Macbeth

Linksbündig Nach Virginia: Sind mal wieder die Gewaltfilme schuld?

Der Reflex scheint unausrottbar: Die Bilder sind schuld. Nach dem Amoklauf an der Technischen Universität von Virginia läuft die Diskussion über die gefährlichen Gewaltfilme mal wieder heiß. Zuerst hatte man noch gemeint, das Einzige, was der zweiunddreissigfache Mörder und Englischstudent Cho Seung-Hui der Nachwelt hinterlassen habe, seien zwei Briefe und zwei kurze Theaterstücke. Dann tauchte beim Fernsehsender NBC ein Paket mit einer umfangreichen multimedialen Dokumentation auf. Der Absender: Cho Seung-Hui. In Texten, auf Fotos und in Videos doziert und posiert der als psychisch krank diagnostizierte Student, der zu Lebzeiten vor allem als verstörter und verstörender Schweiger aufgefallen war. Er redet in abgehackten, oft wirren Sätzen und mit einer pathetischen Sprache, in der nun manche den Jargon der pauschalisierend so genannten "Gewaltfilme" erkennen wollen. Manche behaupteten sogar, er imitiere die Filmfigur Rambo, oder sehe aus wie ein Protagonist bei Tarantino. Ein anderes Foto, das einen hammerschwingenden Seung-Hui zeigt, erinnert Kommentatoren an ein Szenenbild aus Oldboy, einem Thriller des süd-koreanischen Filmemachers Park Chan-wook aus dem Jahr 2003. Passend zum südkoreanischen Attentäter zitiert man also einen südkoreanischen Film herbei, obwohl die inkriminierten Posen sich sicher auch in anderen Zusammenhängen hätten finden lassen. Interessanterweise just zu einem Zeitpunkt, da das koreanische Filmschaffen allseits als aufregend neues Kino gefeiert wird. In den Schuldzusammenhang mit hineingerissen werden deshalb auch gleich die Filmkritiker und die Filmfestspiele von Cannes, die Oldboy mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet hatten. Dass dieser Film gerade die Frage von Gewalt und Rache auf höchst komplexe Weise angeht, bleibt unerwähnt. Wohl deshalb, weil die "Vergleicher" den Film vermutlich nie ganz gesehen haben.

Nun ließen sich mit ähnlicher Naivität und Ungenauigkeit, wie hier von Bildern und ihren Folgen die Rede ist, auch Seung-Huis Bekennerschreiben "dekodieren": Sein Satz vom Blut an unseren Händen, das sich nie mehr abwaschen lasse, könnte von Shakespeare und Lady Macbeths Schlafwandelszene inspiriert sein - in der sie vergeblich versucht, sich das eingebildete Mörderblut von den Händen zu reiben. Und seinen Kunstnamen "Ishmael" hat er womöglich nach dem namenlosen Erzähler von Melvilles Moby Dick gewählt, der sich ebenfalls so nannte. Was dann zu der absurden Frage führen würde, ob dem Englischstudenten die englische Literatur zum Verhängnis geworden war, und ihm hätte verboten werden müssen - wobei diese Frage im us-amerikanischen Kontext, so abwegig gar nicht ist. Darf doch zum Beispiel J.D. Salingers Pubertätsklassiker Der Fänger im Roggen in vielen amerikanischen Schulen nicht unterrichtet werden, weil er den Behörden zu obszön ist.

Bei der ganzen Spekulation über fiktionale Ideenvorlagen für Seung-Hui wird leicht vergessen, dass er in seinen "Hinterlassenschaften" selbst Hinweise auf Verbindungen und Idole gibt. Sein emphatischer Verweis auf die beiden Amokschützen von Columbine, 1993 Schauplatz eines Massakers im US-Bundesstaat Colorado, bei dem 13 Menschen ums Leben kamen, lässt darauf schließen, dass es am deutlichsten diese ganz realen Vorbilder sind, und weniger die Spielfilmbilder, auf die sich Seung-Hui bezieht. Auffällig ist auch, dass oft gerade diejenigen Medien, die fiktionale Vorbilder an den Pranger stellen, kein Problem damit haben, die Videobotschaften des Attentäters ins Netz zu stellen und so weitere potentielle Nachahmungstäter auf den Plan rufen. Nicht weniger beunruhigend sind die Statements von Waffen- und Selbstschutzvereinigungen. Natürlich wollen solche Lobbyisten das Problem der viel zu laschen Waffengesetze gern klein reden. Dass sie aber die Tatsache bedauern, dass die Opfer nicht bewaffnet gewesen seien, ist schon zynisch. Die "Virginia Citizens Defense League" verstieg sich zu der Vermutung, dass das Massaker dann ganz anders ausgegangen wäre. Nach dem Vorbild von High Noon?

Übrigens: Zwei Tage nach dem Amoklauf an der Virginia Tech starben bei Anschlägen im Irak über 180 Menschen. Den meisten Medien war das nur noch eine kurze Meldung wert. Dabei wäre aus den beiden sehr ungleichen Fällen Virginia und Irak eine einfache, aber gemeinsame Wahrheit zu ziehen: Reale Gewalt entsteht zuallererst nach dem Vorbild realer Gewalt - Spielfilmbilder dienen da allenfalls noch als Posenlieferanten.


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00:00 27.04.2007

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