Manchmal ist das Leben schön

Berlinale Unsere Autorin fragt sich, warum das „Kino International“ noch nicht abgerissen wurde. Sonst macht man in Berlin schließlich zielsicher kaputt, was schön ist
Manchmal ist das Leben schön
Genießen wir das „Kino International“, solange es noch steht

Foto: imago images/PEMAX

Kann denn nicht das ganze Jahr über Berlinale sein? Man kann ab morgens um neun ins Kino gehen, dann holt man sich in den Pressezentren Äpfelchen und Käffchen (umsonst!) und fast alle Tageszeitungen (geschenkt!), geht dann in die Pressekonferenz und dann wieder ins Kino und danach alles wieder von vorn.

Bei der Vorführung von „Schwesterlein“ kam sogar die Jury mit rein, also Jeremy Irons persönlich saß nur zwei Sitzreihen hinter mir! Also der Typ aus „Verhängnis“ von Louis Malle! Lustig, mir fällt gerade ein, dass Juliette Binoche, seine „Verhängnis“-Geliebte, letztes Jahr Chefin der Berlinale- Jury war. Vielleicht werden Berlinale Jury-Chefpräsidenten assoziativ ausgewählt … Von Binoche zu Irons, vom Hölzchen zum Stöckchen, sozusagen. Aber es war toll, ihn zu sehen.

Jeremy Irons kam mit Hut rein und hatte einen Schal um, er sah so echt aus, genau wie im Film. Und als er saß, legte er Hut, Schal und Mantel links und rechts neben sich auf die freigebliebenen Polster, die anderen aus der Jury hatten respektvoll Abstand gelassen. Aber mit welcher Gleichmut und Unbeteiligtheit und überhaupt keiner Empörtheit, mit wieviel Stil und gentlemännlicher Grandezza, ohne das geringste Wimpernzucken, nahm er sein Kostüm auf den Schoß und rückte zur Seite, um Platz für zwei Zuspätkommerinnen zu schaffen, die gar nicht schnallten, neben wen sie sich da setzten.

Jetzt, wo ich Jeremy Irons persönlich von Weitem gesehen habe, bin ich absolut von seiner Eignung als Berlinale-Juryoberchefpräsident überzeugt. Jetzt bin ich sicher, dass er die richtige Entscheidung treffen wird, zum Beispiel Nina Hoss den silbernen Bären für ihre Darstellung in „Schwesterlein“ zu geben.

Letzte Woche hingegen, hatte ich noch überheblich behauptet, Schauspieler Filme bewerten zu lassen, sei so, als ob Bauarbeiter, Architekturwettbewerbe entscheiden dürften.

Ist „Star Trek“ ein Beitrag zur Geschichte der Raumfahrt?

Wegen der Berlinale komme ich rum in der Stadt, ich war zum Beispiel im Kino International um mir „The Assistant“ von Kitty Green anzusehen. Der Film wurde von einem Berlinale-Mitarbeiter mit Mikro angekündigt, der sagte, es würde sich um einen Beitrag zur „#metoo-Bewegung“ handeln. Da ich mittlerweile in Sachen Frauenrechte sensibilisiert bin, fand ich diese Ankündigung auf mehreren Ebenen falsch. Erstens, wegen der mansplaininghaften Einordnung im Vorhinein und zweitens wegen der Einordnung. Hätte er nicht einfach sagen können: Ich wünsche viel Spaß beim folgenden Film? Muss der gleich wieder, bloß weil da #metoo-Thematik, also strukturelle Gewalt, verhandelt wird, in so eine Ecke abgeschoben werden? Da hätte er doch gleich sagen können, das ist ein Film für Frauen, über Frauenprobleme.

Würde man „Jurassic Park“ einen Beitrag zur Zoologie nennen, oder „Star Trek“ einen Beitrag zur Geschichte der Raumfahrt?

In der Folge schien mir die Projektion etwas unscharf zu sein, und es kam mir auch so vor, als sei der Film nicht ganz korrekt eingelegt worden, also würde irgendwie verschoben projiziert werden, denn als ganz am Anfang der Filmtitel „The Assistant“ eingeblendet wurde, war die Schrift halb abgeschnitten. Alle haben es gesehen und es ging so eine Art Zucken durchs Kino, aber keiner sagte was. Also alles in mir schrie metoometoometoo!

Beim Sehen des Films aber dachte ich dann, mein Gott, sie könnte wirklich etwas mehr aus sich machen, die Kleine in „My Salinger Year“ zum Beispiel, die hatte einen ähnlichen Job gehabt, sah aber viel niedlicher aus, war ansprechender geschminkt und gekleidet und hatte somit viel mehr Spaß bei der Arbeit und war nicht NUR Opfer!

Außerdem, ich kenn die Sorte auch. Frauen, also Leute, die alles mit sich machen lassen, in der Hoffnung, es so zu etwas zu bringen. Ich kenn so welche, und ich mag sie nicht, und keiner mag die, und jetzt jammern sie auch noch rum und benutzen das wahrscheinlich auch noch für die Karriere.

Früher hat man sich wenigstens still nach oben gelitten.

Berlin verschwindet

Da sich in „The Assistant“ ähnlich wie in „My Salinger Year“ nicht viel tat, außer tippen, kopieren, telefonieren und knicksen, bin ich mal wieder früher gegangen und war allein, und die Sonne fiel durch die riesigen Fensterscheiben und spiegelte sich auf dem dunklen alten Parkett, und ich störte die zwei hinter der Bar beim Knutschen, und ich dachte, Gott, wie schön ist doch das „Kino International“!

Wieso haben sie das eigentlich noch nicht abgerissen? Sie machen doch sonst in Berlin immer zielsicher alles kaputt oder zu, was schön ist. Tacheles, Café Zapata, Bar Babette, Café Moskau, Palast der Republik, Palasthotel, Klub der Republik, Obst und Gemüse, Delicious Donuts, Eimer, Toaster, Love WG, Galerie Berlin-Tokio, White Trash, Volksbühne, und demnächst den Jahn- Sportpark.

Aber jetzt mal eine Woche nicht dran denken. Jetzt mal ein paar Tage nur Film. Manchmal ist das Leben schön, wie das Kino International. Genießen wir es, solange es noch steht.

06:55 26.02.2020

Ausgabe 13/2020

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