Männerdämmerung und Frauenröte

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Ein Gespenst, das man im Sommerloch verschwunden wähnte, geht wieder um in Deutschland: die Männerdämmerung. Am 1. Juli diesen Jahres diagnostizierte Frank Schirrmacher auf bemerkenswert kurzsichtige Weise in der FAZ die Übernahme der Bewusstseinsindustrie durch die Frauen. Wäre es doch nur die Bewusstseinsindustrie! Seit letztem Sonntag, 20.58 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, ist die Lage - aus männlicher Sicht - ernster denn je. Die deutschen Frauen haben sich die testosteronhaltigste und vielleicht wichtigste gesellschaftliche Domäne überhaupt erobert. Sie haben geschafft, was den Männern im 2002 versagt blieb: Durch einen 2:1-Sieg über starke Schwedinnen wurden sie im Home Depot Center von Los Angeles Fußballweltmeister. Und während die Herren der Schöpfung vor gut einem Jahr weiter kamen, als es ihre bescheidenen Fähigkeiten hätten vermuten lassen, hatte man bei den Damen den Eindruck, dass sie ihre Grenzen nicht einmal vollständig ausreizen mussten. Seit Sonntag also gehört die Reihe Christiansen, Merkel, Heidenreich, Will und Berkéwicz um wenigstens sechs Namen verlängert: Theune-Meyer, Rottenberg, Minnert, Meinert, Prinz und Wiegmann, um nur die Trainerin und jene fünf Spielerinnen zu nennen, die ins Allstar-Team dieser WM berufen wurden.

Natürlich bemühen sich nun alle redlich, Vergleiche mit dem Männerfußball zu vermeiden, aber das ist Augenwischerei. Wie soll der Fußballfan denn nicht vergleichen? Fünfmal war die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bereits Europameister, und die Weltmeisterschaft hat sie nun mit der atemberaubenden Bilanz von sechs Siegen und 25:4 Toren (!) abgeschlossen. Birgit Prinz war mit sieben Treffern die erfolgreichste Torjägerin und wurde zur besten Spielerin des Turniers gewählt, Silke Rottenberg zur besten Torhüterin. Und in der FIFA-Weltrangliste haben die "german Supergirls" (US Today) die USA vom Thron gestoßen, ganz zu schweigen vom direkten Vergleich, den Tina Theune-Meyers Mädels mit 3:0 für sich entschieden. Bedenkt man, dass Fußball in den USA ein ausgesprochener Frauensport mit entsprechender Lobby und Reputation ist, erscheint der Erfolg dieser technisch, physisch und taktisch überragenden Mannschaft aus der bundesdeutschen Frauenfußball-Diaspora noch unglaublicher.

Vergleiche kommen bekanntlich nicht ohne eine dritte Bezugsgröße aus, und die am nächsten liegende ist natürlich die Position. Silke Rottenberg mochte vor dem Finale den Namen Kahn gar nicht mehr hören, schließlich hatte der ausgerechnet im Finale gegen Brasilien gepatzt (was ihm in England den Schmähnamen "Butterhand" einbrachte). Als aber die Schwedin Ljungberg in der 41sten Spielminute auf die deutsche Torhüterin zurannte, um das 1:0 zu markieren, da dachten wohl nicht wenige: die Rottenberg wird das schon geradebiegen - wie Olli Kahn in ähnlichen Situationen bei der Männer-WM. Und dann natürlich die Trainerin: Tina Theune-Meyer ist die erste Frau, die jemals ein Frauenteam zu einem Weltmeistertitel geführt hat. Wie freut sich so eine über den Triumph? Wie der Kaiser natürlich, fand der Kölner Express, als er sinnend und völlig versunken im Jahre 1990 über den Fußballrasen der heiligen Stadt schritt.

Der WM-Sieg der Frauen ist aber vor allem in einer Hinsicht ein echter Vergleichs-Glücksfall: Er räumt auf mit den sogenannten "deutschen Tugenden", einer Kategorie, die sich eigentlich nicht um Gender-Grenzen kümmern dürfte. Die Bilanz und die Spielfreude der Fußballfrauen entlarvt die Kompensation nicht vorhandener Spielstärke durch "Kampf" und "Glück" endgültig als männlich-deutsch. Immerhin: Einen Tag vor dem Triumph der Frauen hatten auch die Männer Grund zum Feiern. Die Qualifikation für die Europameisterschaft ist im Sack, das ist ja schon mal nicht schlecht in den bescheidenen Zeiten des fußballerischen Wiederaufbaus. Aber egal wie gut oder wie schlecht die Jungs im Sommer 2004 in Form sind, für die deutschen Fans steht eines seit Jahrzehnten fest: Auch Deutschlands Männer haben gefälligst um den Titel mitzuspielen. Tante Käthe, übernehmen Sie!

00:00 17.10.2003

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