es interessant. Denn natürlich sind Wittdorfs Hähne, Pilze und Männerkörper ideologisch kontaminiert. Naivität sei eine große Kraft, hat der Künstler einmal gesagt, dem bis in die späteren 1960er wohl selbst nicht klar war, dass er schwul war. Die Funktionäre, die ihm vorwarfen, sein Zyklus Für die Jugend sei zu „westlich“, wussten es da schon. Denn das System, das Homosexualität ächtet, muss sie erkennen. Die konservativen Traditionen, auf die Wittdorf sich bezog, waren Barock, männliche Akte und Historienmalerei des späten 19. Jahrhunderts. Und natürlich die völkischen Darstellungen des soldatischen, wie eine Maschine arbeitenden Männerkörpers, die im Faschismus und im Stalinismus die Vorstellungen vom „Mannsein“ geprägt hatten. Viele Schwule in Ost und West tarnten ihre Fantasien bürgerlich: mit pädagogischem Eros, Begeisterung für die Antike, das Soldatische.

In Wittdorfs Nackten manifestieren sich Wünsche nach Nähe und Intimität, aber auch die Vision, dass hinter den Körperpanzern, hinter dem homophoben System ein zarter, liebender Kern schlummern möge. Seine „naiven“, liebenden Arbeiter und Sportler sehen so aus, als würden sie gleich aus den Zwängen ausbrechen, die Kontrolle verlieren. Doch ähnlich wie in der Pornografie ist auch dieser Kontrollverlust inszeniert – und lässt das System menschlicher aussehen, als es ist.

Info

Jürgen Wittdorf: Lieblinge Kunstverein Ost, Berlin, bis 14. November

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