Mehr als mein Leben

Todesarten Der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Paul Celan gibt einen Begriff davon, wie dichterische Sprache eine rettende Kraft entwickeln kann

„Es sind dies die einzigen Briefe… die mich erreicht haben… Meine einzigen Briefe!“ Die Erzählerin in Ingeborg Bachmanns Roman Malina. Roman." target="_blank">Malina sucht nach einem sicheren Versteck für Ivans Briefe. Sie will „das Briefgeheimnis wahren“, aber sie will auch „etwas hinterlassen“. Die Autorin nannte den Roman „eine geistige, imaginäre Autobiographie“. Jetzt liegt der Briefwechsel von Bachmann und Paul Celan, ergänzt um Briefe ihrer Partner Max Frisch und Gisèle de Lestrange, in einer kommentierten Ausgabe mit außergewöhnlich schön gestaltetem Umschlag vor.

Im Mittelpunkt der Briefe aus den Jahren 1948-1961/67 steht der Umgang mit einem Menschen, der den Holocaust erfahren hat. Zwischen ihm und Deutsch sprechenden Altersgenossen kommt es privat wie öffentlich zu Verstörungen und Verletzungen. Ein Sich-Abwenden, eine gedankenlose oder falschzüngige literarische Kritik erneuert in ihm das Trauma gesamthistorischen Ausmaßes.
Aber die Briefe zeigen, welche utopische Hoffnung über diesen Abgrund hinweg auf die Liebe und auf deren Sprache, die Dichtung, als einer Möglichkeit von Heilung gesetzt wurde. So ist das erste Dokument des Briefwechsels ein Gedicht von Celan an Bachmann. Und deshalb ist auch die Lektüre der Briefe heute keine Indiskretion, sondern gibt einen Begriff davon, welche rettende Kraft dichterisches Sprechen haben kann.

Als der 27jährige Celan und die 21jährige Bachmann sich im Mai 1948 begegnen und lieben, ist er bereits ausgewiesener Dichter aus einem deutsch-jüdischen Kulturbereich, den es nicht mehr gibt: Czernowitz in der Bukowina, einst Teil der Donaumonarchie, seit 1918 rumänisch, ab 1945 Ukrainische Sowjetrepublik.

Aus Bukarest geflohen, wo 1947 seine Todesfuge" target="_blank">Todesfuge erschien, bleibt Wien für Celan nur eine Station auf der Weiterreise nach Paris. Bachmann hat zwar schon Erzählungen und Gedichte geschrieben, schließt aber erst ihr Philosophiestudium ab, bevor sie sich neben journalistischer Arbeit ganz dem Dichten zuwenden wird.

Zerrissene Kette

Der Titel von Celans Widmungsgedicht 1948, In Ägypten, bedeutet nach jüdischem Selbstverständnis: im Exil. Im Auge der „Fremden“ findet der Autor die getöteten Geliebten von einst wieder und er schmückt die Fremde „mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi“. In dieser Liebe schließt sich die zerrissene Kette für ihn wieder.

Sprechen ist wieder möglich, nicht zuletzt weil die Adressatin schon selbst ein klares Bewusstsein von den Auswirkungen des Nationalsozialismus in ihrem Leben hat. Jahre später schreibt Celan an Bachmann: „Sooft ichs lese, sehe ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst.“
„Der surrealistische Lyriker Paul Celan … hat sich herrlicherweise in mich verliebt. … Mein Zimmer ist momentan ein Mohnfeld, da er mich mit dieser Blumensorte zu überschütten liebt“, berichtet Bachmann nach Hause. Wieso die Liebesbeziehung Ende Juni auseinanderging, erklären die Briefe nicht.

Zum Jahresende weiß Bachmann „noch immer nicht, was der vergangene Frühling bedeutet hat. … Schön war er, und die Gedichte, und das Gedicht, das wir miteinander gemacht haben“. Nach Celans Selbstmord 1970 schreibt Bachmann das Märchen ihrer beider Liebe, Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran: Eine Legende" target="_blank">Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran, und fügt es in die schon fertige Reinschrift ihres Romans Malina ein.
Auch wenn „eitles Pflichtbewußtsein“ die Studentin in Wien festhält, hat sie Sehnsucht nach Celan. Sie will ihn heimholen aus seiner „Verlorenheit“ in Paris, aber sie kann ihm „nicht sagen zu welchem Zweck und Ziel“. Sie muß sich freihalten für die eigene Aufgabe und schreibt über Beziehungen zu anderen Männern: „Ich bin unruhiger als je und will und kann niemandem etwas versprechen.“

Nach der Promotion erleidet sie im Sommer 1950 einen Nervenzusammenbruch, ist mehrere Monate krank und ohne Einkommen. „Die mich zermalmende, schreckliche, hundertköpfige Hydra Armut“ – nur selten erlauben Bachmanns Diskretion und Takt, von ihrer eigenen Situation so deutlich zu reden.

Mit Celans Hilfe erhält sie ein französisches Visum, dazu ein Reisestipendium und trifft Mitte Oktober 1950 endlich mit „großer Sehnsucht nach ein wenig Geborgenheit“ in Paris ein. Aber es kommt zum Konflikt und sie reist Ende Dezember nach London weiter. Über Paris kehrt Bachmann im März 1951 nach Wien zurück. Doch sie wird hier kein Zuhause mehr finden.
Erst nach dem Versuch eines Zusammenlebens sprechen die nach längerer Pause wieder einsetzenden Briefe vom Abbruch und den Schwierigkeiten ihrer Liebe. Bachmann beginnt zu verstehen, „warum ich mich so sehr gegen Dich gewehrt habe“: „Ich liebe Dich, und ich will Dich nicht lieben, es ist zuviel und zu schwer“. „Ich kann nicht mit jemandem leben und reden, der sich bloß in diese Zeit verirrt hat und nicht in ihr lebt“, heißt es später in der Erzählung Drei Wege zum See über „die große Liebe“ ihres Lebens.

Dieser Ring

Doch trotz der „alten Missverständnisse“ will Bachmann zu Celan kommen. Sie bemüht sich um eine Existenzgrundlage für Paris und vermittelt ihm Verlagskontakte in Deutschland. Celan aber lehnt es ab, ihrer beider Konflikte auch als etwas „Exemplarisches“ der Nachkriegszeit zu verstehen. Er kritisiert Bachmanns Neigung sich zu „verabenteuern“ und ermahnt sie zur Ruhe und Konzentration auf sich selbst.

Als er den Ring zurückfordert, der ihm als Andenken an seine ermordeten Eltern blieb und den er Bachmann in Paris geschenkt hatte, entlädt sich ihre Empörung und Verzweiflung in einem Brief, den sie nicht abschickt. Seine destruktive Reaktion auf eine Enttäuschung – der Verdacht, ihre Person könne nicht vor dem bestehen, was dieser Ring symbolisiert –, verletzt sie tief.
Aber Bachmann weigert sich, Zerstörung mit Zerstörung zu beantworten: „Dass ich Dich dennoch liebe, ist seitdem meine Sache geworden. Ich werde jedenfalls nicht, wie Du, trachten, auf die eine oder andere Weise ... mit dir fertig zu werden ...; ich weiss heute, dass ich vielleicht nie damit fertig werde und doch nichts von meinem Stolz einbüssen werde.“

Hier bleibt der Kommentar stumm. Aber die Ring-Szene am Ende des ersten Kapitels „Glücklich mit Ivan“, die sich dann in den Alpträumen des zweiten Kapitels von Malina, dem Auftakt von Bachmanns geplantem Zyklus Todesarten, fortsetzt, bezeugt die Tiefe der Wunde, die ihr der Geliebte schlug.

Trotzdem fördert sie als Rundfunkredakteurin die Sendung von Celans Gedichten. Sie will einen „ordentlichen Beruf“ ergreifen, weil sie nicht anders kann, als auf „ein gemeinsames Leben“ mit Celan zu hoffen, und weiss, daß sie dabei die materielle Seite „leisten können muss“. Das schreibt sie im November 1951, setzt sich zugleich für Celans Teilnahme an der Tagung der Gruppe 47 ein und will seinetwegen nach Paris kommen.

Diesen Lebensplan zerschlägt unvermutet Celans Absage, der im November seine künftige Frau, die Graphikerin Gisèle de Lestrange, kennengelernt hat: „Bitte komm nicht meinetwegen.“ Ihnen bleibe „nur die Freundschaft“, „das Andere ist unrettbar verloren“. Bachmann, die den wahren Grund nicht kennt, erschüttert Celans „schreckliche Unversöhnlichkeit“: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und ich habe verloren.“

Ein Jahr Schweigen

Erst auf der Tagung der Gruppe 47 im Mai 1952 hört sie von Celan, dass er sich neu gebunden hat. Als er dann mit seinen Gedichten über die Traumata der NS-Zeit, vorgetragen in der pathetischen Rezitationstradition Osteuropas, unter den auf neue Sachlichkeit eingeschworenen deutschen Nachkriegsautoren durchfällt, während Bachmann reüssiert, lastet Celan ihr auch das an.

Bitter fragt sie, wie er ihr vorwerfen könne, im „deutschen ‚Urwald’“ ihm nicht beigestanden zu haben, unmittelbar nachdem sie erfuhr, daß er zu einer anderen gehe. „Aber ich will es versuchen mit dieser Freundschaft, zu der du Dich entschlossen hast.“

Tatsächlich unterstützt sie Celan weiter selbstlos in seinem Durchbruch, den er jetzt bei Rundfunk und Verlagen in Deutschland erreicht hat. Aber ihr Briefwechsel schweigt ein Jahr lang. Bald nach Erhalt von Celans Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ verabschiedet sich Bachmann im August 1953 aus Wien nach Italien, wo sie mit dem Komponisten Hans Werner Henze bis 1957 in einer glücklichen Arbeitsgemeinschaft lebt.

Pasternak sagt in seinem Gedicht Die hohe Krankheit (1923) von Lyrik und Lyrikern in den Jahren nach der Oktoberrevolution: „Musik im Eis – das waren wir.“ Das Gleiche ließe sich sagen über den Steine rührenden Gesang von Celan und Bachmann in der allgemeinen Starre nach Kriegsende. Mitte der fünfziger Jahre schien sich ihr Atem zu erschöpfen. Die Sehnsucht nach Glück war zu groß. Für vier Jahre setzt der Briefwechsel aus.

Aber kaum haben Bachmanns Lieder auf der Flucht 1956 die Verzweiflung über das Ende in Worte gefaßt – „Mund, der das Urteil sprach, / Hand, die mich hinrichtete“ –, da liest Celan schon ihren Gedichtband Anrufung des großen Bären. Zum ersten Mal erkennt er Bachmanns Werk und die Spuren des fortgesetzten Dialogs mit ihm darin. Bei einer unerwarteten Wiederbegegnung in Wuppertal im Oktober 1957 beginnt eine zweite Liebeszeit, die bis Mai 1958 dauert.

Celans Familie

Doch ihr Glück ist von Verzweiflung grundiert. Celan hat, um Bachmanns Schuldgefühle zu entlasten, sich seiner Frau erklärt, die das Verhältnis toleriert, aber leidet. Bachmann bittet, „Du darfst sie und euer Kind nicht verlassen“, aber verzweifelt über die Fesselung und Unlebbarkeit ihrer Liebe. Mit niemandem kann sie sich aussprechen, nicht einmal mit Henze.

Ende Juni 1958 feiert Bachmann in Paris noch allein mit Celan ihren 32. Geburtstag, niedergeschlagen von ihrer Einsamkeit und von Deutschlands atomarer Wiederbewaffnung. Dann trifft sie zum ersten Mal Celans Familie. Und am 3. Juli, einen Tag nach ihrer ersten Begegnung, stürzt sie sich geradezu in eine Beziehung zu Max Frisch, mit dem sie bald darauf, trotz Angstgefühlen und Zweifeln, ein Zusammenleben beginnt. Gleichwohl bittet sie Celan: „Entzieh mir Deine Hand nicht, Paul.“

Günter Blöckers unbedachte oberflächliche Kritik von Celans Gedichtband Sprachgitter Ende 1959 („Gedichte als graphische Gebilde“) und Claire Golls Plagiatsvorwurf Unbekanntes über Paul Celan Anfang 1960 untergraben Celans Widerstandskraft. Es ist der Beginn der Agonie auch in seiner Freundschaft mit Bachmann.

Im November 1960 treffen sie sich zum letzten Mal in Zürich, um über Maßnahmen gegen Ivan Golls Witwe zu sprechen. Celan kann sich von der Affäre innerlich nicht mehr freimachen, sie verwüstet ihn. Er fordert ausschließlich Zuwendung für sich, kann nicht mehr auf Bachmanns Leben noch auf ihre Veröffentlichungen eingehen.

All das kulminiert für die gereifte und in ihrer Beziehung zu Frisch erschöpfte Bachmann in einem schonungslosen Protestbrief vom September 1961. Celans Verhalten mache sie „mutlos“ zu einer Freundschaft, die mehr sein müßte als schieres „Mitgefühl“. Das äußere Geschehen vergifte Celan, aber es sei zu überstehen.

Ein Phantom

Mit dieser ethischen Forderung konfrontiert sie ihn und erblickt das größere Unglück in ihm selbst: „Du willst das Opfer sein, aber es ist an Dir, es nicht zu sein ... Du willst, daß die Schuld haben an Dir“, und daran gehen alle Bemühungen seiner Freunde zunichte. Also fragt sie: „Wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren? Ein Phantom, oder eine Wirklichkeit, die einem Phantom nicht mehr entspricht? Denn für mich ist viel geschehen, (…) nimmst Du mich heute wahr?“

Voll Bitterkeit sieht sie in Celans Gedicht Wolfsbohne auch sich jenen „Mördern“ zugerechnet, die „Gedichte“ schreiben. Und sie kann sich gegen diese „Ungerechtigkeit“ nicht wehren, weil sie ihn liebt. So bleibt auch dieser Brief in einer letzten schonenden Geste unabgeschickt.

Noch zwei Grüße, dann verstummt Bachmann. Zum Jahresende 1962 begibt sich Celan in psychiatrische Behandlung, während Bachmann der Liebesverrat von Frisch zum seelischen Zusammenbruch führt. Nach längeren Klinikaufenthalten findet sie ab 1964 die Kraft, das Erfahrene in den „Todesarten“ zu gestalten. Celan veröffentlicht in Antwort auf die Plagiatsaffäre 1963 seinen Gedichtband Die Niemandsrose / Sprachgitter" target="_blank">Niemandsrose, den er Ossip Mandelstam widmet.

1949 schrieb Bachmann: „Ich möchte Dir die Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit den Nelken freimachen und Dich singen hören.“ Daß es weder ihr noch Celans Frau Gisèle und auch ihm selbst nicht dauerhaft gelang, hat etwas historisch „Exemplarisches“. Bei Celans Tod verdichtet Bachmann in Malina das geschichtliche Verstehen ihrer Liebe in die Worte: „Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“

Herzzeit: Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel" target="_blank">Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. der Briefwechsel. Mit den Briefwechseln zwischen Paul Celan und Max Frisch sowie Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange. Hrsg. und komm. v. Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 399 S., 24.80 €

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11:30 08.10.2009

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