Mit ein paar Schüssen

Rätsel Abel Paz wagt sich an die biographische Rekonstruktion des Lebens des spanischen Anarchisten Durruti

In der eben für ihr mutiges und unkonventionelles Programm auf der Leipziger Buchmesse mit dem "Kurt-Wolff-Preis" ausgezeichneten Hamburger Edition Nautilus ist die Biografie des hierzulande wenig bekannten Anarchisten Buenaventura Durruti erschienen. Dessen Leben einigermaßen korrekt zu rekonstruieren, gestaltete sich nicht einfach, denn Durruti war ständig unterwegs - in Europa und in Mittel- und Südamerika. Er lebte obendrein die längste Zeit seines kurzen Lebens im Untergrund. Dass die biografische Rekonstruktion dieses abenteuerlichen Lebens gelang, ist dem über 80-jährigen Abel Paz zu verdanken. Er erlebte den anarchistischen Aufstand vom Sommer 1936, der bald in einen blutigen, dreijährigen Bürgerkrieg überging, als jugendlicher aficionado.

Wie Tausende von Republikanern, Anarchisten, Sozialisten und Kommunisten floh Paz - der eigentlich Diego Camacho hieß - nach dem Sieg von General Franco im März 1939 ins französische Exil. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste er nach Spanien zurück, wo gegn ihn eine elfjährige Gefängnisstrafe verhängt wurde. Von 1953 bis zum Ende von Francos Diktatur (1975) lebte Paz in Paris und widmete sich dem mühseligen Sammeln von Informationen zur Geschichte des spanischen Anarchismus und des Bürgerkriegs von den in der ganzen Welt verstreuten Zeitzeugen. Aus diesen Mosaiksteinchen entstand die über 700Seiten starke Biografie über Leben und Tode Durrutis. Das Buch ist so spannend zu lesen wie ein guter Kriminalroman, weil es der Autor glänzend versteht, die verwirrende Handlung durch kluge Reflexionen entlang eines roten beziehungsweise schwarzen Fadens zu strukturieren.

Der ungewöhnliche Plural "Tode" im Untertitel des Buches bezieht sich darauf, dass die Umstände über den Tod des Anarchisten bis heute umstritten blieben, weil in alle historischen Darstellungen Legenden, Rechtfertigungen und gezielte Verfälschungen eingingen. Unbestritten ist dagegen der ungeheure Nimbus, den der Kommandant, politische und militärstrategische Kopf der Kolonne "Durruti" vor allem in Katalonien besaß. Am Tag seiner Beerdigung am 23.11.1936 zogen 500.000 Menschen durch Barcelona.

Für einen Teil der Historiker war er trotzdem nur ein Opfer wie jedes andere. Andere meinen, ein Genosse aus den eigenen Reihen habe Durruti erschossen, weil sich dieser angeblich dem stalinistischen Kommunismus genähert habe. In einer dritten Version präparierte man Durruti zum Opfer eines Anschlags von Stalins Geheimpolizei. Zwischen diesen Hauptvarianten über Durrutis Tod liegen sozialdemokratisch oder trotzkistisch eingefärbte Geschichten. Nach jahrelangem Forschen kommt Abel Paz zu dem Schluss, dass Durrutis Tod "immer ein Rätsel bleiben wird".

Geboren wurde Durruti am 14. Juli 1896 in Leon. Als er im September 1917 zur Armee eingezogen werden sollte, floh er nach Frankreich, wo er bis zum März 1919 lebte. Der Verurteilung durch ein Kriegsgericht entzog er sich mit der Flucht nach Frankreich. Vom Frühjahr 1920 bis Ende 1923 lebte und arbeitete er wieder an verschiedenen Orten in Spanien und betrieb anarchistische Agitation, die er mit dem Geld aus Banküberfällen finanzierte. Nach den Morden an einem Gouverneur und einem Kardinal, in die die Gruppe "Crisol" (Prüfstein), zu der auch Durruti gehörte, verwickelt war, floh er erneut nach Frankreich. In Spanien regierte inzwischen mit Billigung von König Alfonso XIII. Primo de Rivera, der "spanische Mussolini", der das Land aus der Krise führen sollte.

Nach gescheiterten Attentaten auf den König gingen Durruti und sein Freund Francisco Ascasos Ende 1924 über New York, Kuba, Mexiko und Chile nach Argentinien. Schon ein gutes Jahr später waren die beiden jedoch wieder in Paris, wo sie den Besuch Alfonsos XIII. "mit ein paar Schüssen begleiten" (Durruti) wollten. Der Anschlag scheiterte wie die vorhergegangenen. Durruti musste für drei Monate ins Gefängnis und lebte danach abwechselnd in Belgien, Berlin und Lyon im Untergrund.

Am 14.4.1931 wurden nach einem Generalstreik, an dem die Anarchisten großen Anteil hatten, Primo de Rivera und die Monarchie gestürzt und die Republik ausgerufen. Ein Bündnis aus Sozialisten, Sozialdemokraten, katalanischen Nationalisten und Liberalen stellte nun die Regierung unter Niceto Alcalá Zamora. Der anarchosyndikalistische Gewerkschaftsverband CNT (Confederación Nacional del Trabajo) mit einer Million Mitgliedern war faktisch gespalten zwischen Gemäßigten und Kompromisslosen, die "eine revolutionäre Perspektive anarchistischer Selbstbehauptung" (Abel Paz) verfolgten. Durruti war der wichtigste Führer der Kompromisslosen und bekannte 1931: "Wir sind absolut apolitisch, denn wir sind überzeugt, dass die Politik ein unnatürliches Regierungssystem ist, absolut wider die Natur, ein System, in dem viele ihre Überzeugungen verraten, um ihren Posten zu behalten." Die CNT boykottierte die Wahlen und radikalisierte die politische Auseinandersetzung.

Die Regierung rief im Namen von "Ruhe und Ordnung" das Kriegsrecht aus mit dem Ergebnis von 1.335 Toten, 2.951 Verwundeten und 30.000 Verhafteten. Das Land befand sich bereits am Rande eines Bürgerkriegs, als die CNT bei den Wahlen vom 16. Februar 1936 den Wahlboykott erstmals durchbrach, um "30.000 Gefangene mit dem Stimmzettel zu befreien". Sie ermöglichte dadurch die Bildung einer Volksfrontregierung aus linken Republikanern, Sozialisten, sozialistischen Gewerkschaften, Kommunisten und Trotzkisten unter Manuel Azaña.

Konservative, Rechtsradikale und Militärs bereiteten offen einen Putsch vor, der mit dem Generalstreik vom 18./19. Juli 1936 in Katalonien verhindert wurde. Armee und Polizei kapitulierten in diesem Landesteil vor dem teilweise bewaffneten Volk, während sich im Norden und Nordwesten des Landes die Militärs formierten. Durruti führte seine Kolonne von Barcelona aus dem Ebro entlang Richtung Saragossa. Die militärische Ausrüstung dieser Volksmiliz war bescheiden: 6.000 Männer und Frauen verfügten über 16 Maschinengewehre, 9 Mörser, 12 andere Geschütze und ganze 3.000 Gewehre. Während die Hälfte der Kolonne, die Durruti nicht als Soldaten verstand, sondern als "revolutionäre Arbeiter, die ihre Sache in die eigenen Hände nehmen", kämpfte, war die andere mit der Versorgung beschäftigt oder arbeitete in den in Aragonien und Katalonien entstandenen Agrarkommunen.

Bereits nach zwei Wochen wurde die Munition knapp. Die militärische Lage verschlechterte sich, weil die republikanische Seite von Frankreich und England gar keine, von der Sowjetunion nur bescheidene Hilfe bekam. Im Gegensatz dazu unterstützten Hitler und Mussolini Franco massiv mit Waffen aller Art. Im September eilte Durruti zur Verteidigung der bedrohten Hauptstadt nach Madrid, wo er bei einem Feuergefecht am 19.November 1936 schwer verwundet wurde und einen Tag danach im Alter von 40 Jahren starb. Eine politische Ermordung erlebte der entschieden antiautoritäre und antimilitaristische Durruti posthum, als ihn der republikanische Ministerpräsident Juan Negrín am 25.4.1938 zum Oberstleutnant der republikanischen Volksarmee ernannte.

Abel Paz: Durruti. Leben und Tode des spanischen Anarchisten. Edition Nautilus, Hamburg 2004, 730 S., 25.- E


00:00 16.04.2004

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