Literatur gefährdet Ihre Gesundheit

Ich stehe jeden Tag einmal vor dem Spiegel, um zu prüfen, ob alles noch an seiner für mich richtigen Stelle ist. Gestern bemerkte ich, dass ein ...

Ich stehe jeden Tag einmal vor dem Spiegel, um zu prüfen, ob alles noch an seiner für mich richtigen Stelle ist. Gestern bemerkte ich, dass ein garstig Haar meiner rechten Augenbraue sich stark nach links streckte, fast so, als ob es zur anderen Braue überlaufen wollte. Ich benetzte meinen Finger, versuchte, das Haar zur Räson zu bringen. Nichts. Auch der Versuch, unter Zuhilfenahme meiner ausgefransten Zahnbürste das widerspenstige Anhängsel in Reih und Glied zu befördern, schlug fehl, so dass ich annehmen muss, dass ich mich nunmehr in einen Martin-Walser-Mutanten verwandle. Sie wissen schon, dieser Dichter, der neben seiner wilden Reden auch ob seiner struppigen Augenbrauen gefürchtet ist. Es geht das Gerücht, dass er mit seinen phänomenalen Exemplaren in seiner Bücherklause bisweilen die Regale abstaubt.

Mir kam der Gedanke, ob es an einer falschen Lektüre liegen kann, dass Teile meines Körpers sich plötzlich gegen mich erhoben. Und plötzlich prasselte ein Erkenntnisgewitter auf mich ein: Beim Lesen eines Buches lässt man dessen Inhalte so fromm und frei auf sich einströmen, es sollte einem bange werden. Die Psychosomatik lehrt, dass sich Gedankeninhalte auf die körperliche Verfassung niederschlagen können. Was, wenn es Bücher gibt, die einen krank machen? Ich erinnerte mich, wie allein mein Gemüt verrutschte, als ich zum ersten Mal 1984 von George Orwell las. Oder ich nicht mehr zur Schule gehen wollte, nachdem ich Alfred Anderschs Vater eines Mörders zuklappte. Gar nicht zu reden von den vielen schlechten Büchern, die man auf Empfehlungen von vormals guten Freunden zur Hand nahm und die einem rasch jegliche Laune verdarben.

Seit Oktober diesen Jahres prangen auf den Zigarettenschachteln des Landes Warnhinweise zum Schutz der Raucher. Warum, stellt sich mir die Frage, gibt es derartige Ratschläge nicht auch auf den Schutzumschlägen von Büchern? Auf Paulo Coelhos Elf Minuten müsste stehen: "Dieses Werk könnte Ihren Intellekt beleidigen". Die Bücher von Henning Mankell trügen den Vermerk: "Es besteht die Gefahr, beim Lesen dieses Werkes qualvoll der Langeweile anheim zu fallen". Hinweise auf Bohlens Bücher würden allerdings keinen Sinn machen, da dieses Klientel des Lesens sowieso nur peripher mächtig ist.

Frau Gesundheitsministerin, ich fordere eine sofortige Prüfung des Sachverhalts. Eine Kommission! Schluss mit den Reförmchen! Großes Handeln ist gefragt. Die geistige Gesundheit des Landes ist in Gefahr. Frau Schmidt, hören Sie mich? Frau Schmidt?


00:00 07.11.2003

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