Mach mal, Halla

Film Benedikt Erlingsson schickt seine Heldin in einen Guerillakrieg gegen den Klimawandel
Mach mal, Halla
Ermüdungsbecken: Der Kampf gegen den Rest der Welt macht Pausen erforderlich, in denen eine Nachdenklichkeit droht

Foto: Pandora Film

Der Anruf kommt ganz unerwartet und trifft die 49-jährige Halla wie ein Schlag. Vor vier Jahren hat sich die allein lebende Chorleiterin darum bemüht, ein Waisenkind zu adoptieren. Doch es kam nie eine Antwort. Irgendwann hat sie sich dann damit abgefunden, dass sie in den Augen der zuständigen Stellen zu alt ist. Aber nun rücken ein Anruf und ein Brief ihren Traum von einem Kind in greifbare Nähe. Die vierjährige Nika hat im Krieg in der Ukraine ihre Eltern verloren. Jetzt lebt sie in einem Waisenhaus und wartet darauf, adoptiert zu werden. Halla muss nur die entsprechenden Papiere unterzeichnen, dann kann sie in die Ukraine fliegen und Nika abholen.

Der erwartbare Jubel bleibt aus. Die von Halldóra Geirharðsdóttir gespielte Frau wirkt nach dem Telefonat vielmehr wie gelähmt. Freude kann sie erst später empfinden, und selbst die wird noch von Sorge und Zweifeln überschattet. Im Prinzip ist es zu spät für die Adoption, aber nicht aufgrund ihres Alters. Halla hat mittlerweile andere Prioritäten. Sie will nicht nur ein verstörtes Kind, sondern die ganze Welt retten.

Als „Bergfrau“ verübt Halla seit Monaten Anschläge auf das isländische Stromnetz und sabotiert damit die für die Wirtschaft ihres Heimatlandes so entscheidende Aluminiumindustrie, die sie mitverantwortlich für den Klimawandel macht. Ihre Aktionen erregen internationales Aufsehen, bleiben aber weitgehend folgenlos. Deswegen steht sie kurz vor einer weiteren Eskalation ihres Eine-Frau-Krieges gegen all die Verbrecher, die unsere Erde zerstören. Wenn sie die Welt für Nika und alle anderen Kinder sicherer machen will, muss sie noch vor ihrem Flug in die Ukraine einen entscheidenden Schlag gegen Industrie und Politik führen.

Bei seinem Debüt Von Menschen und Pferden (2014), einem zynischen Porträt des Lebens in der isländischen Provinz, hat sich Regisseur Benedikt Erlingsson Genrekonventionen und Publikumserwartungen konsequent entzogen. Im Vergleich zu dieser tiefschwarzen Komödie wirkt Gegen den Strom beinahe schon konventionell. Schließlich erzählt Erlingsson diesmal eine klassische Heldinnengeschichte. Wenn Halla durch die menschenleere isländische Heide wandert, mit einem Bogen bewaffnet ihren Kampf gegen das Stromnetz führt und dabei tatsächlich nur einen Pfeil sowie ein Stahlseil benötigt, um einen folgenreichen Kurzschluss auszulösen, hat sie etwas von all den einsamen Streitern für Recht und Gerechtigkeit, für die man als Kind das Kino geliebt hat.

Erlingsson selbst geht da sogar noch einen Schritt weiter. Er vergleicht Halla in einer Notiz zu seinem Film mit Artemis, der griechischen Jagdgöttin. Genau dieses Pathos schwingt in allen Szenen mit, in denen die auf den ersten Blick eher unauffällige Musikerin und Chorleiterin ihren Feldzug gegen die Konzerne führt. Erlingsson verklärt die Aktivistin und ihre Taten, sie erscheint einem tatsächlich wie eine Göttin, die unseren Planeten quasi in letzter Minute vor der Profitgier der Menschen retten will.

Action mit Tüddelchen

Wer in diesen Momenten des Films an die Comic-Superheldin Wonder Woman denkt, liegt sicher nicht ganz falsch. Allerdings distanziert sich Erlingsson zugleich wieder von dem ungebrochenen Heroismus des modernen Blockbuster-Kinos. Die Szenen, die Halla als bodenständige Heldin präsentieren, setzt er durch distanzierende Stilmittel bewusst in Anführungszeichen. So treten die Musiker um den Komponisten Davið Þór Jónsson immer wieder live in Erscheinung. Sobald auf der Tonspur Musik erklingt, sind Jónsson und seine beiden Mitstreiter auch in den Bildern des Films präsent. Ein geradezu klassischer Verfremdungseffekt, der einen nicht vergessen lässt, dass alles nur Kino ist. Die Erde braucht zwar Heldinnen wie Halla und ihre wenigen Unterstützer, zu denen neben ihrer auch von Halldóra Geirharðsdóttir gespielten Schwester Ása noch ein grantelnder Schafzüchter gehört. Aber den ungebrochenen Heldengeschichten des (Hollywood-)Kinos traut Erlingsson dann doch nicht, und das wahrscheinlich sogar zu Recht. Schließlich wiegt das (Super-)Helden-Kino sein Publikum in einer falschen Sicherheit und unterstützt zudem autoritäre Tendenzen.

In diese Falle will Erlingsson auf keinen Fall tappen. Also bricht er die Action-Elemente seines Films durch die Auftritte der Musiker ironisch und stürzt seine Heldin zugleich noch in einen Gewissenskonflikt. Die verwaiste Nika bietet Halla eben nicht nur die Chance, ihren so lange gehegten Kinderwunsch zu erfüllen. Das kleine Mädchen konfrontiert sie und mit ihr auch das Publikum mit einem zentralen Gewissenskonflikt. Was ist wichtiger, ein hehres, aber wahrscheinlich unerreichbares Ziel zu verfolgen oder einen einzelnen Menschen zu retten?

Am Ende weicht Benedikt Erlingsson einer eindeutigen Antwort aus. Aber zumindest erlauben einem die gezielten Verfremdungen einen genaueren Blick auf Hallas Taten. Natürlich hat sie nur die allerbesten Absichten. Allerdings liefert sie mit ihren Methoden der Politik und ihren Unterstützern in den Medien genau jene Munition, die sie brauchen, um demokratische Grundrechte einzuschränken. Heldentum lässt sich nicht nur schwer mit den komplexen Prozessen der Demokratie vereinbaren, es kann sogar zu ihrer Erosion beitragen.

Info

Gegen den Strom Benedikt Erlingsson Island 2018, 101 Minuten

06:00 16.12.2018

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