Marihuana, Erdbeeren und Pornographie

Geschichten aus dem Untergrund Der Journalist Eric Schlosser erzählt von der Schattenseite der amerikanischen Wirtschaft

Wer im US-Bundesstaat Indiana wegen bewaffneten Raubüberfalls vor Gericht gestellt wird, muss mit einer Gefängnisstrafe von etwa sechs Jahren rechnen. Vergewaltiger kommen im Durchschnitt für acht Jahre hinter Gitter, während Mord mit immerhin 25 Jahren Gefängnis geahndet wird. Allerdings haben Straftäter bei guter Führung die Chance, nach der Hälfte der verbüßten Zeit freizukommen.

Mit diesem kleinen Exkurs in die Strafpraxis beginnt der amerikanische Journalist Eric Schlosser die erste seiner drei Reportagen über die Untergrundökonomie in den Vereinigten Staaten. Die genannten Zahlen dienen als Vergleichsmaterial, um die Dimension eines anderen Gerichtsurteils zu verdeutlichen. Am 8. Februar 1992 wurde der damals 38-jährige Mark Young zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Richterspruch stützte sich ausschließlich auf die Aussagen seiner "Geschäftspartner". Sein Verbrechen bestand in der Herstellung des Kontakts zwischen Verkäufern und potenziellen Kunden. Denn die Ware, die den Besitzer wechseln sollte, waren 700 Pfund hochwertiges Marihuana. Young, ein gewohnheitsmäßiger Kiffer und Motorradfreak, der als junger Kerl wegen kleinerer Vergehen mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, schien den Produzenten des Stoffs als idealer Mittelsmann. Dabei ging es um viel Geld: Bei einem Preis von 1200 Dollar pro Pfund würde sich fast eine Million erzielen lassen. Young sollte für eine erfolgreiche Vermittlung eine Prämie von 100 Dollar pro verkauftem Pfund bekommen. Doch der Deal flog auf, die Beteiligten wurden verhaftet, und Mark Young, der aufgrund seiner mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Verurteilungen wegen des Besitzes von Amphetaminen als notorischer Drogenkrimineller galt, bekam lebenslänglich.

Eric Schlosser hatte sich bereits 1994 für den Fall Young interessiert und im Atlantic Monthly auf das Skandalurteil hingewiesen. Kurze Zeit später reduzierte ein Berufungsgericht die Strafe auf zwölfeinhalb Jahre ohne Bewährung. Doch die an Hysterie grenzende Verfolgung des Marihuanakonsums in den USA war damit noch längst nicht vorbei. Selbst ein Saxophon spielender Präsident, der zugab mit der Hanfdroge "experimentiert" zu haben, allerdings ohne zu inhalieren, änderte nichts an diesen Zuständen, im Gegenteil. Unter der Präsidentschaft Bill Clintons wurden mehr US-Bürger wegen des Besitzes von Marihuana verhaftet als jemals zuvor. Als der erklärte Hippiefeind Richard Nixon regierte, wurde zwar mindestens genauso viel gekifft, aber die Zahl der Festnahmen war um zwei Drittel geringer.

Der Anbau und Verkauf der illegalen Droge Marihuana ist einer der Hauptzweige der amerikanischen Untergrundökonomie. Der Wert der jährlichen Cannabisernte in den USA wird auf vier bis 25 Milliarden Dollar geschätzt. Zum Vergleich: Mais, immerhin die meist angebaute Nutzpflanze der Vereinigten Staaten, bringt es auf 19 Milliarden Dollar.

Es gehört zu den Rätseln unserer Zeit, warum die profitable Befriedigung des Rauschbedürfnisses weiter Teile der amerikanischen Bevölkerung nicht schon längst legalisiert wurde. Statt dessen wird ein erfolgloser Kampf gegen die Droge geführt, der in den letzten zwanzig Jahren nicht nur viele Milliarden Dollar gekostet hat, sondern auch für die Festnahme von zehn Millionen Amerikanern, von denen mehr als 250.000 anschließend für mindestens ein Jahr inhaftiert wurden, verantwortlich ist. Dabei gab es in den siebziger Jahren durchaus Bemühungen, weiche Drogen zu entkriminalisieren. Doch spätestens mit der Reagan-Regierung begann ein neuer "Krieg gegen die Drogen", der der gnadenlosen Verfolgung Marihuana rauchender Jazz-Musiker durch den paranoiden obersten Drogenfahnder Harry J. Anslinger in den vierziger und fünfziger Jahren kaum nachsteht.

So führen moralische Vorbehalte, Opportunismus von Politikern und eine rigide Rechtspraxis dazu, dass Produktion und Vertrieb des Rauschmittels Cannabis auch weiterhin ein elementarer Bestandteil der US-Schattenwirtschaft bleiben, die insgesamt mittlerweile mehr als zehn Prozent des Bruttosozialprodukts ausmacht. In Bolivien beträgt dieser Anteil übrigens 65 und in Nigeria 76 Prozent.

Eric Schlossers Interesse gilt den gesellschaftlichen und politischen Dimensionen dieser "versteckten" Ökonomie. Inwieweit ist der Staat berechtigt, seinen Bürgern vorzuschreiben, welche Produkte sie erwerben? Wie verhält sich die Freiheit des Konsumenten zu der Freiheit jener, die unter erbärmlichen Bedingungen für seine Bedürfnisbefriedigung sorgen? Zum Beispiel die illegalen mexikanischen Arbeiter, deren Hungerlöhne die Erdbeerpreise niedrig halten. Ihnen gilt die zweite Reportage in Schlossers Buch. Die Knochenarbeit auf den Erdbeerfeldern Kaliforniens wird ebenso dargestellt wie die katastrophale wirtschaftliche Lage der Migranten, die hoffen, irgendwann besser bezahlte Jobs in der Industrie zu finden. Und weil das auch tatsächlich funktioniert, sind die Erdbeerfarmer auf einen ständigen Zustrom neuer illegaler Einwanderer angewiesen, um die Löhne niedrig und damit die Erdbeeren billig zu halten. Schlossers Reportagestil, eine Mischung aus Erzählung, Interviews und harten Fakten, bewährt sich auch hier und mag manchem den Appetit auf frische Erdbeeren ebenso verderben, wie sein in diesem Jahr auf Deutsch erschienenes Buch über die Hamburger-Industrie Fast Food Nation. Fette Gewinne, faules System (Riemann Verlag) viele Leser zumindest für kurze Zeit vom Verzehr geschmacksarmer Rindfleischklopse abhielt.

In der letzten Geschichte des Buches widmet sich Eric Schlosser einem Wirtschaftszweig, dessen Aufschwung in den letzten Jahren vor allem dem medientechnischen Fortschritt zu verdanken ist. Die Porno-Industrie hat es weit gebracht; vom Verkauf schlecht gedruckter Schmuddelheftchen unter der Ladentheke bis zum hunderttausendfachen Angebot einschlägiger Websites im Internet war es ein langer Weg, der von ständigen Scharmützeln mit der Staatsgewalt begleitet war. Aber anders als beim Kampf gegen die Drogen scheint der amerikanische Staat seine Niederlage gegen die Pornographie mittlerweile zähneknirschend akzeptiert zu haben. Schließlich waren die Bemühungen der US-Regierung unter Reagan und Bush-Vater, Herstellung und Vertrieb pornographischen Materials zu unterbinden, von einem nie da gewesenen Aufschwung der Industrie begleitet. Allein zwischen 1985 und 1992 stiegen die Ausleihzahlen für einschlägige Videos von 79 auf 490 Millionen, um im Jahre 2001 auf 759 Millionen zu wachsen.

Schlosser erzählt die Geschichte der modernen Sex-Industrie am Beispiel Reuben Sturmans, eines hierzulande kaum bekannten Pioniers des Gewerbes. Inspiriert vom Erfolg des zwei Jahre jüngeren Playboy-Gründers Hugh Hefner beschloss Sturman, der als Comic-Händler begonnen hatte, mit Sex-Heften sein Geld zu verdienen. Der Erfolg ließ, ebenso wie die Konflikte mit den Behörden, nicht lange auf sich warten. In den frühen sechziger Jahren musste Sturman mehrmals Razzien und die Beschlagnahme seines gesamten Warenlagers über sich ergehen lassen. Prozesse wegen Verbreitung obszönen Materials folgten. Doch der Sohn russischer Einwanderer ließ sich nicht beirren. Mit einer Mischung aus Geschäftsgeist, Skrupellosigkeit und Sendungsbewusstsein kämpfte er für das Recht jedes erwachsenen Amerikaners, zu lesen und anzuschauen, was ihm gefällt. Und natürlich für sein eigenes Recht, damit Geld zu verdienen.

Und Reuben Sturman war erfolgreich. Vor allem in den siebziger Jahren gelang es ihm, ein weltweit operierendes Porno-Imperium aufzubauen. Die sexuelle Liberalisierung seit den späten Sechzigern zeigte Wirkung. Außerdem erkannte Sturman schon früh das Markpotenzial der Video-Technologie. Doch der Staat mochte sich nicht mit seinen ständigen Niederlagen abfinden. Ein energischer Steuerfahnder namens Richard Rosfelder hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den trickreichen Sex-Händler zur Strecke zu bringen. Schließlich hatte dieser mit Hilfe eines ausgeklügelten Systems scheinbar unabhängig voneinander operierender Unternehmungen seit langem vermieden, dem Staat, der ihm seine Geschäfte so schwer machte, auch noch Steuern zu zahlen. Es sollte allerdings bis in die neunziger Jahre dauern, Sturman endgültig den Prozess zu machen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich längst andere des ständig weiter wachsenden Geschäfts mit der Lust am Obszönen bemächtigt.

Schlosser scheint nicht ohne Sympathie für Reuben Sturman und schildert ihn wie eine Schmuddel-Variante des klassischen amerikanischen Wirtschaftspioniers. In diesem Zusammenhang macht er das Dilemma eines Staates deutlich, in dem die Freiheit des Individuums zu den unverzichtbaren Grundlagen gehört und die Freiheit des Marktes sakrosankt ist, zu dessen Traditionen aber auch die moralische Bevormundung seiner Bürger gehört. Eine Lösung hat der Autor nicht parat. Es wird zwar deutlich, dass er den "Drogenkrieg" für ebenso unsinnig wie maßlos hält, die Ausbeutung von Wanderarbeitern verurteilt und eine staatliche Zensur ablehnt. Doch im Vordergrund steht das klassische Anliegen des Reporters: Zu zeigen, was ist. Denn wie sagt Eric Schlosser im letzten Satz seines Vorwortes: "To know a country you must see it whole."

Eric Schlosser: Reefer Madness. And Other Tales from the American Underground. Allen Lane. London 2002. 310 S., 17 EUR

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00:00 19.09.2003

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