Männer-Achse des Bösen

Gespielte Hysterie Kirch, das deutsche Verfassungsverständnis und der Dämon Rupert Murdoch

Der Kampf um die Reste des Kirch-Konzerns ist kein schlechtes Schauspiel. Hier geht es wirklich um etwas: nicht nur um Meinungsmacht, sondern auch um sehr, sehr viel Geld. Es geht um Beträge, die so manches große Bankhaus, das heutzutage um seine Börsenperformance bangen muss, ins Schleudern bringen können. Die Politik - auch daran ist zu erkennen, dass es wirklich wichtig ist - kommt dabei über die Rolle des Zaungastes nicht hinaus.
Die besten Karten unter den Geldinstituten scheint die Deutsche Bank zu haben. Ihr Kredit an Kirch ist so gut besichert, dass sie es sich leisten konnte, dessen weitere Kreditwürdigkeit öffentlich herunterzureden. Die schlechtesten Karten dagegen hat die Bayrische Landesbank (und damit Kanzlerkandidat Stoiber). Denn hier steht Kirch am höchsten im Obligo, die Kredite sind aber zum Teil nur zweitrangig besichert.
Mittlerweile ist der vielfach dämonisierte Kirch aus dem Spiel. Jetzt geht es darum, wer die Filets (Filmrechte oder den Sender Pro7) und wer nur abgenagte Knochen (das hochverschuldete Premiere) des Konzerns - und das alles zu welchem Preis - bekommt. Dabei wird bewusst mit der Möglichkeit des Insolvenzverfahrens gespielt, was sowohl für die Bayern-Fraktion als auch die fast 10.000 Beschäftigten die schlechteste Variante wäre.
Parallel dazu zieht der Medienriese Rupert Murdoch als umtriebiges Gespenst durch die Affäre. Er war mit Kirch geschäftlich verbandelt, allerdings anders als die Banken mit Netz und doppeltem Boden. Er kann sich vertraglich abgesichert zu Preisen ausbezahlen lassen, von denen alle anderen Beteiligten nur träumen können. Alternative: Er bekommt Kirchs Filetstücke - eine starke Position, die Murdoch zum Ziel publizistischer Angriffe der Konkurrenz macht. Dabei wird vor keiner Absurdität zurückgeschreckt: Im Vergleich mit Murdoch avanciert Bild inzwischen zum Blatt des gehobenen Bildungsbürgers, Sat1 zu Phoenix und Kirch zu einem Beinahe-Gewerkschafter. Dabei ist Murdoch Kirch nur ähnlich: Genauso reaktionär, genauso gewerkschaftsfeindlich, viel höher verschuldet, aber eben: nicht deutsch und vielleicht etwas cleverer. Sein Einzug in Deutschland ist so wenig aufzuhalten wie die Globalisierung.
Die andere "Gefahr" verkörpert Silvio Berlusconi. Hier stellen sich Fragen an die innere Logik europäischer Politik. Verhältnismäßig tatenlos, wenn wir es mit der Reaktion auf österreichische Entwicklungen vergleichen, wurde seinem mit Mafia-Milliarden finanzierten Aufstieg zugesehen. Seine aufdringliche Personality war und ist auf Italien zugeschnitten und stößt in Deutschland auf Aversionen. Aus gutem Grund ist Kirch immer anders vorgegangen. Aber politisch wie ökonomisch waren diese Herren immer Brüder im Geiste und intensive Geschäftspartner. Ein saudischer Prinz gehört übrigens auch zu dieser Männer-Achse des Bösen.
Nun haben sich bereits reichlich Politiker zu Wort gemeldet, die dieses oder jenes an dieser Entwicklung als "mit deutschem Verfassungsverständnis unvereinbar" finden. Schnellmerker! Wie war es denn bisher mit Kirch? Wie ist es mit Bertelsmann? Wie mit den regionalen Medienmonopolen in fast der gesamten Republik, die einem Dutzend Großverlegern seit Jahrzehnten die Konten füllen? Was macht Bodo Hombachs WAZ-Konzern in Österreich (antieuropäische Hetze im trauten Verein mit der FPÖ)? Alles mit deutschem Verfassungsverständnis vereinbar?
Um das öffentlich-rechtliche System wird Deutschland in anderen Ländern tatsächlich beneidet. Der US-Medienwissenschaftler Chesney meinte vor Jahren beim NRW-Medienforum sogar, so ein Modell könne in seinem Land die Demokratie retten. Hierzulande wird man des Verteidigens dagegen müde, weil immer mehr Sendeplätze für Sperriges und Spannendes verschwunden sind. Die Intendanten freuen sich über Kirchs Niedergang, weil Fußball billiger würde, und fürchten Murdoch, weil dadurch Fußball wieder teurer würde.
Wenn "Modernisierer" wie Bertelsmann-Advokat Wolfgang Clement sich nun zum Anti-Berlusconi-Kämpfer aufschwingen, dann vertreten sie recht schlicht gestrickte Interessen deutscher Akteure im globalisierten Konkurrenzkampf. Wer sich wirklich gegen Murdoch und Berlusconi wehren - wer Meinungsfreiheit und Arbeitsplätze gegen sie verteidigen will, der muss sich gegen ihre Finanziers und das undemokratische globalisierte Finanzsystem wenden. Und kann da sehr oft auf deutsche Gegner treffen.

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00:00 05.04.2002

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