Mit dem Fahrstuhl durch den Beton

Hoyerswerda - Stadt im Rückbau Hier sind die Nullen unter sich, sang einst der Bagger fahrende Liedermacher Gundi Gundermann

"Familie Keschel - sechs Jahre in der Schwarzen Pumpe. Als Hilfsarbeiter kam Harald Keschel her, heute ist er Meister für Wasser- und Wärmewirtschaft. Leben in der Schwarzen Pumpe: Gute Arbeit, gute Qualifizierungsmöglichkeiten. Hoyerswerda - deine goldene Zukunft. Die Werbebüros in den Bezirken geben weitere Auskunft."

(Aus einem Werbefilm von 1962)

Uwe hat schon immer hier gewohnt. Mein Schulweg führte an seinem Haus vorbei. Er wohnte im obersten Stockwerk. Inzwischen ist er bei seinen Eltern ausgezogen und wohnt eine Etage tiefer. Dort lebt er jetzt mit Frau und Kind. Sie haben ihr Wohnzimmer durch einen hässlichen Vorhang abgeteilt, vorn steht das Sofa, dahinter schlafen sie: So bekommt das Kind ein eigenes Zimmer. Alle anderen Mieter haben diesem Haus längst den Rücken gekehrt, nur Uwe und seine Eltern sind geblieben. Hoyerswerda im Herbst 2003.

Wo soll ich denn hin?

Eine Stadt schrumpft, wird abgerissen, verschwindet schneller, als sie Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre in einem riesigen Kraftakt hochgezogen wurde. Hoyerswerda galt neben Eisenhüttenstadt als Beispiel für den Aufbau einer sozialistischen Stadt, gedacht für den Menschen von Morgen. Von überall her, aus der ganzen Republik, zog es die Jungen in die entstehenden Plattenbau-Siedlungen, um Teil dieses Neuanfangs zu werden.

Heute - vier Jahrzehnte später - wird Hoyerswerda "zurück gebaut". Der Arbeitgeber von einst, das Kombinat "Schwarze Pumpe", existiert nicht mehr. Die Erbauer sind gemeinsam alt geworden und erleben nun, wie ihre Kinder und Enkel die schwindsüchtige Stadt aufgeben. Haus für Haus wird abgetragen. Was gestern noch vorhanden war, kann morgen schon unauffindbar sein.

"Wo soll ich denn hin?" Uwe, 33 Jahre, grinst übers runde Gesicht und lässt sich in seine Ikea-Couch sinken. Aus dem hinteren Zimmer schreit das Kind. Monika, Uwes Frau, bringt Kaffee und Kekse. Wir sitzen in der Gneisenaustraße 23, im Wohnkomplex IX - kurz WK IX genannt. Vor Uwes Haustür gähnt zwischen grauen Plattenbauten betonierte Leere, vereinzelt wehen Gardinen aus offenen oder geborstenen Fenstern, hinter denen längst kein Licht mehr brennt.

Auch der Stadtarchitekt Klaus Richter, vor 40 Jahren Mitglied des legendären Aufbaustabes, wohnt noch in der Platte. "Alle Wohnungen sollten gut belichtet und die Stadt gut durchlüftet sein. Vor allem wollten wir kindgerecht bauen", erinnert er sich. "Kinder und Wohnungen standen im Mittelpunkt. Die Stadt jetzt buchstäblich in sich versinken zu sehen, das ist schmerzlicher, als sie aufzubauen, denn damals gab es so gut wie keine Verluste, wir trafen auf leere Flächen. Es gab keine alten Häuser, die weg mussten, es gab keine Bäume, die fielen ... Zu erleben, wie abgerissen wird, worin soviel Kraft steckt, dagegen sträubt man sich, schon bei dem Gedanken daran."

Der "gestalterische Prozess", von dem die Wohnungsbausgesellschaft Hoyerswerda mbH spricht, nennt sich Stadtumbau Ost. Erschrocken davon, wie viel zerstörerische Kreativität dieser "Rückbau" entfalten kann, haben inzwischen Zehntausende der Stadt den Rücken gekehrt. Von mehr als 72.000 Einwohnern Mitte der achtziger Jahren sind Hoyerswerda Ende 2003 noch 35.000 geblieben - Tendenz: weiter fallend. Die Erwerbslosigkeit liegt bei 25 Prozent. Wenn vor 40 Jahren für die meisten eine neue Arbeit das entscheidende Motiv war, in diese Stadt zu ziehen, so ist es heute fehlende Arbeit, die nachfolgende Generationen vertreibt.

Kakao und Kuchen bei Franziska

"Was machst du eigentlich hier?" hatte mich Uwe gefragt.

Seit meinem Weggang 1988 laufe ich wieder einmal durch den Wohnkomplex IX, den Ort meiner Kindheit. Bilder schießen mir durch den Kopf, Erinnerungen. Ski fahren auf dem Rodelberg beim Stadion, unsere eigene Platte, die Gurkenkasse des Vertrauens, die Sammelstelle für Kronverschlüsse leerer Bierflaschen, ungezählte Kellerpartys. Am 1. Mai plärrte das Aufbaulied aus allen Ecken: "...um uns selber müssen wir uns selber kümmern..." Anschließend gab es Kakao und Kuchen bei Franziska, Uwes damaliger Freundin, im Club ihrer Hausgemeinschaft. (Es gab übrigens auffallend viele Mädchen, die Franziska hießen, unsere Eltern hatten alle das "Franziska Linkerhand-Buch" von Brigitte Reimann gelesen, die hier lebte.) Ich sehe noch die tapetengeblümten Wände, den selbst gebastelten Spiegelball in der hinteren Ecke vor der ebenfalls in Eigenbau gezimmerten Bar des Clubs. Dort gab es einen Klaren oder einen Eskalony, der klebrig schmeckte. Trotzdem trank ich noch einen und flog anschließend leicht schwankend raus. Hoyerswerda war die kinderreichste Stadt der DDR, und es galt als erstrebenswert, die Zuweisung für eine Vollkomfort-Wohnung in einer Betonscheibe überreicht zu bekommen.

Und heute? Uwe ist der Letzte aus meiner Schulklasse, der noch im Viertel an der Gneisenaustraße wohnt. Seit zwei Jahren arbeitslos, träumt er davon, Busfahrer bei den städtischen Verkehrsbetrieben zu werden. "Hier bin ich geboren", sang Gundi Gundermann, der Bagger fahrende Liedermacher aus Hoyerswerda, der 1998 starb. "Hier sind die Nullen ganz unter sich / Hier ist es heute nicht besser als gestern, und ein Morgen gibt es hier nicht."

In der Nachbarstraße rufen mir Jugendliche mit kurz geschorenen Haaren hinterher: "Wir sind Rechte". Ein junges Mädchen unter ihnen, 15 Jahre vielleicht, versucht beschämt, die halbleere Bierflasche vor mir zu verstecken. Das Vokabular besteht aus "Ist doch sowieso alles Scheiße hier" und immer wieder "Wir sind Rechte". Irgendwann habe sogar ich das verstanden.

Klassentreffen auf der Wiese

"Wir hatten hier in Hoyerswerda das Glück, ein bisschen weg vom Schuss zu sein. FDJ-Bezirksleitung oder SED-Bezirksleitung, das war ja alles in Cottbus. Was hier so passierte, das war Provinz. Schon damals hatte ich das Gefühl, das interessiert keinen so richtig." Uwe Proksch, einst Chef des Jugendklubs, leitet heute das soziokulturelle Zentrum, die Kulturfabrik der Stadt. "Klar hatte man Einschränkungen in der DDR, jede Menge. Aber die hat man nicht bewusst wahrgenommen, die waren einfach da, das war der Alltag. Man hat sich arrangiert und fertig."

Die Auszehrung der Stadt geht für ihn Hand in Hand mit dem Verlust von Utopien und eigener Lebensgestaltung. "Nach Konzerten oder nach Filmen hatten wir früher immer Diskussionen. Das gibt es heute fast gar nicht mehr, die Leute rennen sofort nach Hause. Damals ging es immer darum, wie gehen wir denn weiter vorwärts, was soll passieren, damit sich das Leben hier endlich normalisiert."

Oliver, Klasse zwölf im Foucault-Gymnasium, will einfach nur weg. Wohin, weiß er noch nicht, aber dass er nach seinem Abitur auf keinen Fall bleibt, steht für ihn fest. Kehrt er damit seiner Heimat den Rücken? "Die Heimat ist im Herzen - und Hoyerswerda ist nur eine Hülle. Weg damit, denn das hier ist ja wirklich alles hässlich. Ich sage mir immer, wer solche Häuser baut, der kann ja nichts Gutes tun."

Als ich in Olivers Alter war, bestimmten die in Richtung "Schwarze Pumpe" abfahrenden Schichtbusse den Rhythmus der Stadt. Der Bauarbeiter wohnte Tür an Tür mit dem Arzt oder dem Kohlekumpel, die Köchin mit dem Lehrer oder Busfahrer. An der Schule hörten wir vom faulenden, absterbenden Kapitalismus, in der Großen Pause wurde Milch verteilt, und nachmittags hatten wir nie Probleme, zwei Fußballmannschaften zusammen zu bekommen. Die Dächer der fünfstöckigen Blöcke waren mein Abenteuerspielplatz.

1999 fiel der erste Block, aber bis 2002 gab es noch immer kein städtebauliches Konzept für den "Rückbau". Sobald ein Haus leer stand, war es zum "Abschuss" freigegeben. Marktwirtschaftliche Gründe, so heißt es, zwangen die Besitzer, die Wohnungsgesellschaft mbH und Lebensräume e.G., den Abriss konzeptlos zu gestalten. Hoyerswerda läuft dadurch Gefahr, auseinander zu fallen, weil das Stadtgefüge zerbricht. Erst in diesem Jahr tauchte das INSEK-Papier, überschrieben mit "Integriertes Stadtentwicklungskonzept", auf. Es beruht auf höchst optimistischen Daten zur Bevölkerungsentwicklung in den kommenden Jahrzehnten und erscheint daher eher fragwürdig, aber es zeigt immerhin, dass die Stadt erwacht, das Problem ernst nimmt und gewillt ist, sich der Herausforderung zu stellen.

"Und ich weiß noch, wir waren mit die ersten, die einzogen sind. Das Hochhaus war gerade fertig geworden, davor lag Sand, nichts als Sand und Dreck. Es gab noch nicht einmal erkennbare Straßen oder so was", erzählt Proksch aus der Vergangenheit. "Und das Merkwürdigste in diesem Haus war: Wenn man mit dem Fahrstuhl durch den Beton fuhr, das hallte alles, weil das Haus fast vollkommen leer stand, es gab noch so gut wie keine Mieter. Das war ein sonderbares Gefühl damals."

Der Block, in dem Franziska gewohnt hat, ist schon abgerissen. Unsere Schule steht noch, ist aber auch leer wie vieles ringsherum. Uwe lacht wieder, und seine Fröhlichkeit ist ansteckend. Er fragt mich, was ich von einem Klassentreffen halten würde. Wo denn, im Clubkeller von Franziskas Hausgemeinschaft? erwidere ich - oder auf der Wiese? Wo auch immer, der Letzte macht jedenfalls das Licht aus.

Der Autor stammt aus Hoyerswerda und lebt heute als Filmemacher, Choreograf sowie Fotograf in Berlin.

"Edith Keschel, damals Arbeiterin - heute Meisterin für Energieerzeugung. Gute soziale Betreuung in der Stadt. Leben in der Schwarzen Pumpe. Hoyerswerda - deine goldene Zukunft. Die Werbebüros in den Bezirken geben weitere Auskunft."

(Aus einem Werbefilm von 1962)


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00:00 21.11.2003

Ausgabe 39/2020

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