Marktlücke

Linksbündig Wer verdient am Antisemitismus?

Die etablierte deutsche Politik beschwört dröhnend die "Freundschaft mit Israel". Sie muss es. Denn würde sie das Gegenteil behaupten, hätte die internationale Öffentlichkeit den Beweis, dass sich die Deutschen nicht geändert haben. Je mehr aber etwas von PolitikerInnen heute beteuert wird, umso mehr wird es von Medien und Öffentlichkeit angezweifelt: warum hat er/sie das nötig? Steckt vielleicht ein schlechtes Gewissen dahinter? Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht gering. Wenn die Tagesschau uns täglich mit Bildern von zerschossenen Flüchtlingslagern und Gebetshäusern einerseits, von gesprengten Bussen und Restaurants andererseits beliefert, wie viele ZuschauerInnen werden dann "Freundschaft" mit einer der beiden Seiten empfinden?
Das Interesse der Bundesregierung an den deutschen Kriegsbeteiligungen in Jugoslawien und Afghanistan war, endlich als normales Mitglied im exklusiven Club der Großmächte wahrgenommen zu werden. Um die militärischen und politischen Souveränitätseinschränkungen der Nachkriegszeit des letzten Jahrhunderts endlich abzustreifen, lag es bei aller sachlichen Absurdität sogar nahe, mit der Parole "Nie wieder Auschwitz" zu hantieren. Sie verriet wenig über den diskutierten Sachverhalt, aber viel über die Motive ihrer Rufer.
Nun holt es sie wieder ein. So wie es seinerzeit nicht glaubhaft war, kauft es ihnen auch heute niemand mehr ab. Die deutsche Politik als Volkserziehung hat abgedankt. So können viele Deutsche wieder ihre politische Sau rauslassen. Möllemann hat die Riesenmarktlücke zielsicher erkannt. Er gibt dem Affen Zucker und viele denken und sagen, dass da "endlich mal einer die Wahrheit sagt". Es wirkt hilflos, wenn sich nun Fischers Grüne in heftiger Konvertitenmanier gegen die FDP als Freunde Israels zu profilieren versuchen und Möllemanns antisemitische Volkstribunenrolle doch ungewollt verstärken. Die FDP-Führung ist schmierig-clever genug, von ihrem deutsch-arabischen Händler Distanz zu halten. Der Münsteraner Lehrer Möllemann, das wissen bisher nur wenige, besitzt eine Firma "Wirtschafts- und Exportberatung Trade Export Consult Jürgen Möllemann", deren Mitglieder einem Bericht der Rheinischen Post zufolge Order haben, keine Erklärungen abzugeben. Das wäre nämlich wahrscheinlich schlecht fürs Geschäft. Prokurist ist ein ehemaliger Militärattache der deutschen Botschaft in Riad (Saudi-Arabien). Möllemann selbst bringt als ehemaliges Mitglied des Bundessicherheitsrates und Duz-Freund von Hans-Dietrich Genscher ebenfalls viel "Sachverstand" in seine Firma ein. Für welche Exporte dort beraten wird? Am besten verdienen ließe sich mit Rüstungsgütern. Das konnte Möllemann bisher nicht bewiesen werden; aber viele meinen es zu wissen. Außenminister wird dann - "Kompromiss, Kompromiss" - eben ein anderer. Gewähren lässt die FDP ihn trotzdem, denn er schafft jede Menge rechte Protestwähler ran.
Es ist traurig anzusehen, wie ein wichtiger öffentlicher Diskurs über einen der mörderischsten Weltkonflikte auf diese Weise ins Räderwerk der Parteistrategien des Bundestagswahlkampfes gerät. Vielen Menschen fehlt leider die Medienkompetenz, die Reservate zu finden, in denen sich Konfliktbeteiligte beider Seiten den Kopf zerbrechen, wie die Gewalteskalation aufzuhalten ist. Es wäre sicher falsch, von der Bundesregierung als handelnde Vermittlerin in der EU zu verlangen, rhetorische Fahnen herauszuhängen. Wenn sie stark wäre, würde sie schweigen. Wo sie zu schwach ist und es trotzdem tun zu müssen glaubt, tut sie es für Israel.
Die deutsche Öffentlichkeit sollte weniger deklamieren, mehr zuhören und lernen. Es gibt israelische Intellektuelle, die über Sharon so verzweifelt sind, wie über Arafat. Es gibt die PalästinenserInnen, die friedensunfähige religiöse und politische Führer, die zu Selbstmordattentaten anstiften, lieber heute als morgen loswürden. Es gibt Reservate in den Medien, in denen auch das deutsche Publikum das zur Kenntnis nehmen kann, wenn es sich nur wirklich dafür interessierte.

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00:00 10.05.2002

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