Marianne und Bernhard

Kehrseite I Er saß mit einer Tasse Kaffee am Balkon, die Sonne spiegelte sich in seinen runden Brillengläsern, während er im Standard las. ...

Er saß mit einer Tasse Kaffee am Balkon, die Sonne spiegelte sich in seinen runden Brillengläsern, während er im Standard las.

Sie beobachtete ihn vom Wohnzimmer aus, wo sie die Blumen goss, und versuchte, eine sich plötzlich aufbäumende Verliebtheit zu unterdrücken. Doch dann küsste sie ihm schnell auf die Stirn, obwohl sie sich ein paar Minuten zuvor fest vorgenommen hatte, darauf zu warten, dass diesmal er auf sie zukäme.

Er schaute flüchtig auf, lächelte, zog sie kurz an sich, drückte ihr einen Kuss auf den Bauch und las weiter. Sie beherrschte sich und fragte nicht, was es Neues gäbe, ob noch weitere Erdbebenopfer zu beklagen seien, sondern ging still zurück ins Wohnzimmer.

Warum kreisten ihre Gedanken ständig um ihn? Er las doch auch ungestört in der Zeitung. Sie würde jetzt über etwas anderes nachdenken. Doch dann musste sie lachen, weil ihr so krampfhaft nichts anderes einfiel.

Wenn sie mit ihm lachte, und das tat sie häufiger als je mit einem anderen Mann, schienen alle Grenzen zwischen ihnen aufgehoben, ihre Seelen miteinander vereint und ihr Lebendigsein segelte höher und höher wie ein Vogel im Aufwind. Diese Nähe und Verschmelzung beim Lachen empfand sie in keiner anderen Situation, zu ihrer Beunruhigung nicht einmal beim Sex mit ihm. Trotz eifriger Lektüre und Auseinandersetzung über die Bedeutung und die verschiedenen spirituellen Dimensionen der Vereinigung, empfand sie selbst jedes Mal nur eine vage Freude über ein mehr oder weniger aufregendes Erlebnis zu zweit und danach zumeist ein angenehmes Gefühl der Erleichterung. Die Auflösung sexueller Anspannung war weltweit der springende Punkt, weil es ansonsten zu einem weitaus heftigeren, hasserfüllteren und unerbittlicheren Krieg zwischen den Geschlechtern kommen würde als zu dem, der ohnehin schon tobte.

Nur, bei ihnen waren es tatsächlich die leichtesten und zugleich ernstesten Augenblicke ihres gemeinsamen Lachens, diese ungeplanten Begegnungen ohne Wenn und Aber. Je mehr sie darüber nachdachte, für desto wahrscheinlicher hielt sie es, dass ihre Beziehung auf dieser banalen Zwerchfellbewegung begründet war, was ihr einerseits lächerlich, doch andererseits als ebenso guter Grund wie jeder andere erschien.

Sie stellte die Gießkanne an ihren Platz und setzte sich zu ihm auf den Balkon. Sie schwiegen. Das Schweigen machte sie nervös und ängstlich, doch sie schwieg verbissen weiter, wollte nicht wieder diejenige sein, die das Gespräch begann. Sie schwiegen ihr Sonntagsvormittagsschweigen, er ruhig und ernst blickend, sie angespannt und mit ihren Gedanken beim Montagabend, wenn sie wieder auf ihn warten würde.

Es war immer dasselbe. Sie freute sich auf ihn, lauschte auf die Schritte vor der Tür und dann fing es an. Wie öffnet er die Tür, wie begrüßt er sie, wie zieht er sich die Schuhe aus und sagt er etwas oder nicht oder will er, dass sie etwas sagt und wenn ja, was? Und eigentlich will sie, dass er endlich etwas sagt und wenn er etwas sagt, will sie, dass er wieder etwas sagt, etwas zu ihr sagt, etwas Schönes natürlich, über sie, über die Beziehung, etwas Bestärkendes, seine Liebe Versicherndes. Dennoch hatte sie das Gefühl, glücklich zu sein mit ihm, sie kamen sich so nahe, wie es eben möglich war ..

Warum bin ich so fixiert auf ihn?, dachte sie ärgerlich und begann die Stäbe des Balkongitters zu zählen. Plötzlich erschien ihr alles sinnlos, dieser Sonntagvormittag, die gemeinsame Wohnung, ihre Arbeit in der Schule, sogar der Sonnenschein und das Leben überhaupt. Immer musste sie allein sein, auch wenn er da war - eigentlich besonders dann. Denn wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie überhaupt nichts miteinander teilten, ihre Beobachtung war verschieden, ihr Erleben, ja sogar Farben sah er mit seiner Rot-Grün-Sehschwäche anders als sie. Die Wahrheit war, dass sie in weiter Ferne voneinander lebten.

Sie erhob sich, lächelte ihn an und fragte ihn, ob er noch eine Tasse Kaffee möchte. Er sah sie geistesabwesend an, sie schüttelte resigniert den Kopf, lächelte aber automatisch weiter und legte sich aufs Bett. Wenn sie jetzt wenigstens Kopfweh hätte, das wäre ein Grund, um sich im Bett zu verkriechen, sich tot zu stellen, abzuwarten, sich selbst irgendwie einzufrieren, ruhig zu stellen, wegfühlen zu können. Aber sie wusste, dass sie dann darauf warten würde, dass er käme um sie zu fragen, was mit ihr los sei und ob sie einen Tee wolle, darauf warten, dass er ihr die Hand halten, sie zärtlich und besorgt küssen, dass er sie umsorgen würde.

Doch diese Art von Seifenoper gab es wahrscheinlich nicht einmal im Fernsehen. Er würde nur glauben, sie wolle allein sein und in Ruhe gelassen werden. Und diesen Wunsch würde er gut und mit großer Ausdauer zu erfüllen wissen. Sie erhob sich seufzend und überlegte, ob sie eine Freundin treffen sollte, doch sie befürchtete, seine Laune könnte sich plötzlich ändern und dann wäre sie nicht da. Gleichzeitig dachte sie daran, dass er schon oft zu ihr gesagt hatte, sie solle ihn doch ansprechen, wenn sie etwas von ihm möchte, er sei doch kein Unmensch und würde sich vielleicht über die Unterbrechung freuen. Natürlich alles nur vielleicht, denn das sei selbstverständlich das Risiko dabei. Er verstand nicht, dass sie sich keinen auch nur eventuellen Korb holen wollte.

Wieder warf sie einen Blick Richtung Balkon. Wo wurden die Tage gemacht und wer bestimmte, was wann passierte? Dieser flüchtige Gedanke erschreckte sie, weil er ihr zu bedeuten schien, dass sie sich fremdbestimmt fühlte, unzufrieden mit ihrem Leben war.

Plötzlich hatte sie die Vorstellung, ihn vom Balkon zu stoßen, leise hinter ihn zu treten, den Stuhl unter der Sitzfläche zu fassen und mit einem Ruck nach vorne in die Höhe zu reißen. Er würde ohne einen Ton von sich zu geben durch die Luft rasen und am Boden zerschmettern. Je mehr sie dieser Gedanke schockierte, umso mehr war sie von ihm fasziniert - und umso öfter wiederholte sie ihn innerlich. Ihre Hände zitterten.

Er stand auf, drehte sich um, lächelte ihr zu und fragte: "Gehen wir ins Kino?" Fassungslos sah sie ihn an, dann nickte sie.

Karin Seidner wurde 1963 geboren, sie lebt als Schriftstellerin und Performance-Künstlerin in Wien. Sie ist Mitglied der preisgekrönten Wiener "Grauenfruppe", von der zuletzt das Buch Lexikon der Lust im Provinz-Verlag erschien.


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00:00 03.03.2006

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