Marx im Apfelhof

Kino Julian Radlmaier lässt in „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ den Kommunismus auferstehen

Es ist kein Zufall, dass sich der Filmemacher Julian in Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes am Ende ausgerechnet in einen Windhund verwandelt – und nicht etwa in einen Mops oder einen Dackel. Schließlich ist der bürgerliche Hund einer dieser windigen Typen, die in speziellen Bereichen des Kulturbetriebs immer häufiger anzutreffen sind: verstrebert, opportunistisch, verwöhnt, kann linke Diskursformeln aus dem Effeff. Einer, dem Spätkapitalismus das liebste Wort ist und der selbst knietief im Prekariat ein bourgeoiser Hipster bleibt.

„In Deutschland hat man es ja nicht so mit ästhetisch-politisch radikalem Zeug“, erklärt Julian (Julian Radlmaier) einmal einer Filmkritikerin. Total verkehrt ist die Diagnose natürlich nicht, es eben so zu sagen, ist eine andere Sache. Julian Radlmaier, der mit dem fiktiven Film-Julian sicherlich auch seine eigene Position als diskursgeschulter Regisseur bespiegelt, versucht sich mit seinem „burlesken Essayfilm“ – so der eigene Gattungsbegriff – an einer Reaktivierung linker Theorie im Kino. Dabei setzt er dem Pathos und der grimmigen Verbissenheit, die das „ästhetisch-politisch radikale Zeug“ oft auszeichnet, etwas sehr Leichtes, Luftiges entgegen.

Julian, Jungregisseur ohne Fördergeld und außerdem in die Kanadierin Camille (Deragh Campbell) verknallt, wird von der Agentur für Arbeit zur Erntearbeit auf eine Apfelplantage ins brandenburgische Straubnitz (eine Straub’sche Aneignung von Straupitz?) verdonnert. Seinen Berliner Akademikerfreunden und Camille gegenüber will er den wahren Grund seines Landaufenthalts natürlich nicht eingestehen. Also erfindet er ein Filmprojekt, für dessen Forschung er sich zwingend ins Innere spätkapitalistischer Arbeitsverhältnisse begeben muss. Camille, die die Hauptrolle in dem „Märchen über die Schönheit der kommunistischen Utopie“ spielen soll – es ist eben der Film, den wir als Zuschauer gerade sehen – , entschließt sich, ihn bei der Recherchearbeit zu unterstützen.

Naive Glückssucher

Auf der Apfelranch „Oklahoma“, die von der feldwebelhaften Elfriede Gottfried (Johanna Orsini-Rosenberg) geführt wird, treffen die beiden skurrile Gestalten, darunter die naiven Glückssucher und ehemaligen Museumswärter Hong (Kyung-Taek Lie) und Sancho (Beniamin Forti), den diktatorischen Georgier Zurab (Zurab Rtveliashvili) und einen stummen Mönch (Ilia Korkashvili), der sich wie Franz von Assisi auf die Kommunikation mit Vögeln versteht. Während sich Camille mit lebendigem Interesse in das vermeintliche Filmprojekt schmeißt, begegnet Julian den Arbeitern mit Argwohn. Anstatt mit den Genossen abends in den Containerbaracken Anna Karenina zu lesen, bleibt er lieber auf seinen bürgerlichen Privilegien sitzen.

Sein Kommunismus ist eh beschränkt, sobald es um politische Praxis geht. Als ein Streik ansteht, versteckt er seine Ängste hinter akzelerationistischem Geschwafel: Erst nach erhöhter Eskalationsstufe sei die echte Revolution möglich. Der vermeintliche Unfalltod von Frau Gottfried entfacht ein neues Diskursgewitter. Kurz flammt die Fantasie eines kommunistischen Kollektivs auf, verschiedene Konzepte schwirren umher: vom klassischen Staatssozialismus über hedonistische Spielarten bis hin zum Kommunismus ohne Kommunisten. Julian macht sich mit einer deprimierend billigen Einsicht aus dem Staub: „Keiner von uns ist zu irgendetwas fähig.“

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes, Radlmeiers Abschlussarbeit an der DFFB und nach Ein Gespenst geht um in Europa (2014) und Ein proletarisches Wintermärchen (2013) sein erster Langfilm, erschöpft sich glücklicherweise nicht in einer selbstgefälligen Diagnose des eigenen Scheiterns. Wundersame Ereignisse, chaplinesker Slapstick und schön verrutschte Sprechakte sorgen für ein utopisches Grundrauschen.

Zwar ist die smarte Meta-Selbstkritik-Ebene, mit der Radlmaier möglicher Kritik an seinem Film begegnet, nicht ganz unbeflissen. Doch dieser Gestus verspielt sich schnell in der Fülle unterschiedlicher Spiel- und Redeweisen. Selbstkritik versammelt einen heterogenen Cast aus Laien (Freunde, Bekannte, Eltern von Freunden) und professionellen Schauspielern, von Castorf-Habitué Mex Schlüpfer bis hin zu Deragh Campbell, die mit den Filmemachern Matt Porterfield und Nathan Silver assoziiert ist.

Dass sich das disparate Personal zu einem organischen Ganzen fügt, verdankt sich der präzisen Bildgestaltung von Markus Koob – und einem einfachen wie effektiven Set-Design, das mit satten Farbakzenten verbindende Signaturen setzt. Die statischen Aufnahmen im 4:3-Format sind aufgeräumt und klar kadriert, oft werden die Figuren frontal ins bühnenhafte Bild gestellt und zu Porträtserien montiert.

Mit seinem strengen ästhetischen Konzept und dem burlesken Humor steht Radlmaier den Arbeiten des österreichischen Filmemachers Daniel Hoesl (Soldate Jeanette, WiNWiN) sicherlich näher als den hochcodierten Arbeiten seines ehemaligen Studienkollegen Max Linz (Ich will mich nicht künstlich aufregen). Selbstkritik mag ebenso von Referenzen durchwirkt sein, doch im Wesentlichen wird der Film von Verspieltheit und Fabulierlust getragen – wie von einer mitunter entwaffnenden Simplizität in der Bearbeitung komplexer politischer Fragen. „Die Welt ist sehr dumm ausgedacht“, sagt Hong einmal. Systemkritik hatte lange nicht einen so unschuldigen und frischen Klang.

Info

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes Julian Radlmaier D 2017, 99 Minuten

06:00 17.06.2017

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