Mein liebes Kind

Social Egg Freezing Unsere Autorin findet, Frauen sollten eher früher als später Mütter werden. Ein Brief an ihre Tochter und also an die Zukunft
Lisa Rüffer | Ausgabe 45/2014 6
Mein liebes Kind
Social Egg Freezing wird das Kinderkriegen noch mehr zum Problem stilisieren

Foto: Sciepro / Science Photo Library / Agentur Focus

Neulich sprachst du mit mir über deine Familienplanung. Du willst einmal Kinder haben, hast du zu mir gesagt. Drei mindestens, vielleicht auch fünf oder zehn. Das wüsstest du noch nicht so genau. Ich finde das sehr in Ordnung. Du bist ja erst vier Jahre alt, das ist jetzt nicht die Zeit für solche Entscheidungen. Du hast mich zum Schmunzeln gebracht. Fünf oder zehn Kinder zu haben ist in unserer Kultur im Moment eher ein Ding der Unmöglichkeit – es sei denn, man ist reich, adelig, sehr religiös, asozial oder alles auf einmal. Ich liebe dich dafür, wie unbedarft du bist. Die Welt ist deine Vorstellung von ihr. Du hast mir das wieder ein bisschen nähergebracht, dieses Denken. Und was weiß ich schon, was in 20 oder mehr Jahren möglich sein wird!

Es ist zuletzt viel Kluges über die Reproduktionsmedizin geschrieben worden. Es ging dabei auch um Gleichberechtigung und Feminismus, die Karrierewünsche von Frauen und um die Frauenquote. Das gehört jetzt zusammen, weil Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen anbieten, ihr Social Egg Freezing zu bezahlen – also das Einfrieren ihrer Eizellen, ohne dass dafür eine Diagnose vorliegen muss. Von den deutschen Medien, den Arbeitgeberverbänden und seitens der Politik wurde dagegen hartes Geschütz aufgefahren. In den USA wiederum fand die Idee auch Fürsprecher. Der Arbeitsmarkt und die Sozialleistungen stehen dort in einem anderen Zusammenhang.

Ich bin deine Mutter und ich bin Feministin, das schließt sich nicht aus. Mich hat die Diskussion traurig gemacht. Das ist kein guter Ansatz, um sich zu Wort zu melden. Argumente stechen Gefühle fast immer aus. Dabei denke ich, dass es darum eigentlich gehen müsste. Kinderkriegen und alles, was dazugehört –, auch die Entscheidung, keine zu kriegen – ist nämlich ein emotionaler Vorgang, der sich nicht wegrationalisieren lässt. Doch mir scheint, genau das wird gerade versucht. Man sagt den Frauen, es ist in Ordnung, wenn ihr die Entscheidung, ob ihr Mutter werden wollt oder nicht, vertagt, denn das wird euch die Karriere erleichtern. Dieser Satz wird gerade zum Konsens. Ich sehe das anders.

Und ich wünsche dir, dass du eine selbstbestimmte und glückliche Frau wirst, dass du für dich die richtigen Entscheidungen triffst. Wenn du groß bist und ernsthaft über Kinder nachdenkst, dann soll Angst dabei keine Rolle spielen. Falls das, was mich traurig macht, in 20 oder 30 Jahren nicht eh Quatsch mit Soße ist, will ich dir erzählen, warum ich mich früh für ein Kind entschieden habe.

Vor dem 30. Geburtstag

In deinen Augen bin ich natürlich eine alte Frau. Dabei bin ich gerade 33 Jahre alt. Als ich mit 29 Jahren schwanger wurde, fragten mich manche Bekannte vorsichtig, ob das – also du – ein Unfall gewesen sei. Meine Frauenärztin sagte erfreut, ich sei ja noch so jung. Meine Freundinnen fanden meine Schwangerschaft einen mutigen Schritt, sie meinten das nett und sie hatten ein bisschen Angst, was nun aus mir werden würde. Frauen in meinem Alter, mit meinem Bildungsstand, mit meinen Perspektiven also, kriegen heute nämlich später Kinder. Sie studieren länger und werden später erwachsen. Das gilt ja auch für mich. Entscheidungen, was man einmal werden und wie man leben will, rücken im Lebenslauf nach hinten. Und das eine verdrängt häufig das andere. Trotzdem wollte ich vor meinem 30. Geburtstag Mutter werden. Und ich fand mich dabei gar nicht so jung, ich wäre lieber noch früher Mutter geworden.

Dabei ist, seit es dich gibt, alles anders geworden. Nicht unbedingt leichter. Gerade hat mich ein Bekannter gefragt, warum ich immer „das Kind“ sage, das wirke so distanziert. Es stimmt, ich distanziere mich manchmal öffentlich von dir. Weil „das Kind“ an sich in der Gesellschaft ein Problem ist. Du bist kein Problem, du bist sehr sinnvoll. Aber „das Kind“ passt eigentlich nicht in dieses System. Es stört. Wir müssen es uns hinein organisieren. „Das Kind“ ist der Grund, warum ich mich auf keine Festanstellung einlassen will, warum ich lieber nachts arbeite und nachmittags ins Schwimmbad gehe. Es ist auch der Grund, warum ich „das Kind“ nur mit einem Mann kriegen wollte, der das auch so handhabt und mir den Rücken freihält, wenn nötig. Du weißt, ich liebe meine Arbeit sehr. So zu leben und zu arbeiten ist das Privileg zweier Freiberufler.

Aber es gibt gerade vieles, was ich nicht machen kann, Karriere im herkömmlichen Sinn zum Beispiel. Wenn ich daran denke, wirst du „das Kind“. Es würde anders gehen. Wir könnten ja auch auf die vielen Möglichkeiten zurückgreifen, die es inzwischen gibt: Karriere mit Betriebskindergarten für dich bis um sechs Uhr abends. Oder wir ziehen in die Nähe deiner Großeltern. Doch dein Papa und ich wollen es, wie es ist, und verzichten dafür auf Dinge, zum Beispiel auf Geld. Nur gibt es noch viel mehr, was ich nicht hätte, wärst du nicht da. Mal ganz abgesehen davon, dass ich dich dann eben nicht hätte.

Versteh mich bitte nicht falsch. Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Freundin zusammen. Sie wollte immer Kinder haben. Mit dem Mann, mit dem sie lange Jahre zusammen war, hat es nicht geklappt und auch nicht mit dem Zusammenbleiben. Sie ist dann lange ohne einen festen Partner gewesen und hat versucht, sich das Kinderkriegen auszureden. Jetzt ist sie 38 und hat den Richtigen gefunden. Ihr Kinderwunsch ist aber immer noch da. Gleichzeitig haben die Ärzte herausgefunden, dass sie inzwischen unfruchtbar ist. Das ist eine traurige Geschichte. Ich kann mir kaum vorstellen, wie hart das sein muss. Manche Menschen können keine Kinder bekommen, obwohl sie sich das eigentlich sehr wünschen. Denen wollen die Ärzte helfen. Deshalb gibt es die Reproduktionsmedizin. Hätte meine Freundin vor 15 Jahren die Möglichkeit gehabt, ihre Eizellen einzufrieren, als die noch gesund und munter waren, vielleicht wäre diese Geschichte dann eine schöne geworden.

Vielleicht wird es in 20 Jahren so sein, dass dir und deinen Freundinnen routinemäßig Eizellen entnommen und für später gelagert werden. Eure Kinder könnten dadurch dann gesünder sein und eure Schwangerschaft ein noch geringeres Risiko für alle Beteiligten. So könnte der Fortschritt aussehen. Eine Geschichte, wie sie meiner Freundin widerfahren ist, bliebe dir dann erspart. Das wäre ein Glück.

Dennoch würde ich uns eine Gesellschaft wünschen, in der Social Freezing nicht die soziale Verantwortung ersetzt. Eine, in der das Leben die Arbeitswelt gestaltet und nicht die Arbeitswelt unser Leben, in der Kinderkriegen nicht noch eine weitere Herausforderung darstellt, die man auch noch unterbringen muss. Und in der Kinderkriegen für Frauen, die das alleine machen müssen oder wollen, keine Absturzgefahr bedeutet. Deshalb kann ich verstehen, dass andere Frauen diese Entscheidung später treffen als ich. Doch meine Generation, wir sind bekanntlich lauter Unentschiedene in der Du-hast-die-Wahl-Gesellschaft. Wir stehen oft etwas hilflos vor allen sich bietenden Möglichkeiten, weil für uns von allen keine in Frage kommt. Wir könnten es anders machen, doch die Angst bringt viele dazu, sich einzureihen. Die Karriereentscheidungen bestimmen dann das Leben.

Frauen, heißt es, müssen sich durchbeißen, wie die Männer, denn nur wer den absoluten Willen nach oben zeigt, kommt auch dort an. Da kann es sich gut machen, auf ein Kind zu verzichten, selbst wenn man es schon hat. Oft höre ich erfolgreiche Mütter oder Väter, die in großen Unternehmen arbeiten, sagen: „Es gibt sie ja gar nicht, die Frauen, die bereit sind, Karriere zu machen. Wenn die dann Kinder haben, geben sie eben keine 100 Prozent mehr, so wie ich es jetzt tue.“ Das Einzige, was ich diese Frauen und Männer fragen möchte, ist: Bist du glücklich so wie es ist? Natürlich lässt sich das alles längst organisieren, Kind und Karriere. Aber ich sehe so viele Männer und Frauen um mich herum, denen das gar keinen Spaß macht und die unter großem Druck stehen. Eines Tages werden sie alt sein und sich fragen: Was habe ich verpasst? Klar mache ich es mir einfach, weil ich uns dieser Situation mit meinem Freiberufler-Dasein gar nicht erst aussetze. Aber was ist, wenn es sich alle anderen zu einfach machen? Wird sich dann jemals etwas zum Besseren ändern?

Du hast dir vor ein paar Wochen gewünscht, dass Papa und ich dich mal zusammen in den Kindergarten bringen. Das machen wir nie. Eltern tun das nicht, denn eigentlich ergibt es überhaupt keinen Sinn. Während der eine dich bringt, sitzt der andere schon am Schreibtisch. Wir werden uns noch lange an das Strahlen in deinen Augen erinnern, als wir deinem Wunsch letzte Woche gefolgt sind. Etwas anders zu machen, als es der Plan verlangt, kann sich gut anfühlen. Es kann am Ende sogar zu einem besseren Ergebnis führen.

Ich wünsche dir, dass die Welt, in die du hineinwächst, dir deine kindliche Neugier und Naivität nicht nimmt, sondern sie als ein Gut erkennt. Du wirst Dinge anders entscheiden, als wir das heute tun. Das wird mich sicher ärgern. Mach es trotzdem, aber behalte dir das Wissen darum, dass Effizienz nicht immer der bessere Weg ist. Mehr Zeit haben und Zeit vergeuden, das schließt sich nicht unbedingt aus.

Im Bewerbungsgespräch

Die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Karriere ist für Frauen heute noch ein Fakt. Wenn man eine neue Option wie Social Egg Freezing schafft, um diese beiden Teile unseres Lebens besser zu trennen, wird das ihre Vereinbarkeit nicht voranbringen. Es wird das Kinderkriegen noch mehr zum Problem stilisieren. Ein Problem, das man lieber nach hinten verschiebt. An der Kernfrage aber wird es nichts ändern: Kind kriegen oder Kind (noch) nicht kriegen? Diese Entscheidung kommt auf dich zu. Und sie wird Druck auf dich ausüben. Du wirst daran denken, wie alt deine Mutter war, als sie dich gekriegt hat. Denn auch das zeigt die Diskussion gerade: Man kann die Entscheidung vertagen, aber man wird sie dadurch nicht los. Und wieder stellt sich dann die Frage, diesmal an dich und deine Freundinnen: Seid ihr glücklich so wie es ist? Das ist ja das Traurige, wenn du dich an meine unfruchtbare Freundin erinnerst.

Wenn Du einmal 30 bist, wirst du sehen, wie dein Körper sich verändert. Nicht nur mit deinen Eizellen geht es bergab. Es ist ein anachronistischer Vorgang. Von den Eizellen hängt die Endlichkeit der weiblichen Fruchtbarkeit ab; Männer hingegen sind in diesem Bereich theoretisch endlos befähigt. Du kannst das als ungerecht empfinden oder als einen strategischen Vorteil. Für mich war es leichter, das einzusehen, nachdem ich dich hatte. Es ist auch anachronistisch, dass Männer keine Kinder austragen können. Aber du hast mich selbstbewusster werden lassen. Du hast mich schon früh gezwungen herauszufinden, was mir wichtig ist.

Vielleicht hatten wir einfach Glück. Jedenfalls wurde ich schnell schwanger, als wir uns für ein Kind entschieden hatten. Hätten wir kein Glück gehabt, so wäre uns mehr Zeit geblieben. Ich sehe jetzt, wie sich das Kinderkriegen bei meinen Freundinnen verkompliziert, je älter sie werden. Wie es sich einordnen muss in die lang gehegten Lebenspläne, die man mit Mitte 30 eher hat als mit Mitte oder Ende 20. Und wie es nicht mehr so einfach klappen will, obwohl dann alles so gut geplant ist. Was kann man durchs Warten gewinnen? Was gewinnt man durch ein Kind?

Vor einigen Wochen hatte ich so eine Art Bewerbungsgespräch. Der Redakteur zählte dabei Dinge auf, die mich zu einer wertvollen Mitarbeiterin machten. Es fiel der Satz: „Du hast schon ein Kind.“ Er meinte damit, dass sich mir eine andere Welt erschließt und dass du dazu geführt hast, dass ich jetzt schon, knapp über 30, eine klare Haltung zu dieser Welt habe. Du bist nicht nur ein Erfahrungsvorsprung, sondern vor allem eine Persönlichkeitsschärferin. Das hat mich gefreut, weil dieser Satz in so ein Gespräch gehört. Er passt dort gut hin, weil er stimmt. Gleichzeitig gibt es erst wenige Betriebe, die diesen Vorteil an jungen Frauen und Männern nicht nur anerkennen, sondern ihn auch ernsthaft unterstützen.

So gesehen könnte man den Vorstoß von Facebook und Apple für richtig halten. Sie sind arm an Frauen und wissen, dass ihnen dadurch Erfahrungen, Perspektiven und Wissenswelten entgehen. Also bemühen sie sich, den Frauen all das abzunehmen, was sie beim Arbeiten behindern könnte. Dabei müsste es in Wahrheit um mehr Freiheit gehen, darum, dass Frauen lieber früher als später Kinder bekommen. Darum, dass wir all diese Probleme nicht lösen, indem wir sie auf später verschieben.

So ist Social Egg Freezing ein weiterer Eingriff der Wirtschaft in unser Privatleben. Die Grenze, was privat und was öffentlich ist, verschiebt sich ein weiteres Stück ins Öffentliche. Sicherlich ist das als soziales Angebot gemeint. Es gibt eine Sehnsucht nach mehr Zwischenmenschlichkeit in der Welt, nach Verbindlichkeiten. Bindungen einzugehen, sich anderen gegenüber zu öffnen, das gibt uns ein gutes Gefühl. Aber wollen wir die Grenze zwischen unserer Arbeit und unserem Leben wirklich noch weiter aufheben? Möchtest du nicht lieber ein Kind kriegen, eine Familie gründen, einen Ort schaffen, der privat ist, der Raum zum Austausch, Nachdenken und zur Muße gibt? Was du bist, das kannst du in deinen Beruf einbringen. Nur, was bleibt von dir, wenn du dein Beruf bist?

Gebildete, charakterstarke Frauen, mein Kind, sind sehr gefragt. Es ist eine hart erkämpfte gesellschaftliche Neuerung, dass sich dieser Spielraum auftut. Gestalte ihn! Bekomme Kinder, wenn du es für richtig hältst, nicht die anderen! Darin liegt heute die Aufgabe des Feminismus: eine Haltung zu den Möglichkeiten zu entwickeln, die Bedingungen herzustellen, unter denen man die richtigen Entscheidungen treffen kann.

Auf dir lastet großer Druck. Ich möchte sehr gerne einmal Oma werden. Du bist mein einziges Kind und das wird wohl auch so bleiben. Dein Papa und ich wollen kein zweites, weil wir es uns nicht leisten können. Wir leben noch nicht in der Gesellschaft, in der Kinder kein Problem sind. Das zeigt diese Debatte, die die Kinderkriegen weiter problematisiert. Sie macht „das Kind“ zur Ware, dass man sich mit 40 in die Vitrine stellen kann, und vergrößert die emotionale Distanz. Natürlich funktioniert das nicht. Kinder lassen sich nicht einfach in Vitrinen stellen. Das ist es ja, was sie unter anderem so inspirierend macht. Das Problem der Vereinbarkeit stellt sich nicht nur für mich mit 30, es bleibt auch für 40-jährige Mütter vorhanden.

Ich wünsche mir für dich eine Gesellschaft, in der das anders sein wird. Ich weiß nicht genau, wie das gehen soll. Ich denke, es ist eine politische Aufgabe, weil sie uns alle betrifft und nicht nur die vom Fachkräftemangel gebeutelten Arbeitgeber. Dein Papa und ich haben gemeinsam entschieden, ein Exemplar dieser Zeitung einzufrieren. Wenn es uns notwendig erscheint, dann tauen wir es in 20 Jahren für dich auf. Im besten Fall aber wird es dazu nicht kommen. Deine Mama

06:00 19.11.2014

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