Mein Vater, der stottert oder Von der Schwerkraft der Wörter

Kehrseite 2 Ich war allein mit meinem Vater im Auto, zum ersten Mal vorne, und wollte alles richtig machen, so, wie es die Familie immer machte: wenn mein Vater ...

Ich war allein mit meinem Vater im Auto, zum ersten Mal vorne, und wollte alles richtig machen, so, wie es die Familie immer machte: wenn mein Vater das Auto von der Einfahrt auf die Straße lenkte, drehten alle den Kopf nach rechts und wieder zurück und sagten laut und deutlich "frei". Ich drehte den Kopf nach rechts und wieder zurück und sagte laut und deutlich "frei". Mein Vater gab Gas und fuhr in das Auto, das gerade vorbeikam. Ich schlug mit den Milchzähnen am Armaturenbrett auf und kurze Zeit später, während sich die Zungenspitze unter den Zahn in das süßliche Zahnfleisch hineinbohrte, begriff ich den geheimen Zusammenhang von Auto und "frei".

Meine Mutter band eine Schnur an den Zahn und noch ehe sie zog, war er ab. Sie erzählte mir, wie sie es geliebt hatte, mit dem Ochsengespann loszupreschen, sich aufzurichten, mit der Peitsche auf die Tiere einzuschlagen und dabei zu rufen "Die goldene Freiheit geht über alles." In rasender Fahrt bogen die Ochsen in die Kurve und der Wagen über die Böschung. Meine Mutter flog über die Deichsel und landete auf dem gerade eingeknickten Hinterteil des Ochsen. Dieser war sanftmütig, hätte meine Mutter während des Flugs die Peitsche aus der Hand gelassen. So grub sie sich für die Ewigkeit in die Oberlippe meiner Mutter ein.

Mein Vater, der stottert, war in der Schule durchgefallen, weil er den ganzen Aufsatz ohne Punkt und Beistrich geschrieben hatte.

Warum mein Vater stottert, erzählte mir meine Mutter. Er war als Junge auf einen Kirschbaum geklettert und traute sich hinterher nicht wieder auf die Erde zurück.

Er schrie laut nach seiner Mutter, die zu der Zeit gerade im Kreißsaal lag. Seine Mamma-Rufe hörten nur Tante und Onkel. Die standen am Fuße des Baumes und hörten nicht auf zu sagen: "Deine Mamma ist nicht hier. Deine Mamma ist im Krankenhaus". Mein Vater aber hörte nicht auf, nach seiner Mutter zu rufen. Langsam stellte er sich an, seinen hohen Sitz zu verlassen. Zaghaft schaffte er es, von der sitzenden Lage in die Bauchlage zu kommen, den Ast mit seinem Körper zu umklammern und an der knorrigen Rinde von einer Astgabel zur nächsten zu rutschen. In der Zwischenzeit war sein Weinen und Klagen in einen Weinkrampf und in ein trockenes Zucken übergegangen, das seinen Weg nach unten begleitete.

Als er nicht mehr weit von der Erde entfernt war, griff sein Onkel nach ihm. Da stieß mein Vater einen herzzerreißenden Mama- Schrei aus, der es verhinderte, dass der Onkel ihn zu fassen kriegte. Mein Vater verlor aber darüber selbst die Balance und fiel vom Baum auf den Rücken. Seither stottert mein Vater.

Warum mein Vater stottert, erklärte mir meine Großmutter. Als sie mit ihm schwanger war, fiel von einem hohen Kastanienbaum eine große schwarze Schlange direkt vor ihren Füßen auf die Erde. Seither stottert mein Vater, der eigentlich nur stottert, wenn andere ihn nervös machen. Dann beißen sich die Wörter in seiner Kehle fest und verstopfen seine Adern, weil sie sich von ihm nicht trennen wollen. Er behält sie deshalb meistens für sich, aus Sorge, dass sie auf den Boden fallen und dort zertreten werden könnten.

Immer wenn er stotterte, wusste ich, dass er jetzt lieber woanders wäre, weder auf einem Baum noch in einem Meldeamt. Ich wollte dann immer gehen, denn wenn er stotterte, bekam ich einen Fußkrampf.

Es kann zu jeder Zeit und überall passieren, dass sich die Wörter bei ihm wohler fühlen, als bei denen, die ihm gegenüberstehen. Immer spielen aber Personen eine Rolle, die ihn nervös machen. Der Postbote, der Polizist, der Verkäufer oder ein Beamter, der ihn fragt, ob er deutsch spricht. Mein Großvater sagte: dass mein Vater stottert habe damit zu tun, dass er als kleiner Junge immer log. Weil er ihm aber das Lügen austreiben musste, drosch er gnadenlos auf ihn ein, jedes Mal, wenn mein Vater wieder log. Doch das Lügen war dem Jungen nicht auszutreiben. Sie konnten zufrieden sein, wenn er wenigstens stotterte.

Meine Tante meinte, dass es keinen richtigen Grund zum Stottern gebe. Denn sie beide, sie und ihr Bruder, seien von einer typhusbefallenen Mutter zur Welt gekommen und mussten täglich in kochend-heißem Wasser gebadet werden. Jeder meint jetzt, dass das Stottern vom heißen Wasser gekommen sei. Doch schließlich stottert sie ja auch nicht, was nichts anderes heißt, als dass mein Vater ohne richtigen Grund stottert.

Und wegen einer Schlange, die vom Baum fällt, muss keiner anfangen zu stottern, vor allem, wenn er noch gar nicht sprechen konnte zu einem Zeitpunkt, als er noch gar nicht geboren war. Überhaupt hätte er sich durch sein Stottern so manche Scham erspart, für die manch andere viel eher stottern könnten, sie selbst eingeschlossen. Ständig fand sie sich im Dienstzimmer des Direktors wieder, sogar vor ganzen Klassen musste sie sich entschuldigen, weil sie die Erbsünde mit der Prinzessin auf der Erbse verwechselt hatte, weil sie von Hunden erzählte, dies mit Menschen tun, oder weil sie vom jungen Kooperator wissen wollte, ob er schon mal. Ihre Klassenlehrerin nannte sie: "Die mit der spitzen Zunge." Doch nicht einmal von so viel Scham hätte sie mit dem Stottern angefangen. Stattdessen brachte sie noch zu Schulzeiten ihre erste Theateraufführung heraus, "Hamlet und Omlet", und setzte meinen Vater als stotternden Helden ein.

Mein Vater hätte also nie einen wirklichen Grund zum Stottern gehabt.

Als meinem Vater die Adern platzten, fand ihn meine Mutter ausgestreckt in der Fußgängerzone liegen. Um ihn herum stand eine Schar von Passanten. Da meine Mutter ihn aus purem Zufall fand, konnte sie ihn zufällig retten. Sie hatte einen kurzen Blick auf den Niedergestreckten erspäht und entdeckt, dass dieser die gleiche Uhr trug wie ihr Mann. Und weil sie herausfinden wollte, welche Frau denselben Uhrgeschmack hatte, trat sie näher und rettete so meinen Vater.


00:00 24.09.2004

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