Materialschlacht sondergleichen

PR-Offensive Der Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit Wolfgang Clement verkauft mit einer geschickt angelegten Marketingstrategie unter dem Namen "Teamarbeit für Deutschland" sich und seine Politik

Henry B. Cordes stützt sich mit den Ellenbogen auf den schweren, dunklen Bürotisch und wirkt ein bisschen gelangweilt, als er Fragen nach dem Projekt beantworten soll, für das er im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) die Verantwortung trägt. Dieses Projekt ist zur Zeit das Lieblingsthema seines Chefs Wolfgang Clement (SPD) und trägt den Namen: "Teamarbeit für Deutschland." Seit dem 16. Juni läuft die als überparteiliche Initiative getarnte PR-Offensive auf Hochtouren. Cordes ist Leiter der Leitungs- und Planungsabteilung des BMWA und verfügt für diese Initiative über zehn Millionen Euro. Damit steht ihm eine Summe zur Verfügung, mit der er eine riesige Materialschlacht führen kann im Kampf um die Meinungsführerschaft beim Thema Arbeitsplätze.

Bereits vor Monaten entstand die Idee für diese Kampagne. Vor allem soll das Projekt eines: Die Politik des amtierenden Arbeitsministers verkaufen und sein Macher-Image stärken. Im Bundesministerium an der Scharnhorststraße in Berlin-Mitte hört sich das natürlich ganz anders an. "Mit Teamarbeit wollen wir uns ganz klar von den Politisierungen anderer Initiativen absetzen", sagt Cordes. Sein Haar ist weiß, das Gesicht glattrasiert. Ihm gegenüber sitzt die Referatsleiterin Susanne Gasde, verantwortlich für die operative Umsetzung. Sie lächelt freundlich und hält vor sich auf dem Tisch eine Pressemappe bereit, in der steht, welche Touren der Herr Bundesminister bewältigen wird, um für mehr Ausbildungsplätze zu werben. Gasdes dunkles Haar fällt sauber gekämmt auf ihren schwarzen Blazer, um ihre braunen Augen werden die ersten feinen Fältchen sichtbar. "Hunderte haben sich bereits auf die Kampagne hin bei verschiedenen Stellen wie dem Kampagnenbüro oder den Arbeitsämtern gemeldet", sagt sie. Seit Wochen schaltet das Ministerium ganz- und doppelseitige Anzeigen in großen Tageszeitungen und Magazinen. Die Republik soll sehen, dass "Teamarbeit" nun am Start ist und alle bisherigen Anstrengungen für mehr Arbeitsplätze in den Schatten stellt. Auf der Internethomepage teamarbeit-fuer-deutschland.de präsentieren die Macher ihre Ideen, ein Netzwerk soll entstehen, wie es nie zuvor existierte. Promis unterstützen die Kampagne. Udo Lindenberg gehört dazu und der Regisseur Söhnke Wortmann. Überall will man Menschen einbinden, die mit Ratschlägen und Hilfe Arbeitslosen vor allem den Weg in die Selbstständigkeit ebnen. Bürgerinnen und Bürger aus Politik, Kirche, Kultur, Wirtschaft, Gewerkschaften, Arbeitsvermittlung, Medien, Vereinen, Erziehung, Wohlfahrt, Wissenschaft und, und, und müssen ihren Beitrag leisten, heißt es aus dem Clement-Hause. Auf Infopapieren und in Pressetexten verbreiten die Kampagneleiter die Worte ihres Ministers: "Wir bieten engagierten Menschen eine Plattform, um Erfahrungen auszutauschen und anderen Mut zu machen, sich für Arbeitsplätze einzusetzen", und schließlich heißt es in gewohntem Clement-Pathos: "Mein Wunsch ist, dass das Thema Arbeitslosigkeit im Bewusstsein der Menschen die herausragende Bedeutung bekommt." Der Werbeflächenbetreiber Hans Wall stellt dafür kostenlos 20.000 Plakatflächen zur Verfügung.

Lange schon wurmte es den Superminister, dass andere Organisationen ihre politischen Ziele medienwirksam vorstellten. Die CDU-Veranstaltung "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die Parteichefin Angela Merkel einst erfand, sowie der neoliberale Bürgerkonvent drohten, die Meinungsführerschaft beim Thema Beschneidung der Arbeitnehmerrechte und Abbau der Sozialleistungen zu übernehmen. Da wollte der mediengewandte Bundesminister nicht nachstehen und gab die Planung für eine eigene Kampagne in Auftrag. Den Anstoß und die Rechtfertigung dafür fand er im Modul 13 des Hartz-Konzepts. Zwei renommierte Werbeagenturen, "Zum goldenen Hirschen" aus Hamburg und die Frankfurter Agentur "Ahrens Behrent", erhielten die Aufträge für die Ausarbeitung einer Konzeption. Und daraus wurde dann "Teamarbeit für Deutschland". Gleichzeitig verpackt Clement nun seine Politik in die neuen Gewänder des tourenden Kämpfers für Arbeits- und Ausbildungsplätze. Noch bevor die Initiative startete, unkten Mitarbeiter, mit der Kampagne werde der Minister seinen Gegnern "die Luft zum Atmen nehmen". Cordes wehrt ab. "Uns geht es gar nicht darum, anderen Initiativen die Luft zum Atmen zu nehmen. Wir wollen helfen, Arbeitsplätze zu schaffen."

Auf der Tour mit dem Lehrstellentruck "Vorfahrt für Lehrstellen", die durch Berlin und Brandenburg führt, inszeniert sich Clement als Vermittler und vermeldet 1.208 von der Wirtschaft zugesagte Ausbildungsplätze. Experten schätzen, dass zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres mehr als 40.000 Lehrstellen fehlen. Längst ist von der Öffentlichkeit vergessen, dass kurz nach Regierungsantritt von Rot-Grün das "Jump"-Sofortprogramm zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit eingeführt wurde und letztlich scheiterte. Jeder dritte Jugendliche, der das "Jump"-Programm aus Umschulungen und Weiterbildungen durchlief, ist heute meist erfolglos auf Stellensuche. Und die Personal-Service-Agenturen (PSA), die vor einem Jahr mit großem Tamtam eingeführt wurden, gelten bisher als Flop. Doch die neue atemlose "Teamarbeit"-Offensive lässt keine Zeit zum Innehalten. Wenn die Sozialleistungen gekürzt, die Arbeitnehmerrechte zurückgestutzt und die Hartz-Gesetze umgesetzt sind, dann werde dieser "Mix", Originalton Clement, "Kräfte freisetzen, die Arbeit schaffen".

In einer der "Teamarbeit"-Broschüren stellt das Ministerium Persönlichkeiten vor, auf dem Weg aus der Arbeitslosigkeit. Eine davon ist Katja Hofman (32), eine lange, schlanke Frau mit frohem Gemüt und dunklen Augen. Sie gründete vor einigen Monaten eine Ich-AG. Noch vor drei Jahren arbeitete sie für eine Berliner Werbeagentur als Art Director. Dann kamen der Crash der New Economy und die vielen Pleiten. Sie war arbeitslos. Katja sitzt in einem Cafe am Hackeschen Markt und erzählt, wie sie über 50 Bewerbungen damals geschrieben und keine Stelle bekommen hat. "Ich war dann in einer Krise und wusste erst mal nicht weiter", sagt sie. Jetzt arbeitet die ICH-AG-Frau als "Raumbildnerin". Ihre Firma heißt "raumbilder". Katja entwirft und malt selbst die passenden Bilder für die entsprechenden Wohnungen. Große Sprünge kann sie noch nicht machen, an Urlaub ist nicht zu denken, jeder Tag ist ein Arbeitstag. Nein, zurück in eine Firma will sie erst mal nicht. Bei der "Teamarbeit" hat sie ihre Telefonnummer hinterlassen. "Wenn jemand Fragen hat, wie er in einem ähnlichen Beruf sich selbstständig machen kann, dann geb ich ihm gerne Ratschläge", sagt sie. Ob das die Arbeitslosigkeit senkt? "Ich weiß nicht, aber irgendwas müssen wir ja machen."

Ein anderer mit dem sich die Kampagne des Wirtschaftsministeriums schmückt, ist Hagen Franke (35). Der Berliner nahm das Überbrückungsgeld des Arbeitsamtes in Anspruch und baute mit seiner Frau Christiane einen Stehimbiss in Berlin-Mitte auf. Er lehnt an der Wand neben dem Tresen, Arme verschränkt, schwarzer Dreitagebart, kurze Haare, breites Lachen. Er gebe gerne jedem Ratschläge, der sich auch auf eigene Beine stellen will, sagt er. "Aber ehrlich. Nicht jeder kann eine Ich-AG machen oder Kneipe eröffnen. Das geht nicht". Man müsse so vieles "packen", ausgebildet sein, sich mit den "Ämtern rumschlagen". Klar, die Initiative unterstützt er. "Gerne. Is ja alles prima jemeint", aber man müsse schon "realistisch bleiben".

Realismus ist dieser Tage aber nicht angesagt, eher sind es "Visionen", wie Clement sagt. Im Büro von Herrn Cordes herrscht kurz Stille. Wie soll gemessen werden, ob "Teamarbeit für Deutschland" ein Erfolg sein wird? "In einer sehr schwachen Wachstumsphase ist es sehr schwer, Unternehmer zu Neueinstellungen zu bewegen, aber Teamarbeit wird umso besser wirken, je mehr auch die realen Instrumente wirken. Wir müssen eben einen langen Atem haben, um wirkliche Erfolge zu erzielen", sagt Cordes.

Drei Jahre lang soll die Initiative arbeiten. Bis zur Bundestagswahl im Jahre 2006. Danach werden die Slogans und das Marketingkonzept von anderen Sprüchen und Konzepten abgelöst. Das kennt man ja. Nur sagen kann Herr Cordes das nicht.

00:00 22.08.2003

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