Mehr low, Hochkultur

Bad Reading Was soll das sein, ein Requiem? Unser Kolumnist Andreas Merkel ist nur bei Heinz Strunk sicher, dass der Leser alles kriegt wie bestellt

Man nennt es (immer noch) Lesen. Kleine Erinnerung zu Beginn an das Ding mit dem festen Umschlag und den Seiten zum Umblättern darin. Da steht dann was drauf, und im Idealfall ist das alles teuer erdacht und gemacht und erkauft (denn das Teil kann dann ganz schön lange rumliegen – auf diversen Schreib-, Nacht- und Interregio-Bordbistro-Tischen –, bis es irgendwann in ein Regal und beim nächsten Umzug in einem „Zu verschenken“-Karton vors Haus gestellt wird (und die Nachbarn nervt).

Michael Lentz’ Schattenfroh ist so ein Idealfall: edel produzierter 1.000-Seiten-Ziegelstein in schwarz. Perfektes Packaging: kein Schutzumschlag, kein Klappentext, keine Kurzbiografie (und schon gar kein nosferatuhaftes Autorenfoto!) – nur Titel und Autor und ein erster Satz hinten drauf: „Mann nennt es Schreiben.“ Bamm. Inhaltsangabe? Fehlanzeige: Irgendwas Düsteres über Tod, Vater, number of the beast, Untergang und Erinnerung, Lesen und Schreiben als Unio mystica. Wie bei allen guten Romanen die bange Frage: Was soll das sein? Ein Roman? Ein Requiem? Eine barock-universalgelehrte Kunstanstrengung aus der Abteilung Meisterklasse Arschlochklasse?

In der Welt durfte sich Lentz gerade sachdienlich zum „hochintegrativen Roman-Genre“ im Allgemeinen und seinem Werk im Speziellen äußern: „Die Uridee war, dass jemand den Zwang hat, sich verhören zu lassen.“ Das Ableben des Vaters, einst Bürgermeister von Düren (man denkt automatisch an das tolle Zitat aus Muttersterben, Lentz’ Bachmann-Preis-Erzählung: „Alle Düren schließen“), war der ultrakonkrete Schreibanlass für dieses „finstere Requiem auf uns alle“. Es geht also um das Fortleben dämonisch-göttlicher Kontrollinstanzen, die christliche Dreifaltigkeitslehre, radikale Esoterik, religiös motivierte Gewalt (Lentz hat sich stundenlang IS-Foltervideos auf Facebook reingezogen) und Dürener Bombenopfer im Zweiten Weltkrieg, deren komplette Namensliste siebzig Romanseiten umfassen. Also handschriftlich: Lentz hat die Namen so akribisch abgeschrieben, als ginge es um sein oder ihr Leben, wäre einer falsch, wäre er für immer vergessen. Diese Übung schwankt dann aber leider zu sehr zwischen genialer Idee und – sorry, Michael – deutscher Opferkult-Scheiße. Schattenfroh ist damit die tonnenschwere Literaturansage des Herbstes geworden, in der so schöne Dinge wie Lesen und Schreiben nur noch in pathetisch-pathologischer Überhöhung überleben.

Andreas Merkel, Jahrgang 1970, lebt als Romankritiker und Torhüter der Autorennationalelf in Berlin. Seine Lieblingsautoren sind Frank Ocean, Roberto Bolaño und Pier Aldo Rovatti (Der Wahnsinn in wenigen Worten). Im Herbst erschien von ihm: Mein Leben als Tennnisroman (Blumenbar)

Ein ähnlich gelagerter Fall von sympathischer Autorin, verloren in ambitionierten Hochkulturbestrebungen, ist Inger-Maria Mahlke und ihr Roman Archipel. Es geht um ein großes, rückwärts von 2015 bis 1919 erzähltes Geschichts- und Gesellschaftspanorama der Insel Teneriffa. Dort verbrachte die Autorin, 1977 als Tochter einer Spanierin in Hamburg geboren, Teile ihrer Jugend bei der Großmutter. Mahlke, promovierte Juristin, die seit ihrem großen kleinen Neukölln-Roman Rechnung offen völlig zurecht auf jede Buchpreis-Shortlist kommt und kürzlich im Spiegel dennoch ihre prekäre Situation beklagte, will in ihrem neuen Roman allerdings zu sehr mit dem sturen Beharren auf einem Plot beeindrucken, gerade weil dessen Problematik jedem Leser sofort ins Auge springt: zu viel von allem (Charaktere, Geschichte, Zeitsprünge, Musik).

Im windigen Anti-Zentrum des Romans stehen Julio Baute, ein alter Pförtner, und seine irgendwas suchende Enkelin Rosa, eine abgebrochene Kunststudentin. Bei allem Charme, den die Idee eines auf links gedrehten Geschichts-Determinismus durch Rückwärts-Erzählen hat: Man hat schon keinen Bock mehr darauf, wenn es über die die Gegenwart verkörpernde Rosa im Glossar tatsächlich heißt: „Rosa Bernadotte Baute, geboren 1944, macht irgendwas mit Kunst.“ – Was macht dann bitte Inger-Maria Mahlke? Irgendwas mit Schreiben.

Zur Erholung von diesen beiden Großkunstbestrebungen schnell einen kleinen schwarzen Espresso in Form von Heinz Strunks Erzählungen Das Teemännchen. In halb- bis mehrseitigen Prosaminiaturen gelingt es dem hardest working man in showbiz (vielleicht Deutschlands einziger Autor, der den Boulevard von Lanz bis Böhmermann ohne Gesichtsverlust abreiten kann) wieder mal, das beste aus low (Fleisch ist mein Gemüse, 2004), superlow (Der goldene Handschuh, 2016) und high (Heinz Strunks fatales Botho-Strauß-Faible) unterhaltsam einzukochen. Etwas wenig überraschend geht es ausschließlich um die ganz harten Fälle vom Rande der Gesellschaft: null Entwicklung, null Hoffnung, bundesdeutsche Normalhölle plus Ostdeutschland. Figuren heißen Marion und Michael („M&M“, er Tontechniker, sie Telefonistin), Jenny Müller oder Lothar Späth. Es ist der Trittschall im Kriechkeller-Humor seiner Hörspiel-CDs, den Strunk hier ins klassische „Prime-Medium“ Buch gerettet hat. Wenn man ihm überhaupt etwas vorwerfen will, dann höchstens, dass seine Bad-Ending-Fixierung auf Dauer etwas Autopilothaftes hat, die ganze Schwarzmalerei einen Zug ins Reaktionäre haben kann: So sind sie, die Menschen, bringt eh alles nichts. Was es dann wieder rausreißt, sind allerdings die dem Leben abgelauschten Omi-Weisheiten zwischendurch („wenn das man gutgeht“). Oder Kannst-du-nicht drauf-kommen-Charaktere wie das titelgebende Teemännchen: ein Typ, der seine einzige Geschäftsidee (ein Teeladen namens „Aromatica“) gnadenlos in den Sand setzt und über dessen Abende es nur heißt: „Zu früh zum Schlafen, zu dunkel zum Lesen.“

Das gilt erst recht für die letzte Empfehlung dieser Kolumne, die Graphic Novel Sabrina des in Chicago lebenden, gerade mal 29-jährigen Autors Nick Drnaso. (Der Freitag hatte schon vorgearbeitet in der Ausgabe 31/2018.) Sabrina war dieses Jahr der erste für den Man Booker Prize nominierte Comic und hätte den Preis aus Gründen der Genre-Adelung genauso verdient gehabt wie Kendrick Lamar seinen Pulitzer für Rap. Das alles muss aber niemanden interessieren, solange es hilft, dieses Buch überhaupt nur aufzuschlagen: Erzählt wird das Verschwinden einer jungen Frau, Sabrina, die in einer uns so unheimlich vertrauten amerikanischen Suburbia entführt, gefoltert und ermordet wird. Das wird niemals gezeichnet, sondern nur in den düstersten Folgen ausgemalt, die so ein Verbrechen in unserem hypermedial-digital überhitzten Bewusstsein anrichtet. Teddy, ihr hinterbliebener Boyfriend, vegetiert von Verschwörungstheorien besessen nur noch bei seinem Kindheitskumpel Calvin rum, der beruflich selbst nichts anderes macht, als für das Militär „das Internet“ zu überwachen. Und Sandra, die hinterbliebene Schwester, bricht endgültig zusammen, als das Video von Sabrinas brutalem Ende ebendort auftaucht: im Netz. Diese Graphic Novel ist die absolute Zumutung: Drnaso zeichnet immer noch im Stil der Ligne claire (Tim und Struppi usw.), aber seine Menschen und Räume sind so minimalistisch verdichtet wie Notfallpiktogramme für Räume, die nur noch als albtraumhafte Abstraktionen des amerikanischen Traums durchgehen.

In kleinsten Cartoon-Panels und nervig wie mit der Lupe zu lesendem Lettering zieht einen diese Geschichte dafür aber so stark ins dystopische Zentrum unserer Gegenwart, wie mir das in diesem Herbst bei keinem Film, keiner Serie und keinem anderen Roman passiert ist. Man nennt das (immer noch) Lesen! Man nennt das (immer noch) Lesen!

Info

Schattenfroh. Ein Requiem Michael Lentz Fischer Verlag 2018, 1008 S., 36 €

Archipel Inger-Maria Mahlke Rowohlt 2018, 432 S., 20 €

Das Teemännchen Heinz Strunk Rowohlt 2018, 208 S., 20 €

Sabrina. Graphic Novel Nick Drnaso Macmillan USA, 204 S., 16,79 €

Cut, Land und paste

Die Bilder dieser Ausgabe stammen von Künstlerinnenkollektiv Live Wild.

Ein Mix aus Collagen, GIFs, Video und Fotografie ist das, ein wildes Manifest: Das Kollektiv Live Wild will das Erbe der Dadaisten und der Fluxus-Bewegung antreten. Sieben junge Künstlerinnen bilden das Kollektiv, die Gründerin Camille Lévêque sieht Künstlerinnen zu sehr auf feministische Aspekte reduziert. Als hätte Kunst von Frauen keine andere Dimension. Das Kollektiv will mehr, „we are DADA-mad“. Mit dabei: Lila Khosrovian, Anna Hahoutoff, Marguerite Horay und Charlotte Fos, die Armenierin Lucie Khahoutian, die Ukrainerin Ina Lounguine. Sie leben und arbeiten verstreut in Europa, Russland, den USA und Kanada. Sie treffen sich jeden Tag online und auf Instagram. Mehr zur Philosophie auf: www.thelivewildcollective.com

06:00 18.11.2018
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare