Lindemanns Heidenröslein

Lyrik Nora Gomringer würde das Skandalgedicht des Rammstein-Sängers veröffentlichen. Hier schreibt sie, warum
Lindemanns Heidenröslein
Lindemanns lyrisches Ich inmitten von lyrischen Dus

Foto: Jens Rötzsch/Ostkreuz

Für viele Gymnasialschülerinnen und -schüler in Deutschland steht das Abitur an. Es wird eine Leistung sein, die in diesem Jahr unter erschwerten, besonderen Bedingungen zu erbringen sein wird. Die Vorstellung, die Prüflinge erhielten im Fach Deutsch die Möglichkeit zum Gedichtvergleich zwischen Till Lindemanns Wenn du schläfst und Johann Wolfgang Goethes Heidenröslein schneidet die derzeitige biedermeierliche Bedürfnislage im Land scharf ein. Nach dem Motto: Wenn Corona draußen wütet, brauchen wir drinnen Erbauung (und Klopapier) und nichts anderes. Das Magazin Rolling Stone erklärt seinen Lesern, dass Till Lindemann ein Mann vieler Talente sei: Schauspieler, Bildender Künstler, ehemaliger Leistungssportler, Sänger der Band Rammstein und eben Dichter. Als dieser hat er zwei Lyrikbände beim Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht, der neueste ist Anfang März erschienen, heißt 100 Gedichte und enthält den besagten Text. Goethe, vielgepriesenes Universalgenie, und Lindemann in einem Raum – die Vorstellung ist also vielleicht gar nicht so schräg.

Beide Männer sind erfolgreich in ihrer Zeit, sie reisen viel, kennen die Welt, beide schreiben sie in ihrer Lyrik über dunkle, mit Sehnsüchten und Tabus belegte Themen, beide haben sie im erwähnten, aber fingierten Abiturfall Gedichte vorgelegt, die explizit und implizit das Thema Vergewaltigung behandeln. Zwei deutsche Dichter höchst unterschiedlicher Rezeptionskreise sitzen im selben Topf. Lindemanns Gedicht erregt seit ein paar Tagen die heißlaufenden Sozialen Medien, die Menschen haben Zeit zum Lesen, Mutige nehmen ein Buch mit in den Park und versuchen, für eine kurze – von der Polizei unbehelligte – Weile auf einer Bank zu sitzen, also lesen sie sogar mal Lyrik, denn die ist ob ihrer Kürze gute Fluchtlektüre. Das passt zu Lindemanns großen romantischen Themen der Natur um und in uns, der Liebe, dem Körper, dem Bösen, der Gewalt, der Einsamkeit, dem Tierischen in uns und an sich. Liest man 100 Gedichte im Stile Lindemanns hintereinander weg, verlangt es einem nach dem Sitzen in einer Laube und einem Bier in der Hand, denn man ist – vor allem, wenn man sich die beständig provozierten feministischen Knochen von ihm malträtieren lässt – ermattet.

Soweit muss man es nicht kommen lassen. Das Gedicht Wenn du schläfst ist so einfach, dass es den, der Lyrik als kunstvolles Rätsel schätzt und versteht, viel zu sehr „bedient“. Ich will ihm etwas hinzuinterpretieren, doch es gelingt mir nicht. Der Sprecher, die Sprecherin des Gedichts ergötzt sich am Sleeping Beauty-Phänomen und -Fetisch, „liebt“ es, wenn das Objekt seiner Lust schläft, während er oder sie sich an ihm oder ihr vergeht. Ein „Segen“ ist ihm oder ihr der widerspruchs- und bewegungslose, bewusstlose Körper des Mannes, der Frau – egal, eines Menschen. Auf die heftigen Angriffe gegen das – vielen sittenlos erscheinende – Gedicht hat der Verleger Helge Malchow sich zu Wort gemeldet und die Leser- und Kritikerschar eine Stunde vor dem Abitur noch einmal mit der Ermahnung abgefangen, das lyrische Ich nicht mit dem Autor zu verwechseln. Und Recht hat er, sollte dies der einzige Motor der Entrüstung sein, dieses klassische, langweilige Vertun und Verteufeln des Autors.

Die Regeln des poetischen Spiels

Allerdings geht es – vielleicht wie im Falle des titellosen Gedichts Eugen Gomringers, das mit der Zeile „avenidas“ beginnt – um eine der Literatur und ihren Produkten auferlegte Hypermoralisierung. Während wir im Kinothriller gebannt zusehen, wie das im Gedicht erwähnte Rohypnol ins Glas gekippt wird, damit das Verbrechen geschehen kann, dessen Aufklärung wir dann beiwohnen und uns durch die Begleitung des Detektivs etwa in Kollektivkatharsis vom Bezeugten reinigen können, bleibt das Gedicht auf der Ebene der Rollenrede rund um das Verbrechen, wirkt dadurch den Umstand verherrlichend. Nach den ersten Entrüstungsäußerungen auf Facebook schrieb ich, dass ich Lindemanns Gedicht „in bad taste“ erachtete, er es natürlich so schreiben darf, ich es so als Verleger wohl nicht veröffentlicht hätte.

Mittlerweile und im Lichte und nach Lektüre des ganzen Bandes nehme ich meine letzte Aussage zurück: Ich würde es auch veröffentlichen. Denn Lindemann mag mir nicht gefallen als einer, der die Dinge poetisch unverstellt beim Namen nennt, aber er bleibt sichtbar mit seinen Fantasien und Phantasmen und ich fürchte mich weit eher vor denen, die im Dunkeln bleiben. Säßen wir nun also mit im Abitur von Leon, 18, und er würde sich plagen mit dem Vergleich der beiden Texte, wir müssten ehrlicherweise zustimmen, wenn er zu dem Schluss käme: Gedichte sind bestimmte, einem durch Konventionen und Traditionen geformten Kanon oder dessen gezielter Ablehnung unterworfene Werke der sprachlichen und gedanklichen Auseinandersetzung Einzelner mit der Welt. Wie der Einzelne die Welt sieht, was er darin erfährt, erdenkt, ersehnt, anprangert und erreichen möchte, mag vollständig oder Teil seiner Aussage im Gedichttext sein. Niemals aber sind wir angehalten, ohne triftigen Grund, den Autor mit dem im Text auftretenden „Ich“ gleichzusetzen und dadurch endgültige Schlüsse auf dessen Geisteszustand, seine moralischen Überzeugungen oder Absichten zuzulassen.

Dies sind die Regeln des poetischen Spiels, dies sind die Freiheiten der Meinung, die unter §5 im GG geschützt sind in Deutschland, dies sind die Wahrheiten, unter denen eine Dichterin einen Kollegen stützt, nicht ohne Eigennutz, denn sie ist selbst besorgt, zukünftige Angriffe auf die Freiheit der Kunst mit noch größerer Vehemenz und Tragkraft miterleben oder selbst hinnehmen zu müssen. Bange erwarte ich beinahe die kollektive Anprangerung aller KiWi - Autorinnen und Autoren, weil sie sich nicht streng gegen eine Veröffentlichung von solcherlei „Machwerk“ und ihre gleichzeitige Namensnennung mit dem Kollegen Lindemann etwa gewehrt haben und will sagen: Dem Einzelnen sei dies belassen, aber eine generelle Regelung abzuleiten, widerspricht dem Sinne der Demokratie.

In Lindemanns Band stehen ein paar Wahrheiten, die Beachtung verdienen und unsere ängstlich Corona-gerüttelten Seelen durchaus betroffen machen:

Blüten

Die Kirschen blühen an den Zweigen

Weißer Tüll ins Holz geküsst


So der Frühling wird sich zeigen

Bläst uns Frohsinn in die Brust

Warme Tage

Kalte Nacht


Vom Frost gepflückt die Blütenpracht

Schlag den Schädel an die Wand

Lang her dass ich in Blüte stand

Hätte man dieses Gedicht dem anderen vorangestellt, die Rezeption des Schlaf-Gedichtes hätte mitunter eine gänzlich andere Melodie in der Leserschaft anklingen lassen. Man könnte daraus, die Wehklage eines ältlichen männlichen Barden vernehmen, der den Verlust von Potenz und damit Lebenskraft besingt. Alle anderen Gedichte hätten in Folge diesen Beiklang, wären entlarvt und verharmlost. Dies ist die Macht der Sprache.

Nora Gomringer ist Lyrikerin, Rezitatorin und Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015. Sie lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet. Zuletzt erschien von ihr Gedichte aus/auf Netzhaut: - vom Verhandeln des Poetischen im Öffentlichen. Münchner Reden zur Poesie (Stiftung Lyrik Kabinett 2019).

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09:43 09.04.2020

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