Machen wir Druck?

Schlechte Zeiten Linker Journalismus kann nur so gut sein, wie die Linke in der Gesellschaft. Überlegungen zum Sinn und Zweck kritischer Publizistik

Wer käme schon auf die Idee, nur einen linken Kfz-Mechaniker an sein Auto zu lassen, wenn dieses gerade nicht anspringt? Wohl nicht mal deutsche Linke. Ob jemand einen Vergaser reparieren kann, hat mit politischer Ausrichtung wenig zu tun. Handwerk ist Handwerk. Etwas anders verhält es sich hingegen, wenn es ums Wissensbedürfnis geht: wie sind etwa die Wahlen im Irak ausgegangen, was gibt´s Neues im Bundesligaskandal oder wer hat was bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz gesagt?

Da meldet sich der linke Journalismus zu Wort. Es gibt bekanntlich die feine Unterscheidung zwischen bürgerlicher Presse und ihrem Gegenstück, das früher als proletarische, zwischenzeitlich als revolutionäre und heutzutage meist als linke Presse firmiert.

Der empirische Befund, wer das denn in Deutschland sein könnte, fällt gar nicht mickrig aus. Von professionell gemachten Tages- und Wochenblättern bis zu Quartals- oder Halbjahresperiodika reicht das Angebot linker Publizistik. Und Streit herrscht interessanterweise weniger darüber, was das eigentlich ist, eine linke Presse, sondern eher über die Frage, was und wen man dazu zählen möchte - nicht zur Presse, sondern zur Linken. Da geht es oft um die Frage, wo beim Leser oder Macher die Schmerzgrenze erreicht oder überschritten ist.

Das führt ins Zentrum der Auseinandersetzung. Linker Journalismus in Deutschland, so der empirische Befund, zeichnet sich nämlich nicht, wie man vom Journalismus vielleicht erwarten könnte, dadurch aus, dass er neue Informationen vorträgt, sondern dadurch, dass er bereits bekanntes bewertet und kommentiert. Auch wenn man sich also nicht über die Frage ereifern möchte, ob denn beispielsweise die taz noch links oder längst zum Regierungsblatt mutiert ist, fällt auf, dass linke Presse vor allem - und das gilt, soweit ich den Überblick habe, besonders für Deutschland - Meinungspresse ist.

Wer wissen will, was in der Welt los ist, kauft je nach individueller Präferenz FAZ oder Süddeutsche, Spiegel oder Zeit. Wer, und jetzt beginnt der Schritt ins Konjunktivische, wissen wollte, wie man darüber denken könnte, läse den Freitag, die Jungle World oder Konkret, die im vergangenen Jahr 30 wurde. Um nur ein paar lesenswerte Beispiele zu nennen.

Doch solche Naivität, die sich im unvoreingenommenen Vergleich verschiedener unter besonderer Berücksichtigung der linken Meinungen ausdrückte, findet sich in dieser Gesellschaft sehr selten. Eine Meinung, irgendwie zumindest, hat eigentlich jeder. Recht klein ist auch die Gruppe der Leser, die zwar die linken Thesen, die sie dort lesen, nicht teilen, aber gerne wissen wollen, was man in der deutschen Linken gerade diskutiert. Solche Leser dürften vielleicht noch in Universitäten, Verfassungsschutzämtern und den publizistischen Organen der deutschen Rechten anzutreffen sein.

Gelesen werden die linken Blätter vor allem von links denkenden Menschen. Das ist, betriebswirtschaftlich betrachtet, ein kleiner und nicht gerade wachsender Markt. Immerhin handelt es sich um eine treue Leserschaft, die nur den Nachteil hat, sich nicht zu erweitern. Ein schwieriger Markt ist es obendrein, denn Linke haben die Eigenschaft, immer und über alles schon Bescheid zu wissen. Es ist nämlich - zumindest im Bereich der linken Presse - gar nicht so, dass Journalisten das machten, was sie sich so gerne einbilden: Meinung. Viele Journalisten wären gerne Meinungsmacher, aber ihre Arbeit findet in der Regel nur dann positive Beachtung, wenn sie die in ihrem Milieu bereits vorherrschenden Meinungen faktenangereichert oder besonders griffig formuliert. Man merkt es an den Leserreaktionen, die oft von Bescheidwissern stammen.

Autoren korrespondieren dazu, sehr überspitzt gesagt: Es wird für die Leute in der heimischen WG-Küche geschrieben, die gut finden sollen, was man da geschrieben hat, die einen gebildet finden sollen und die einem die politische Korrektheit zu attestieren haben. Preaching to the converted, sagt man im Englischen zu diesem Phänomen.

Aber was könnte linke Publizistik, über dieses Schreiben, was alle wissen und lesen wollen, hinaus leisten? "Ich riskiere die These", formulierte der Herausgeber von Konkret, Hermann L. Gremliza, im Jahr 1987, "dass das kleine Konkret zu den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mehr beigetragen hat als das Hamburger Nachrichtenmagazin mit seiner zwanzigfachen Auflage: zur Belebung des Antifaschismus, zur Anerkennung der Weltkriegsfolgen, zur Kritik des Atomstaats, zur Friedensbewegung ... Stets war Konkret früher und entschiedener, oft haben erst die Veröffentlichungen in Konkret Journalisten des Spiegel und anderer Bürgerblätter animiert, sich mit den Themen zu beschäftigen, die ihnen noch nicht in den Sinn gekommen waren."

Gremlizas These klingt falsch und selbstbeweihräuchernd, und eins davon ist sie vielleicht auch. Aber sie ist nicht so unplausibel, wie sie vielleicht auf den ersten Blick scheinen mag. Es wird vielleicht klarer, wenn man nicht Konkret als das Beispiel nimmt. Die Weltbühne etwa, die bis zur ihrem Verbot 1933 von Carl von Ossietzky geleitetet wurde, gilt mittlerweile zu Recht als die wichtigste und einflussreichste Publikation der Weimarer Republik. Ihre Auflage betrug jedoch nie wesentlich mehr als 10.000 Exemplare, sie war also nicht nur niedriger als die der Qualitätstageszeitungen wie etwa Vossische oder Frankfurter Zeitung, als die der Blätter des deutschnationalen Hugenberg-Konzerns oder die des Boulevards, sondern auch niedriger als die der um Aufklärung durch Auflage bemühten Blätter des kommunistischen Münzenberg-Konzerns, etwa der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung. Sie war übrigens auch niedriger als etwa die Auflage des Freitag, der Konkret oder der Jungle World.

Kurt Tucholsky, der vor Ossietzky kurze Zeit die Weltbühne geleitet hatte und immer ihr Mitarbeiter war, drückte die Stärke und die Besonderheit des Blattes 1929 so aus: "Die Weltbühne ist eine Tribüne, in der die gesamte deutsche Linke in des Wortes weitester Bedeutung zu Wort kommt; wir verlangen von unseren Mitarbeitern Klarheit, persönliche Sauberkeit und guten Stil. So habe ich das Blatt von meinem verstorbenen Lehrmeister Siegfried Jacobsohn übernommen und so habe ich es an Carl von Ossietzky weitergegeben, der keinen Finger breit von dieser Richtung abgewichen ist. Die Weltbühne verzichtet bewusst auf ein starres Dogma; bei uns wird diskutiert."

Nimmt man die naheliegende Überlegung ernst, dass linke Presse nicht besser und auch nicht einflussreicher sein kann als die politische Linke, der sie entspringt, könnten Tucholskys und Gremlizas Formulierungen durchaus als Programm für linke Presse in schwierigen Zeiten dienen.

"Die Zeitung ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch kollektiver Organisator", postulierte Lenin 1901 für die besseren Zeiten, und bei Antonio Gramsci findet sich 1916 die Forderung, "das Bewusstsein der Massen wachzurütteln wider die Heimtücke der bürgerlichen Zeitung, und nicht müde werden in dem Ruf: Boykottiert sie! Sie nutzen unsere Wissbegier aus und verwandeln sie in eine Angriffswaffe, die sie gegen uns richten werden, wann immer es ihnen gefällt."

Beides ist offensichtlich heutzutage Unsinn: Es gibt keine Massen, die zu organisieren wären. Und es gibt keine alternativen Medien, mit denen das durch und durch sympathische Bemühen der Stillung "unserer Wissbegier" zu bewerkstelligen wäre.

Die Medien, die es in Deutschland gibt, können diese Funktion des Herstellens einer Gegenöffentlichkeit nicht erfüllen. Was zu lesen ist, ist eben die geschilderte Meinungspresse. Und in schlechten Zeiten drückt sich das gerne im Schimpfen auf andere linke Positionen aus, nicht selten im Gestus der Exkommunikation. Das ist kein neues Phänomen, und man muss es auch nicht unbedingt mit einem Beispiel aus der deutschen Presselandschaft dieser Jahre belegen. Man kann stattdessen einfach Trotzki aus dem Jahr 1938 zitieren, der in seinem mexikanischen Exil glaubte, "dass der Kampf gegen die bürgerliche Presse mit der Ausweisung der degenerierten Führer aus den Arbeiterorganisationen" beginnen müsste.

Da klingt Tucholskys Programm der Diskussion allemal sympathischer. Wenn man sich die Qualität der Artikel aus der Weltbühne vergegenwärtigt, ahnt man auch, warum der Einfluss des Blattes bedeutend größer war als die Auflage vermuten lässt.

Doch heutzutage sind viele Autoren, die aus dem linken Journalismus kommen, dort zu lesen, was immer noch "bürgerliche Presse" genannt wird. Das hat derart viele verschiedene Ursachen, dass man gar nicht mit dem Auflisten anfangen möchte. Zur Folge hat es unter anderem, dass die Kulturindustrie einmal mehr ihre Fähigkeit zur Integration beweisen kann. Und natürlich auch, dass einiges an Qualität die linken Blätter verlässt, ohne dass dort unbedingt eine Qualitätsdebatte beginnt.

Dabei würde die Frage nach der Qualität weiter führen. Man kann die Qualität am Beispiel des aktuellen linken Journalismus diskutieren oder entlang der Weltbühne. Heraus kommt, so die Vermutung, dass weder Recherche noch Analyse besondere Stärken des aktuellen linken Journalismus sind.

Dem Recherchejournalismus, der die klassische Wächterfunktion der Presse wahrnimmt, wird von links vorgeworfen, die bestehenden Verhältnisse gutzuheißen: Indem er Missstände wie etwa Korruption aufdecke und geißele, sorge er für Systemstabilisierung. Linker Journalismus, so wird sich selbst auf die Schulter geklopft, nimmt hingegen Ergebnisse des oft als bürgerlich geschmähten Journalismus auf und kommentiert sie.

Und die Analyse, eher in Wochenzeitungen oder monatlichen Blättern zu erwarten, wird oft durch die bloße Meinungsäußerung ersetzt. Anders als diese nimmt die Analyse jedoch ihren Gegenstand ernst, versucht ihn zu verstehen, analytisch zu durchdringen und historisch und gesellschaftlich einzuordnen.

Gewiss, es gibt Ausnahmen, doch gerade, wenn man diese Ausnahmen schätzt, bemerkt man, wie gering der analytische Tiefgang oftmals ist, und stattdessen nicht selten das gefällige Ressentiment gepflegt wird. Überspitzt formuliert: linke Journalisten können mit ihrem Internetanschluss Google bedienen und haben eine Meinung.

Wenn linker Journalismus Bedeutung über die eingeschworene Fan-Gemeinde hinaus haben will, muss er auf Qualität setzen: Handwerk ist Handwerk. Und er muss auf das Pfund kritischer Analyse setzen, den Mut haben, sich verunsichern zu lassen, verschiedene Perspektiven zuzulassen.

Ob linke Publizistik gute Publizistik ist und ob sie auf einen fruchtbaren Boden fällt, kann sie allerdings nur bedingt beeinflussen. Denn erst wenn die Linke wieder gesellschaftliche Relevanz erreicht hat, will man auch wieder wissen, was sie zu sagen hat. Und erst dann wird sie wieder auf intelligente und attraktive Weise etwas zu sagen haben. Bis dahin bleibt es bei Ausnahmen, und bis dahin sollte es beim fleißigen Üben bleiben.


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00:00 04.02.2005

Ausgabe 40/2020

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