Mehr Aufklärung, weniger Romantik

Gastkommentar Dem Anti-Terrorkrieg fehlt es vor allem an Verstand

Für den islamistischen Kämpfer ist der eigene Tod immer ein Sieg, der ihn zum Märtyrer erhebt. Kann dies und darf dies wirklich für den Westen bedeuten, dass wir ihn darum im Krieg töten müssen? Wie viele sind es eigentlich, wie viele werden es noch sein, die dem Ruf der Märtyrer folgen?

Wer sind "sie" überhaupt? Leider haben wir im Westen bisher kaum verstanden, dass der asymmetrische Krieg gegen den islamistischen Kämpfer nicht zu gewinnen ist - gegen Selbstmordattentäter erst recht nicht. Schauen wir nur auf Afghanistan, dann nimmt dort Huntingtons Horrorvision vom globalen Kampf der Kulturen immer mehr den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung an. Wie muss ein Kampf gegen den Terror aussehen, den wir auch gewinnen können, ohne uns dabei selbst zu verlieren?

Helmut Schmidt meinte jüngst in einer Rede: "Friede unter uns ist möglich, allerdings müssen wir den Frieden immer wieder aufs neue herstellen und ›stiften‹, wie Kant gesagt hat." Es waren Aufklärer wie Kant, die uns ein Menschenbild nahe brachten, das Verantwortung für die Welt auf die Selbstverantwortung des Individuums überträgt. Seitdem wissen wir: Der Mensch ist nicht nur in der Welt, sondern auch die ganze Welt im Menschen - in jedem von uns. Ein solches Menschenbild grundiert nicht nur unser republikanisch-demokratisches Staatswesen - es prägt auch unseren Umgang mit dem Terrorismus.

Denn der Selbstmordattentäter ist dazu bereit, für die Verheißungen im Jenseits auch die ganze Welt in sich zu vernichten. Führt dies notwendigerweise zu dem Schluss, ihn seinerseits zu töten? Eine alte jüdische Weisheit besagt: "Wer auch nur ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt." Wir sollten darin den Kern eines erfolgreichen Kampfes gegen den Terrorismus sehen und deshalb diesen Kämpfern, die bereit sind, in den Tod zu gehen, den Wert des diesseitigen Lebens vermitteln - es für sie annehmbar machen. Und da geht es tatsächlich zunächst darum, dass wir das Leben des Selbstmordattentäters retten. Wir gemeinsam mit den Regierungen und Menschen in der islamischen Welt.

Die negative Dialektik, die aus dem Satz: "Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg", den Satz: "Nie wieder Auschwitz, darum wieder Krieg" werden ließ, ist darum heute obsolet. Einem innerwestlichen Diskurs geschuldet, muss diese Dialektik zwangsläufig in der Begegnung mit den extremen Ausprägungen einer anderen Kultur scheitern. Mehr Aufklärung und weniger Romantik täte darum auch der politischen Linken wieder gut, mithin eine Rückkehr zur skeptizistischen Erkenntnis Kants: Moral liefert uns keine Kategorien zur Erkenntnis der wirklichen Welt, sondern bestenfalls Maximen unseres eigenen Handelns. Denn wollen wir die Welt friedlicher machen, müssen wir sie zunächst besser verstehen. Diesem "Krieg gegen den Terror" mangelt es besonders an Verstand.

Aber wie lässt sich dann Frieden in einer Welt, in der verschiedene Ansprüche und Werte so unvermittelt aufeinandertreffen, überhaupt "stiften"? Eine sehr ernste Frage. In dem Aufsatz Der Terror ist in uns des jüdischen Philosophen Jean-François Lyotard lautet die Antwort: den anderen als anderen anerkennen, ihn ein- und nicht ausschließen. Konkret etwa, indem wir in Afghanistan regionale Befriedungsabkommen anstreben und dabei gemeinsame Ziele definieren und nicht unsere Ziele von außen oktroyieren. Alle Kulturen kennen das Prinzip des Vertrags. Denn auch im Koran meint das Wort miithaaq (Vertrag) zumeist einen weltlichen Kontrakt - abgeleitet aus dem Wort wathiqa (Vertrauen). Solche Verträge - was sind sie sonst als ein Kompromiss und eine Anerkennung der Ansprüche des jeweils anderen?

Robert Zion ist Grünen-Politiker in Nordrhein-Westfalen

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