Mia san Festgeldkonto

A-Z Bayern München Der FC Bayern steht im Pokalfinale, ist international und in der Bundesliga im Rennen. Nach kleinem Durchhänger sind die Bayern jetzt wieder wer. Nur: wer? Das Lexikon

Antisemitische Zielscheibe

Als explizit bürgerlicher Club gegründet, hatte der FCB schon bald den Ruf, ein Projekt Zugereister zu sein und eben gar nicht bayerisch. Weil er relativ viele Juden als Mitglieder führte – Kurt Landauer prägte ihn als Präsident von 1913-33 –, galt er den Nationalsozialisten als „Judenclub“. Dass der Verein von Anfang an professionell geführt wurde, unterstützte das Ressentiment. Dieses wirkt fort, auch wenn der Name „Judenclub“ heute selten fällt. Obwohl kein Alleinstellungsmerkmal des FCB, bringen ihm Profit- und Erfolgsorientierung den Vorwurf der Unsolidarität ein. Seine Siege seien erkauft, nicht erkämpft. Dahinter steht die klassische antisemitische Denkweise vom „raffenden“ Kapital. Und auch die Fans hätten keinen Charakter, weil sie ihn – ganz untypisch – siegen sehen wollten. Tobias Prüwer

Basketball

1954 feierte der FC Bayern seine erste deutsche Meisterschaft nach dem Krieg – nicht im Fußball, sondern im Basketball. Bald darauf versank die Mannschaft aber in den unteren Ligen. Bis Uli ➝Hoeneß 2009 vom Posten des Managers auf den des Vereinspräsidenten wechselte. Er bekannte, dass er ein Fan der US-Profiliga NBA sei. Und dass man das mit den Basketballern im eigenen Verein jetzt mal „richtig machen“ wolle. Also verdreifachten die Bayern den Etat auf 1,5 Millionen Euro (darüber lächeln Fußballmanager natürlich nur müde!) und holten sich den damaligen Nationaltrainer Bauermann sowie mehrere Nationalspieler fürs Zweitligateam. Seit dieser Saison ist man wieder erstklassig. In der Basketball-Bundesliga belegt der FC Bayern zurzeit den fünften Platz. Jan Pfaff

Dusel

Wann fing das an? 1974, als die Bayern im Finale des Europacups der Landesmeister gegen Atletico Madrid in der 119. Minute den Ausgleich schossen und ein Wiederholungsspiel erzwangen (das sie selbstredend gewannen)? Sicher ist, dass erstmals in den 70ern vom „Bayern-Dusel“ die Rede war. Der Mythos, dass die Münchner in knappen Partien und dort vorzugshalber in den Schlussminuten Glück haben, hält sich bis heute. Neid schwingt mit und der Glaube, der Platzhirsch würde von den Schiedsrichtern bevorteilt. Zutreffender ist wohl die These von Sportpsychologen: Die nicht weniger berühmte „Mir san mir“-Mentalität der Bayern gebe ihnen die Gewissheit, jedes Spiel zu jedem Zeitpunkt noch gewinnen zu können. Mark Stöhr

Feindbild

„Zeig mir deine Feinde, und ich sage dir, wer du bist.“ Dieser Satz gilt für die Bayern nicht unbedingt. Die glauben, äh, gehen schlicht davon aus, dass ALLE sie lieben. Ob ihr momentaner Hauptfeind Jürgen Klopp (Borussia Dortmund, ➝Meisterschaft) das auch tut, ist nicht bekannt. Man weiß nur soviel: Kloppo ist wie die Bayern und doch ganz anders. Einerseits kauft auch er ärmeren Vereinen ihre größten Talente ab; andererseits aber macht der Erfolg ihn bescheiden. Is mir wurscht, sagt er, wenn man ihn nach der Meisterschaft fragt. Für Uli ➝Hoeneß unvorstellbar. Mit dieser Strategie wird der Jürgen letztlich doch an der Isar landen. Wetten? Jana Hensel

Festgeldkonto

Wenn Uli ➝Hoeneß sagen möchte, dass sein Verein solide und nachhaltig geführt ist, wenn Hoeneß also sich selbst loben möchte, dann sagt er einen Satz mit „Festgeldkonto“. Festgeldkonto ist seine Umschreibung für Weltspitze. Während andere Spitzenvereine Geld in Spieler pumpen, das sie erst Mäzenen, Sponsoren oder Banken herausleiern müssen, zückt der FC Bayern einfach sein Portemonnaie und zahlt. Mehr als 100 Millionen Euro sollen auf dem Konto herumliegen, was etwa einem Drittel der Schulden des sportlich erfolgreicheren FC Barcelona entspricht. Wenn Hoeneß „Festgeldkonto“ sagt, heißt das also: „Ihr habt Messi. Wir könnten ihn bezahlen.“ Der Triumph des Managers. Klaus Raab

Goliaththeorie

Wenn der FC St. Pauli gegen Bayern gewinnt und anschließend massig „Weltpokalsiegerbesieger“-T-Shirts verkauft, zehrt der Klub vom David-Effekt: Klein hat Groß besiegt. Gute Geschichte. Wir kennen sie aus der Bibel, wo der kleine David den Riesen Goliath umlegt. Dass die Bibel die Dinge verdreht, sehen wir daran, dass am Ende dennoch St. Pauli in der Regel absteigt und Bayern Meister wird. Die Goliaththeorie besagt, dass der FC Bayern schlagbar ist – aber nicht ständig. Sonst wäre er ja nicht Goliath. raa

Hoeneß

Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern München, nervt. Aber er ist auch irgendwie super. Hoeneß verkörpert die Ambivalenz, die sein Verein ausstrahlt.

Zum einen wäre da der konservative Wursthändler, der keinen Computer bedienen will und keine Scheu hat, die Fakten eigenwillig auszulegen, wenn es sein Weltbild stützt. Der seinen Verein mit der CSU vergleicht und den großen Maxe macht. Zum anderen aber wäre da der im positiven Sinn etwas aus der Zeit gefallene soziale Geist, der noch jeden, der mal für den FC Bayern gespielt hat, in den Verein integriert, wenn es ihm den Boden wegzieht. Der dafür steht, konkurrierenden Vereinen im Notfall Darlehen ohne Sicherheiten zu gewähren. Der als verlässlich gilt, der Witze über seine Ananasdiät macht (alles außer Ananas) und der Spieler aufpäppelt, wenn es ihnen nicht gut geht. Wenn Hoeneß nicht in Sachen Attacke unterwegs ist, kann er einen wirklich mal gernhaben. Halt, nee: man ihn. raa


In München ist es wie in den anderen großen Fußballstädten: Die Sympathien fliegen den jeweiligen Underdogs zu. Also St. Pauli, Union Berlin – oder eben 1860 München. Die „Sechziger“ gelten als der Club der Ur-Münchner, der einfachen Leute, der Guten. Die „Roten“ sind heute die Geldsäcke und Großkopferten, zu deren Spielen die „Preußen“ aus den Vorstädten kommen, und Boris Becker.

1860 pflegt sein Unterprivilegierten-Image gut, besser jedenfalls als seine Finanzen. Die Bayern sind die Bösen (➝Tote Hosen), weil sie die Mietmillionen einfordern, die ihnen der Lokalrivale für das gemeinsame Stadion noch schuldet. Der Zweitligist steht für ein bemerkenswertes Missmanagement und ging 2011 nur dank eines dubiosen jordanischen Geschäftsmanns nicht pleite. Und auch auf der Zuschauertribüne tummelt sich Ungutes: 1860, eines der Lieblingsteams der Nazis, ist bekannt für seine ausgeprägte rechtsradikale Fanszene. MS

Meisterschaft

Es heißt, für den FC Bayern München sei ein Jahr ohne Titel ein verschenktes Jahr. Das ist natürlich reine Rhetorik. Ein Jahr, in dem man im Championsleague-Halbfinale stand, ist fürs ➝Festgeldkonto wohl mehr wert als ein DFB-Pokalsieg. So gesehen wäre es für die Bayern verkraftbar, wenn auch dieses Jahr die Deutsche Meisterschaft in Dortmund gefeiert würde, solange man sich für den internationalen Hauptwettbewerb qualifiziert. Und das ist quasi ausgemacht.

Statistisch gesehen wäre es freilich denkbar, dass Bayern noch an Tabellenführer Dortmund vorbeizieht: Die Münchner wurden seit 1996 mindestens jede zweite Saison Meister. Sie wären demnach dran. Andererseits war der letzte Konkurrent, der zweimal in Folge Meister wurde, Borussia Dortmund. Das Schöne ist: Statistiker wissen auch nichts. raa


Für das Münchner P1 wurde der Begriff Nobeldisco erfunden. Gegründet als Offiziersclub für die amerikanischen Besatzungstruppen, mauserte sich das Etablissement über die letzten Jahrzehnte zu einem exklusiven Nachtclub mit der angeblich härtesten Tür Deutschlands. Es gilt als zweite Umkleidekabine der Spieler des FC Bayern. Hier herrscht eine Model- und Starletdichte wie sonst nur auf dem Exfreundinnentreffen von Leonardo DiCaprio, weshalb es kaum verwundert, dass die Fußballer hier gerne auf die Pirsch gehen. Das endet nicht selten in kleinen Skandälchen wie der ehezerstörenden Affäre von Oliver Kahn und der damaligen P1-Barfrau Verena Kerth. Angeblich kennen 86 Prozent der Deutschen das Lokal. Verrückt. Sophia Hoffmann

Pressekonferenzraum

Hinten standen die Kameras, davor stapelten sich Radio- und Printreporter. Der Raum, in dem der FC Bayern lange seine Pressekonferenzen abhielt, war für eine Speisekammer recht geräumig, gemessen an der Journalistenherde, die sich dort einfand, aber ein Witz. Einer jener strategischen Bayern-Witze, mit denen der Klub das öffentliche Interesse groß hielt. Ein voller Presseraum bedeutet: Hier passiert Wichtiges.

Mit einem Umbau des Trainingsgeländes 2008 änderten sich die Dinge; es soll jetzt sogar irgendwo in einem Medienzentrum flexible Bürostühle für Journalisten geben. Eigentlich aber wurde mit dem Umbau der früher informellere Informationsfluss etwas beschränkt: Während es bis dahin etwa möglich war zu sehen, welcher Spieler wo parkte, was einiges über die Teamhierarchie aussagte, parken nun alle in einer Tiefgarage. raa

Tiger

Das Herz der Bayern schlägt westfälisch. Auch wegen Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, dem Lippstädter, mehr aber noch wegen Ko-Trainer Hermann Gerland, dem Bochumer.

Sein komplettes Spielerleben verbrachte er dort, beim VfL, wo sie den Abwehrmann wegen seiner robusten Spielweise „Tiger“ tauften. Im Ruhrgebiet ist das ein Ehrentitel. Später wurde er Nachwuchstrainer in München und prägte eine goldene Generation: Thomas Müller, Holger Badstuber, Toni Kroos, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm – sie alle gingen durch die Schule des Tigers. MS

Tote Hosen

„Ich würde nie zum FC Bayern München gehen“, sangen die Toten Hosen 1999. Da war klar: So schlecht kann Bayern nicht sein. Der ausgestellte und letztlich affirmative Hass auf den FC Bayern macht den Verein erst richtig wichtig. Und verkennt, dass die schmierigsten Geschäftsmodelle anderswo zu finden sind. Es ist doch so: Wenn die Bayern schön spielen, ist es schön, ihnen zuzusehen. Wenn sie hässlich spielen und trotzdem gewinnen, wie in so vielen Jahren, sind sie ein wirklich lästiger ➝ Goliath. raa

Zwanzigste Minute

Hier zwei wichtige Bayern-Statistiken: Erzielten sie diese Saison vor der 20. Spielminute das erste Tor, gewannen sie in 20 von 21 Pflichtspielen. Gerieten sie in Rückstand, gelang ihnen nur zweimal ein Sieg. Machen die Bayern also das 1:0, spielen sie „wie Barca“ (FAZ). Verstreicht die 20. Minute torlos, verströmen sie das Selbstbewusstsein ostdeutscher Hartz-IV-Empfänger. Kann man das erklären? Wir halten uns an die Psychoklassiker: Abraham Maslow beobachtete, dass Sicherheit (1:0 vor der 20. Minute), also Abwesenheit von Gefahr („dann verlieren wir nie“), ein Grundbedürfnis darstellt, das erfüllt sein muss, bevor andere Motive, wie etwa Selbstverwirklichungsbedürfnisse (schön spielen, Rückstand aufholen), handlungswirksam werden können. Mikael Krogerus

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16:35 22.03.2012

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