Mehr als eine kleine Revolution

Über einen Aufenthalt in den USA Es gibt noch immer das andere Amerika. Jetzt im Wahlkampf erst recht

Nach den jüngsten Vorwahlen der Demokraten, unter anderem in North Carolina und Indiana, scheinen die Würfel für Barack Obama gefallen, auch wenn Hillary Clinton nicht aufgeben will und an ihre Chance glaubt. Definitiv darüber entscheiden, wer im November für die Demokraten um die US-Präsidentschaft kämpft, wird erst der Parteikonvent Ende August in Denver. Freitag-Autor Ekkehart Krippendorff hat die Vereinigten Staaten während der vergangenen Woche bereist und dabei nicht nur den Obama-Clinton-Fight beobachtet.

Die unterschiedliche Parteinahme für Barack Obama oder Hillary Clinton geht buchstäblich durch das gesamte linksliberale Amerika. Nicht immer sind es die Frauen, die sich endlich und guten Gewissens für eine der Ihren entschieden haben. Auch zahlreiche Männer, die Hillary die Treue halten, weil sie die gar nicht so subtilen sexistischen Verleumdungen empörend finden - trotz des Unbehagens über ihre machtbesessene Skrupellosigkeit gegenüber ihrem Konkurrenten.

Der hingegen hat ein Potential von Hoffnung, Erneuerung und Idealismus geweckt, das alle Beobachter überrascht und überrollt. So etwas hat es in der amerikanischen Geschichte in dieser Stärke und diesen Ausmaßen noch nicht gegeben. Es ist eine tiefe spirituelle Dimension, die Obama anzusprechen versteht, die Wiederbelebung des Traumes von Amerika als eines großen utopischen Projektes, das sich in den vergangenen Jahrzehnten in einen Alptraum verwandelt hat - nicht nur für Nicht-Amerikaner.

In diesem heftigen Vorwahlkampf hat Obama gewiss taktische Fehler gemacht, die aber alle solche der Ehrlichkeit waren, indem er Wahrheiten aussprach, die man eben besser nicht sagt. Vor allem hat er sich strikt geweigert, Hillarys hinterhältige Verleumdungen ("ein Muslim ist er nicht - soweit ich weiß") mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Man darf und muss sagen: In seiner Person wird der amerikanische Traum erstmals seit langem wieder glaubwürdig - der Traum von einer "more perfect union", wie es die Verfassungspräambel als Perspektive vorgibt, wozu auch die Überwindung des Rassismus gehört. Wo sonst wäre es möglich, auch nur in die greifbare Nähe des höchsten politischen Amtes zu kommen, mit einer Biografie und einem Namen, der unamerikanischer - noch dazu in Zeiten eines aggressiven Anti-Islamismus - kaum denkbar ist.

Barack Hussein Obama: Sohn eines Kenianers und einer Amerikanerin, aufgewachsen erst in Afrika, dann in Indonesien, dort - in einem muslimischen Land - in eine katholische Schule gegangen, zurück in die USA, steile Karriere als Jurastudent in der besten Universität des Landes (Harvard), "Entdeckung" der eigenen afro-amerikanischen Identität (die sich aber deutlich unterscheidet von der Sklaven-Herkunft der "indigenen" amerikanischen Schwarzen!), Sozialarbeiter in den Armenvierteln von Chicago, dort Mitglied einer sozial engagierten afro-amerikanischen Kirchengemeinde, politische Karriere zuerst im Staaten-Parlament von Illinois, dann erster schwarz-amerikanischer Senator seines Staates in Washington.

Es wäre mehr als eine kleine Revolution, wenn dieser Mann Präsident der USA würde - und der Realist in mir fügt hinzu: Eben deshalb wird er es nicht werden, "man" wird ihn um jeden Preis verhindern, angefangen mit einem schmutz-üblen Wahlkampf, wovon Hillary Clinton einen Vorgeschmack gegeben hat. Aber es gibt ja bisweilen auch noch Wunder.

Gott verdamme Amerika!

Dass die - christliche - Religion ein integraler Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft und Identität ist, dieses Phänomen hat jetzt auch die Demokratische Partei erreicht. Ausgelöst wurde dies durchs Obamas anfängliche Weigerung, sich von Jeremiah Wright, seinem einstigen Mentor bei Chicagos afro-amerikanischer Gemeinde, zu distanzieren, der einst gepredigt hatte: "Kein Gott segne Amerika! Nein, nein, Gott verdamme Amerika! Das sagt die Bibel, weil wir behandelt werden wie minderwertige Menschen." Wahlkampfmunition. So kam es erstmals in der politischen Geschichte der USA dazu, dass sich die Vorwahl-Konkurrenten Obama und Clinton öffentlich über Religion und Religionszugehörigkeit zu streiten hatten. Natürlich nutzte Hillary diesen wunden Punkt Obamas für ihre Unterstellungen eines mangelnden Patriotismus - ist er wirklich Amerikaner? Der aber - und das ist dann doch weit über die USA hinaus bemerkenswert - bekannte sich zur Multikonfessionalität der US-Gesellschaft: "Dies ist eine buddhistische, christliche, muslimische, hinduistische Nation", gab Obama zu verstehen.

Also nichts von "Leitkultur" und "herrschenden christlichen Werten" wie hierzulande. Aber diese Renaissance der Religiosität im öffentlichen Raum ist keineswegs nur ein wahltaktisches Manöver, sondern reflektiert eine nie abgebrochene Auseinandersetzung mit dem Gründungsmythos der USA, von dessen ständiger Neuinterpretation diese Gesellschaft lebt: Die Declaration of Independence (1776) und die Verfassung mit ihrem Grundrechtskatalog, den "Zusatzerklärungen".

Deren erste erklärt, historisch beispiellos, die strikte Trennung von Staat und Religion. Aber wie hielten es die Gründungsväter selbst damit? Wieweit waren sie inspiriert vom Christentum - wenn ja, von welchem? Waren sie aufgeklärte Deisten oder gar Atheisten? Oder diesseitige Ethiker? Thomas Jefferson hatte eine eigene Ausgabe des neuen Testaments, das die christliche Botschaft auf die humanistischen Botschaften Jesu - so, wie sie von ihm wörtlich überliefert wurden - reduziert. Allein in den zurückliegenden Monaten sind vier wissenschaftliche Darstellungen (zwei historische, eine philosophische und eine theologische) nur zu diesem Spezialthema erschienen - und kamen zu dem Ergebnis, die USA seien weder als christliche noch als säkulare Nation gegründet worden, und keiner der Gründungsväter habe an die Göttlichkeit Jesu geglaubt. Aber auch: dass die Trennung von Kirche(n) und Staat die Voraussetzung dafür geschaffen habe, dass mehr Amerikaner als andere Nationen an Gott glauben und häufig Gottesdienste besuchen. Die Gründungsväter hätten daran ihre Freude gehabt. Darum ist es kein Widerspruch, dass Hillary Clinton auf ihre Mitgliedschaft in einer Kirche verweisen musste, um sich religiös zu rechtfertigen, und dass Barack Obama seine politische Karriere mit Unterstützung seiner Kirchengemeinde in Chicago begann.

Auch noch die zornige Verurteilung "Amerikas" durch seinen Pastor Jeremiah Wright ist ohne ihren biblischen Hintergrund nicht zu verstehen: Die afro-amerikanischen Gläubigen waren und sind Alttestamentarier und hatten sich in ihrem Kampf zuerst gegen die Sklaverei und später gegen die soziale Diskriminierung immer auf die revolutionäre Kritik der biblischen Propheten am korrupten und gottvergessenen Israel bezogen und an deren großen Reden ihre eigene Rhetorik geschult. Nicht zuletzt Martin Luther King, aber auch eben der Pastor Wright, der "zufällig" den Vornamen des Propheten Jeremias trägt.

Die Katastrophe vor Augen

Dass die USA territorial ein halber Kontinent sind, ist bekannt - und muss doch immer wieder erfahren werden, auch um seine politische Identität besser zu verstehen. Auch dass schon sehr früh - Ende des 19. Jahrhunderts und verstärkt in den dreißiger Jahren - große Landschaften zu Nationalparks gemacht wurden (die in ihren Dimensionen mit unseren Vorstellungen von "Park" nichts zu tun haben), ist nichts Neues. Vielleicht auch nicht, um wie viel buchstäbliche Wüste es sich da im Westen, in Kalifornien vor allem, handelt.

Und dann steht man nach stundenlanger Autoanfahrt beispielsweise im Joshua Tree National Park in fast 2.000 Meter Höhe auf einem Aussichtspunkt, überblickt ein scheinbar unbewohntes gigantisches Wüstental, das von Horizont zu Horizont reicht - und wird unaufgeregt informiert: über die nur bei genauerem Hinsehen sichtbaren ökologischen Zerstörungen durch Hunderte von Golfplätzen, austrocknende Oasen, den giftigen Dunst, der - aus dem unsichtbaren Los Angeles durch das breite Tal getrieben - die einstige Fernsicht verhindert, die schleichende Verwüstung der scheinbar unbelebten Wüste durch Verkehr und Tourismus. Gerade die ungeheuren Dimensionen dieser Landschaft führen die Dramatik der sich anbahnenden ökologischen Katastrophe vor Augen. Die Parkverwaltung weist ohne falsche Aufgeregtheit darauf hin und merkt an, was wir selbst dagegen tun können: Das Auto stehen lassen, den Wasserverbrauch einschränken, unseren verschwenderischen Lebensstil überdenken, weniger Golfplätze. Ein verzweifelter Kampf gegen Windmühlenflügel, aber immerhin und trotzdem wird er geführt. Ich kenne keine vergleichbaren Anleitungen zum kritisch aufklärenden Lesen von Landschaft im kleinen Deutschland.

In der Lincoln Brigade

Und auch das ist anderes Amerika - diese Biografie, und dass sie als Nachruf in der New York Times am 11. April 2008 erschien: Abe Osheroff, 92 Jahre. Wer erinnert sich schon noch des mutigen internationalen Engagements der Linken gegen Francos Machtergreifung in Spanien 1936? Würde die FAZ einen Nachruf auf einen kommunistischen Kämpfer der Thälmann-Brigade oder der Corriere della Sera auf einen Veteranen der Garibaldi-Brigade bringen?

Osheroff hatte seine letzte Rede noch im März gehalten zur Einweihung eines Denkmals in San Francisco für die 3.000 Lincoln-Brigadisten, die in Spanien gekämpft hatten und von denen 900 fielen. Schon als Zwölfjähriger hatte Osheroff gegen den Justizmord an den Anarchisten Sacco und Vanzetti (1927) demonstriert, war verhaftet worden wegen Hilfeleistung für vertriebene Hausbesetzer, organisierte Stahlarbeiter und Kohlenbergleute, kandidierte als Kommunist für das Parlament von New York, ging 1937 nach Spanien, kämpfte in mehreren Schlachten, ehe er 1938 mit zerschossenem Knie in die USA zurückkehrte. Er prügelte sich mit Hemingway, von dem er Lebensmittel geklaut hatte, gründete 1964 ein Freiheitszentrum in Mississippi während der Bürgerrechtskampagne, wobei sein Auto in die Luft gesprengt wurde. Für eine Kooperative im sandinistischen Nikaragua organisierte er ein amerikanisches Team von Häuserbauern. Noch 2006 tourte er mit einem Lautsprecherwagen durch Seattle, um gegen den Irak-Krieg zu protestieren.

Nach Spanien ging Abe Osheroff, nachdem er Filmaufnahmen über das zerstörte Guernica gesehen hatte. 1940 meldete er sich zur Armee und war 1944 bei der ersten Welle der Normandie-Invasion dabei. Nach dem Krieg wechselte er, weil er als Kommunist gesucht wurde, oft den Wohnsitz, arbeitete auf einer Farm und schrieb Seminararbeiten für College-Studenten. 1956 verließ er enttäuscht die KP, engagierte sich später gegen den Vietnamkrieg und kämpfte in Los Angeles gegen Grundstücksspekulanten. Dass der Zweite Weltkrieg hätte vermieden werden können, wenn Franco verhindert worden wäre, davon war er bis zuletzt überzeugt. Und er blieb ein Rebell aus Prinzip: "Wenn du einen Sieg brauchst, bist du kein Kämpfer", erklärte er noch 2000 seine Lebensmaxime, "dann bist du ein Opportunist". Welch in Charakter, welch eine Biografie, von der man wie Barack Obama sagen könnte: "Nur in Amerika..."

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00:00 16.05.2008

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