„Wenn Sie wollen, bin ich ein Spezialist"

Literatur Walter Boehlich hat sich eingemischt, kommentiert, kritisiert und blieb doch immer ganz sachlich – seine Briefe zeigen einen vorbildlichen Intellektuellen

Die Bezeichnung „Intellektueller" war hierzulande zwölf Jahre lang (und davor und danach) ein Schimpfwort. Und dann ein Ehrentitel. Aber wie erkläre ich dem auf die schnelle Kommunikation abonnierten Nachwuchs, was damit gemeint war? Wer es wissen will, sollte diesen Briefwechsel lesen, man muss nicht der Reihe nach von 1944 bis 2000 vorrücken, um zu begreifen, was Stil war, wie Klugheit, Humor, Wissen und Gewissen plus Engagement sich auf elegante Weise zusammenfügen ließen. Wer die Briefe der Reihe nachliest, wird zusätzlich viel über die Entwicklung der Hoffnungen und Sorgen in diesem halben Jahrhundert nach der Nazi-Diktatur lernen. Und apropos Diktatur auch über die verscherzten Möglichkeiten, sich mit der DDR (ohne Gänsefüßchen) zu befassen.

Walter Boehlich war Lektor, Autor, Übersetzer und vor allem ein fleißiger Leser sowohl von internationaler Literatur wie von Zeitungen. Er hat geantwortet, gefragt, sich in Debatten eingemischt und interveniert, wenn in ursprünglich „guten" Blättern (wie der FAZ) Artikel standen, die er falsch oder dumm fand oder denen er aus anderen Gründen widersprechen musste. Die Leserin lernt und ist bei der Lektüre vergnügt, weil seine Briefe immer von Inhalt und begründeter Kritik strotzen. Neben dem Genuss, den mir seine meist charmant vorgetragene Kritik bereitet hat, konnte ich auch schallend lachen, etwa wo er Salonlinken wie Hugo Huppert oder Arno Reinfrank übers Maul gefahren ist.

Meist bleibt er sachlich und weiß unglaublich viel – sowohl über die literarischen wie die politischen Entwicklungen – nicht nur in deutschen Landen. Er hat mit vielen für die Nachkriegsgeschichte wichtigen Menschen korrespondiert, vor allem, aber nicht nur mit Schriftstellern – Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett, Gottfried Benn, Ernst Bloch, um nur den Buchstaben „B" zu zitieren, und er bleibt fast immer beim „Sie". Mehr Nähe ist nur innerhalb der Familie erlaubt, zärtlich wird er, wenn er über seinen Hund schreibt. Er widerspricht Briefpartnern, wenn die ihn als „Doktor" ansprechen, er hat sich sein Wissen ohne akademische Parcours angeeignet. 1951, da ist er dreißig Jahre alt, schreibt er an seine Schwägerin: „[...] ich Unglücklicher muss mir alle zwei Jahre von vorne überlegen, was ich nun weitermachen will, und wenn ich mich gerade an einen Zustand gewöhnt habe, muss ich mir den nächsten suchen. Dabei ist meine Angst vor einem Beruf, den ich vierzig Jahre lang ausüben müsste, nicht etwa geringer." Weil er unentschieden war und sich (abgesehen von dem einen geliebten Lehrer Robert Curtius) an der Universität nicht wohl gefühlt hat, ging er mit dem DAAD als Lektor erst nach Dänemark und dann nach Spanien. Er las und sprach Dänisch, Spanisch, Französisch, Englisch und wie man aus den Abbildungen der von ihm herausgegebenen und/oder übersetzten Bücher schließen darf, auch Schwedisch.

Unabhängiger Übersetzer

Überhaupt gehört neben den Lobgesang auf diesen paradigmatischen Intellektuellen auch einer auf die Herausgeber des Bandes: Sorgfältig ediert, mit ausführlichen Anmerkungen zu den Briefpartnern oder erwähnten Ereignissen, mit einem Verzeichnis der Briefempfänger, erwähnten Personen und Literatur, mit Fotos von Boehlich und von ihm herausgegebenen Büchern zu verschiedenen Zeiten, ist es, um noch ein Lob anzubringen, seiner würdig.

Leider fehlt ein Protokoll, das die Anbahnung des Kontakts zu Siegfried Unseld verraten würde. Boehlich wurde Lektor im Suhrkamp-Verlag und hat vielen der Bücher zur Publikation verholfen, die das intellektuelle Leben in den 1960er und 70er Jahren beflügelt hatten. Er hat sich, wie andere einflussreiche „gatekeeper" (ich finde keine passende Übersetzung, Goethe sprach von Flügelmännern) mit Unseld zerstritten. „Man kann ihn nicht wirklich verändern. Es wäre auch leichter, wenn er aus bösem Willen täte, was unerträglich ist; aber er tut es aus Naivetät, aus Dummheit, aus Ehrgeiz, aus Eitelkeit"; gemeinsam mit anderen Lektoren hat er den Verlag der Autoren mit gegründet und dann als „unabhängiger" Autor noch viele wichtige Bücher übersetzt und herausgebracht. Neben der Entdeckung und Gewinnung in- und ausländischer Schriftsteller gehört seine Herausgeber-Tätigkeit, u.a. die Dokumentation „über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung" 1848 in der Paulskirche und der Band über den Antisemitismusstreit mit „erstmals zusammengestellten Dokumente aus den Jahren 1879-1880" zu seinen wirkungsvollen Einmischungen. Zwei Bücher, die auch heute noch gebraucht werden.

Es war eine heiße Zeit, in der noch einmal die Hoffnung auf mehr oder eine richtige Demokratie umging, und er hat sich heftig eingemischt, wenn es um dumme oder falsche Argumente oder auch um die 1961 eingeführte Einschränkung des Postgeheimnisses ging. Insofern ist es nicht nur ein Buch über Boehlich, sondern auch ein Lehrbuch für Redakteure und Lektoren. Sie könnten sich abschauen, wie man Autoren liebevoll behandelt und mit Charme kritisiert, wie man Konflikte regeln oder säuselnd mahnen kann. An Ingeborg Bachmann: „Ich möchte Sie natürlich nicht verängstigen, aber erpressen täte ich Sie schon ganz gern." Er analysiert, erklärt, fragt, kommentiert und bedankt sich, obwohl auch er viel zu viel auf dem Schreibtisch liegen hatte.

Erwartungen eines engagierten Intellektuellen

Der Band eignet sich auch als Lehrbuch über die Nachkriegsgeschichte, für alle, die sich gerne anregen lassen und wissen wollen, was diskutiert wurde, was sich Demokraten, auch Liberale auf ihre Fahnen geschrieben hatten, welche „Werte" in diesen Diskussionen steckten. Die Briefe zeigen, was ein „engagierter Intellektueller" von Zeitungen und Verlagen erwartet, und wie er sich über marxistische, bürgerliche, konservative Wissenschaft und den „Scheißdreck der Nazis" gekümmert hat. Eine Fundgrube wäre er auch für Lehrende und Studierende, sofern sie 500 Seiten lesen wollen und können. Ich fand ja, es war ein Pageturner, auch wenn manches, wie der Streit der „Literaturproduzenten" mit dem Börsenverein nur noch schwer nachvollziehbar ist. Man lernt viel über die allmähliche Verfertigung eines literarischen Lebens in Rundfunk, Verlagen, Zeitschriften, als noch diskutiert und gestritten wurde, weil es um etwas ging – und weil diese Intellektuellen dachten, sie könnten eine wichtige Rolle bei der Veränderung der Gesellschaft spielen.

In einem Brief von 1964, während einer Auseinandersetzung mit dem Verleger Siegfried Unseld, findet sich eine „Selbstdarstellung", die als Definition des Intellektuellen gelten kann: „Wenn Sie wollen, bin ich ein Spezialist, ein enger, phantasieloser, mürrischer von mir aus, aber ich will kein Spezialist bleiben und kein mondänes all-round-horse werden. Man kann nicht zugleich gewissenhaft und gewissenlos sein." Boehlichs Anspruch sowie sein Ton charakterisieren die Wende, die der Kulturbetrieb seither genommen hat.

Also ja, ich bin sein Fan und war wohl nicht die Einzige, die auch Angst vor ihm hatte, denn er hat keine Schlampereien im Denken oder selbst verschuldete Ahnungslosigkeit durchgehen lassen.

Ich habe meine Skepsis, meine Kenntnisse und mein Gewissen Walter Boehlich herausgegeben von Christoph Kapp und Wolfgang Schopf, Schöffling & Co. 2022, 544 S., 50 €

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