Mexiko exportiert Mais und verarmteBauern

Ernährungskrise Weltbank und IWF warnen vor einer grassierenden Hungersnot

Frühwarnsysteme lösen überall Alarm aus. 36 Länder, 21 davon in Afrika, sind einer akuten Hungerkrise ausgesetzt. Die Weltbank prophezeit auf ihrer Frühjahrstagung ein soziales Chaos für Nigeria, Burkina Faso, die Elfenbeinküste und Haiti, aber auch für Tadschikistan, Armenien und Indonesien. Sollten sich die Preise für Nahrungsmittel weiter so dramatisch erhöhen - 2007 lag der Anstieg bei durchschnittlich 40 Prozent - gerate die Lage außer Kontrolle.


Es ist noch gar nicht lange her, dass uns die großen Medien täglich mit aufmunternden Statistiken über den so genannten internationalen Krieg gegen Hunger und Armut unterhielten. Die Armut sei auf den Rückzug, hieß es, obwohl die Armen - wieder einmal schlecht informiert - von diesen guten Nachrichten nichts wussten. Nun plötzlich geben die bestbezahlten Bürokraten der Welt - sie arbeiten im Internationalem Währungsfonds und in der Weltbank - zu, dass sie selbst gleichfalls schlecht informiert waren.

Zugleich unterrichten sie uns über die Runderneuerung ihres Programms für internationale statistische Vergleiche und raffen sich zu ein paar kleinen Korrekturen an ihren früheren Berichten auf. Sie teilen uns jetzt unter anderem mit, es gebe 500 Millionen mehr von den Ärmsten der Armen in der Welt als bisher angenommen.

Wir erfahren auch, dass die armen Länder Äthiopien, Bangladesh, Haiti, Mosambik, Somalia und Indonesien beträchtlich ärmer sind, als in früheren Statistiken angezeigt, und dass ihre Misere noch zugenommen hat, während die Weltbank ihnen "Freie-Markt-Pillen" verkaufte.

Als wäre das nicht genug, stellt sich auch heraus: Das Ausmaß der Ungleichheit zwischen Arm und Reich hatte man ebenfalls falsch gemessen. Der Abgrund ist in vielen Staaten sehr viel tiefer als in Brasilien, das bisher als ein besonders abschreckendes Beispiel galt.

Zur gleichen Zeit hat Joseph Stiglitz, Ex-Vizepräsident der Weltbank, in einem Buch die Kosten des Irak-Krieges untersucht. Präsident Bush hatte verkündet, dass der Feldzug höchstens 50 Milliarden Dollar kosten werde, was auf den ersten Blick als annehmbarer Preis für die Eroberung eines Landes mit soviel Erdöl galt. Inzwischen dauert das Blutbad zwischen Kirkuk, Bagdad und Basra schon über fünf Jahre, und die USA haben eine Billion Dollar für das Töten von unschuldigen Zivilisten ausgegeben.

Als George W. Bush noch in den Kinderschuhen seiner Präsidentschaft steckte, fragte er am 27. Juli 2001 seine Mitbürger: "Können Sie sich ein Land vorstellen, das unfähig ist, genug Nahrungsmittel zur Versorgung der eigenen Bevölkerung zu produzieren? Es wäre ein Land, das sich großem internationalen Druck aussetzen würde. Es wäre eine Nation in Gefahr. Deshalb reden wir - wenn wir über die amerikanische Landwirtschaft sprechen - in Wirklichkeit über nationale Sicherheit."

Der Präsident hatte damit einmal nicht gelogen. Und es entbehrte nicht der Logik, wenn er die fantastischen Förderprogramme für die Felder und Plantagen seines Landes verteidigte.

Am Beispiel Mexikos lässt sich gleichfalls wunderbar nachvollziehen, was George W. Bush am 27. Juli 2001 über die Produktion von Nahrungsmitteln sagen wollte. Seitdem 2007 der Freihandelsvertrag mit den USA und Kanada erneuert und unterschrieben wurde, produziert das Land nicht mehr genug Lebensmittel, um die eigene Bevölkerung zu versorgen. Mexiko wurde zu einem Staat, der "großem internationalen Druck" ausgesetzt und dessen nationale Sicherheit in großer Gefahr ist.

Allein aus den USA müssen derzeit pro Jahr für zehn Milliarden Dollar Nahrungsmittel gekauft werden, die Mexiko locker selber produzieren könnte. Nur wird jede Art von Wettbewerb dank des von der US-Administration praktizierten Protektionismus verhindert. Das heißt, mexikanische Tortillas sind weiterhin mexikanisch, aber nur, weil sie von Mexikanern gegessen werden. Der Mais, aus dem sie gemacht sind - der ist aus den USA importiert, wird dort über Subventionen gefördert und genetisch manipuliert. Mexiko kann heute als seinen wichtigsten Ausfuhrartikel ruinierte Bauern anbieten, die in den Norden auswandern, um zu überleben. Der Freihandelsvertrag hatte ihnen Wohlstand versprochen.

Es gibt Länder, die sich und ihre Agrarmärkte verteidigen können. Allerdings nur wenige. Und die sind reich. Andere wiederum - und das ist die Mehrheit - sind darauf trainiert, sich in den eigenen Ruin zu arbeiten.

Eduardo Galeano, uruguayischer Schriftsteller. Autor von Die offenen Adern Lateinamerikas und Erinnerungen an das Feuer.

Ernten für den Biosprit - Zuckerrohr, Soja, Palmöl

Von September 2007 bis April 2008 stiegen - nach Angaben der UN-Ernährungsorganisation FAO - die Preise für Mais, Weizen und Reis um durchschnittlich 40 bis 50 Prozent. Neben einer höheren Nachfrage aus Indien und China macht die FAO dafür eine expandierende Produktion von Biokraftstoffen verantwortlich. Für 100 Liter Biosprit werde soviel Getreide verbraucht, wie ein Mensch ein Jahr lang zum Essen benötige.

Vorzugsweise Industriestaaten setzen auf diese Energiequelle. Die dafür erforderlichen Rohstoffe kommen zumeist aus Entwicklungsländern - Zuckerrohr und Soja aus Brasilien, Yukka aus Kolumbien, Palmöl aus Indonesien und Thailand. Allein die Anbauflächen für Palmöl haben sich laut FAO seit 1990 auf weltweit 130.000 Quadratkilometer verdoppelt - das entspricht in etwa dem Territorium Österreichs und der Schweiz. Deutschland ist mit 800.000 Tonnen jährlich fünftgrößter Palmöl-Importeur.

Tortilla-Krise in Mexiko - Mais für den Autotank

Zehntausende demonstrieren im Februar/ März 2007 in Mexiko-Stadt, weil in nur einem Jahr der Preis für Mais (aus dem Tortillas hergestellt werden) um zwei Drittel in die Höhe ging. Sie verlangen staatliche Kontrollen bei Grundnahrungsmitteln und eine Abkehr vom Freihandelsabkommen NAFTA, das den zollfreien Handel zwischen Kanada, den USA und Mexiko erlaubt. Die starke Getreide-Nachfrage aus Nordamerika für die Produktion von Bioethanol schlägt voll auf die Tortilla-Preise durch. Die Regierung Calderón beendet schließlich die Krise, indem sie einen Höchstpreis für Maismehl dekretiert.

Spekulationsobjekt - Lebensmittel im Angebot

Angesichts der desolaten Lage auf den internationalen Finanzmärkten suchen Hegdefonds und Pensionskassen auf dem Agrar- und Lebensmittelmarkt fieberhaft nach neuen Anlagemöglichkeiten. Dass diese Geldflüsse die Preise nach oben treiben, liegt auf der Hand. Die Ausgaben für Nahrungsmittel, besonders für Agrarrohstoffe sind damit nicht mehr allein von Ernteerträgen oder Angebot und Nachfrage abhängig, sondern von der Entscheidung großer amerikanischer Pensionskassen, ob sie mit einer Milliarde Dollar oder mehr auf diesem Markt einsteigen oder nicht.

Die UNO im Jahr 2000 - Zahl der Armen halbieren

Auf dem Millenniumsgipfel in New York beschlossen die Vereinten Nationen im September 2000, "keine Mühen zu scheuen, um unsere Mitmenschen - Männer, Frauen und Kinder - aus den erbärmlichen und entmenschlichenden Lebensbedingungen der extremen Armut zu befreien, in der derzeit mehr als eine Milliarde von ihnen gefangen sind." Als nötig dafür erachtete die UNO transparente Finanz-, Geld- und Handelssysteme - es sollte sich künftig um "offene, faire und multilaterale Systeme" handeln. All dies gipfelt in dem als Ziel aller UN-Mitgliedsstaaten verkündeten Vorhaben, bis 2015 die Zahl der Menschen zu halbieren, die nur einen Dollar täglich zum Leben haben.

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00:00 18.04.2008

Ausgabe 39/2020

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