Luft, gedroschene

Berliner Abende Kolumne

Auch ich spielte dereinst Luftgitarre. Im Kämmerlein, angemessen diskret. Das voraus. Als 1964 die Platte Now Jazz Ramwong, vom Albert Mangelsdorff-Quintett erschienen war, eine der besten deutschen Jazzproduktionen bis heute, begann ich mit Luftposaune. Zum Bewegungsablauf gesellte sich, dank meiner swinging and exploding lips, bald die ganze Farbdramatik der legendären Mangelsdorff-Palette. Ich weiß also, wovon ich rede, wenn ich mich heute dem Desaster der deutschen Ausscheidung für die Luftgitarren-WM in Finnland mit Grauen zuwende. "Wie kommt der alte Sack dazu!", wirst Du natürlich gleich wieder greinen, Jugend. "Ramwong 64, da rennt der doch auf die 60 zu, der soll endlich das Maul halten!" Würde Dir so passen! Wer anders denn unsereins soll´s Dir denn sagen, Jugend: Du kannst nichts, Du weißt nichts, Du bist unbegabt und schlecht erzogen und auch noch zu faul zum Ficken!

Zwölf Kandidaten, ein weiter nicht auffallendes Leder-Mädel darunter (Suzi Quatro Revival!), stellten sich in einem völlig überrannten Etablissement am Arsch von Friedrichshain, zwischen REWE, Parkdeck und Schrott, der Jury mit dem Alterspräsidenten Norbert Hähnel, einst bekannt als "wahrer Heino", der unterdessen den Gruselfaktor seines ehemaligen Opfers locker übertrifft, dem Fehlfarbenbassisten Kemner und einer unbekannten Pippi Langstrumpf, der immerhin anzumerken war, dass sie den Vortrag auf der Bühne mit dem Herzschlag der Musik in Übereinkunft zu sehen hoffte. Kür und Pflicht wurden verlangt. Je eine Minute nach Musik eigener Wahl, und dann - in der Pflichtrunde - alle nach dem selben, von der Jury gewählten, vorher nicht bekannten Stück.

Wo aber blieben das friedensstiftende Fingerpicking, wo surfte man über Wellen von Sonnenöl, wo wurden Farbwälle geschichtet, wo war die Meditation über den einen Ton, wo wurde knispernd geknispelt, wo rauschten die Cluster haarscharf über die Köpfe des Publikums, wo zog eine Gitarre ausgetrocknet bis zum Zündpunkt durch die Wüste. Hier jedenfalls nicht. Hier reichte es noch nicht mal bis zum Grunge. Es war wie ein Treffen der Ernst Moschs der volkstümlichen Schweinerockparade. Es war ein Haufen Headbanger-Mist, aus dem ein Fetzen AC/DC beinahe schon frisch roch. Es war als wäre die Musik vor 25 Jahren an Inzucht verröchelt. So dass der aus dem sofort sich anpassenden Niveau des Publikumshumors herausgrölende Herrenruf an die Akteure: "Deine Eltern sind Geschwister!" gar noch unbeabsichtigt von Hellsicht zeugte. Die Damen riefen übrigens gern: "Mach dich nackisch, du Sau!". Demzufolge kein Beugen, Sorgen, Liebkosen, kein Nachhören und Hinterherdenken im Spiel, sondern faules und hirnloses Gezappel, Mittelfinger und Finali, in denen die Jugendvertreter regelmäßig Gitarristen als Feudel auf Schmutzbrettern darstellten. Noch nicht mal ein WahWah war im Angebot, kein Sequenzer, niemand vermochte auch nur mit Rückkopplungen zu spielen. Einer versuchte es wenigstens mit der Zunge. Ein Japaner hatte lichte Sekunden. Da sah er aus, als spränge er gerade aus einem Manga. Aber dann tat er wieder alles, um die Teutonen zu überdumpfen.

Es ist keine Frage, dass die Disziplin "Luftgitarre" vor einer großen Zukunft steht. Sie passt frappant in den gesellschaftspolitischen Raum des armselig verbrauchten Posens bei nichts als Strohdrusch im Inhaltlichen. Und die Übereinstimmung wird noch frappanter: Bei der Pflicht, die nur noch zum Heulen war - unglaublich, wie lange eine Minute sein kann! -, mussten jene, die nach der Kür hinten standen, als erste antreten, während die mit der großen Punktezahl als letzte kamen und Zeit hatten, sich in das Pflichtstück einzuhören. Wer hat, dem wird gegeben.

Ja, Jugend, das war erschütternd. Es war einer dieser Abende, an denen man alle Hoffnung fahren lässt. Das war das Portugal der Luftgitarre. Wir haben Dir alles gegeben, Jugend. Als die Vorfahren unseren Reichtum in den Sand setzten, haben wir für Dich alles wieder aufgebaut. Es ist alles da. Du könntest ein prima Leben haben. Ab und zu den Stuck erneuern, wenn er von der Decke fällt. Ein Schlagloch ausbessern. Eine bedrohte Tierart retten. Und Musik erfinden. Aber wahrscheinlich wirst Du dich von den Arschlöchern meiner Generation aufhetzen lassen und China mit Autos vollstopfen. Glückwunsch. Du weißt nichts, du kannst nichts, du bist unbegabt, zu faul zum ...ich sagte es schon. Du hast den Generationenvertrag gekündigt. Jetzt musst Du eben die Konsequenzen tragen. "Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei!" (Fehlfarben)

Einer hat übrigens gewonnen.

Und in Finnland werden wir uns wieder schämen müssen.


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00:00 23.07.2004

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