Mit Milliarden die Bilanzen frisiert

Großbritannien Eine Studie unabhängiger Ökonomen weist nach, welche gesellschaftlichen Kollateralschäden Banker hinterlassen. Sogar der Chef der Finanzbehörde ist ­davon überzeugt

Lord Adair Turner, der Chef der britischen Finanzaufsichtsbehörde, gehört zu den Spitzen der Gesellschaft und hat die richtigen Schulen besucht. Er hat in Cambridge studiert, trägt zwei akademische Titel und begann seine Karriere beim Ölgiganten BP, bevor er zum Finanzdienstleister McKinsey wechselte. Danach wurde er Banker, arbeitete für die Chase Manhattan Bank und avancierte zum Vorsitzenden des britischen Unternehmerverbandes Conference of British Industry (CBI), um schließlich als Direktor an der Spitze des inzwischen verschwundenen Investment-Giganten Merrill Lynch zu stehen. Er kennt sich aus in der globalen Finanzindustrie und hat seinen Teil vom warmen Geldregen der Boni während des Kreditbooms zwischen 2002 bis 2007 abbekommen.

Ende 2009 wurde Turner von der Zeitschrift Prospect interviewt, dem Sprachrohr des Tony-Blair-Anhangs in der Labour Party. Dabei plauderte der Befragte Wahrheiten aus, die von den Finanzeliten normalerweise ungern oder nie kolportiert werden. Er gab zu, viele Finanzgeschäfte in den verflossenen Boom-Jahren seien gesellschaftlich vollkommen nutzlos (socially useless) gewesen. Ein hartes Urteil, das auch deshalb Wirkung hinterließ, weil Stephen Green, Vorsitzender der britischen Bankiers-Vereinigung, kurz zuvor in etwa das Gleiche über die neuen Finanzprodukte einräumen musste, die Banken den merkwürdigen Ruf eingebracht haben, “innovativ” zu sein.

Geschmierte Weltökonomie

Lord Turner hatte die Stirn, seine Wahrheiten zum Neujahrsbankett des Lord Mayor von London vor den Honoratioren der City of London zu wiederholen. Die meisten der dort präsenten Finanzgrößen zeigten sich höchst ungehalten, als einer der Ihren derartigem Offenbarungseifer verfiel. Einmal in Fahrt, verkündete Turner, die Finanzkrise sei nicht vorrangig den Amok laufenden Märkten zu verdanken, sondern den Banken. Die Täter – ja, es gäbe Täter – hätten in ihrer Mehrheit Boni kassiert, die ein Vielfaches von dem seien, was ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in seinem ganzen Leben je mit ehrlicher Tätigkeit verdienen könne. Das Bonussystem habe die Risikofreude der Banker ungemein stimuliert. Im Übrigen produziere die Finanzindustrie genau genommen nichts, was irgend jemand sinnvoll gebrauchen könne. Ihre „Dienstleistungen“ und „Produkte“ seien nur eine Art Schmiermittel für die heutige globale Ökonomie, was fatale Folgen habe.

Ende 2008 konnte der Finanzkollaps für Großbritannien bekanntlich nur dank außergewöhnlicher Maßnahmen der Regierung Brown vermieden werden. Sie hat maroden Banken mit Milliarden Pfund die Bilanzen geschönt. Die Kollateralschäden eines solchen Krisenmanagement waren absehbar – und traten prompt ein. Hunderttausende verloren 2009 ihre Jobs, Zehntausende von Hausbesitzern wurden enteignet. Die Sozialleistungen sollen gekürzt werden, wie dem gerade von Schatzkanzler Alistair Darling vorgelegten Haushalt zu entnehmen ist. Die Finanzkrise pflanzt sich als Staatskrise fort und dürfte Labour bei der Unterhauswahl im Frühjahr eine schwere Niederlage bescheren.

Lord Turner meint, ein radikaler Wandel sei notwendig. Business as usual, wie es die Banker der Londoner City schon wieder zelebrieren, bedeute nichts anderes, als bald in die nächste Finanzkrise zu schlittern. Die kommenden Spekulationsblasen würden von den gleichen Leuten mit fast den gleichen Methoden wie vor dem Crash im Herbst 2008 produziert, warnt er.

Es ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich, was eine zum Jahreswechsel veröffentlichte Studie des Londoner Think-and-Do-Tanks NEF (New Economics Foundation) bilanziert. Die NEF besteht seit 1988 und wurde als Stiftung unabhängiger Ökonomen gegründet. Mit ihrer jetzigen Analyse haben sich die NEF-Forscher des Themas Einkommensungleichheit angenommen und untersuchen die Einkünfte sechs verschiedener Berufsgruppen in Großbritannien – drei extrem hoch bezahlter und drei niedrig entlohnter. Die Analysten lassen es damit nicht bewenden, sondern setzen die Einnahmen in Relation zum messbaren gesellschaftlichen Nutzen, den die jeweiligen Tätigkeiten stiften.

Im einzelnen geht es um Investment-Banker in der City of London, die bis zu zehn Millionen Pfund (11,36 Millionen Euro) pro Jahr verdienen, um Manager in der Werbebranche, die im gleichen Zeitraum zwischen 50.000 und zwölf Millionen Pfund (56.800 beziehungsweise 13,6 Millionen Euro) einnehmen sowie Steuerberater mit Einkünften von durchschnittlich 200.000 Pfund (227.200 Euro). Sie werden verglichen mit Kindergärtnerinnen, die in Großbritannien mit höchstens 13.000 Pfund (14.700 Euro) pro Jahr vergütet werden, mit Reinigungskräfte in Hospitälern, die einen Stundenlohn von 6,26 Pfund (7,11 Euro) erhalten, und mit Müllmännern – Stundenentgelt 6,10 Pfund (6,93 Euro).

Wie ein Kartenhaus

Die NEF-Autoren fragen nach Vermehrung oder Vernichtung von gesellschaftlichem Reichtum durch die verschiedenen Arten von Arbeit – sie tun das mit der Social Return on Investment Analyse, die ihre Stiftung entwickelt hat. Das Ergebnis ist dazu angetan, dem oft als Vorurteil gegeißelten Eindruck über abgrundtiefe Ungerechtigkeiten bei den Einkommen Recht zu geben und die Formel – wer viel verdient, leistet auch viel – als puren Unsinn zu entlarven. Bei den Bankern kommt heraus, dass jedem Pfund an Wertschöpfung eine Wertvernichtung – also ein Verlust an gesellschaftlichem Reichtum – von sieben Pfund gegenübersteht. Bei den Direktoren der Werbeagenturen fällt die Bilanz noch schlechter aus: Jedem Pfund an Wertschöpfung stehen wenigstens elf Pfund an sozialen Unkosten gegenüber. Noch schlimmer bei den Steuerberatern mit VIP-Kundschaft: Hier beträgt die Negativbilanz 1:47.

Anders bei den Kindergärtnerinnen. Für jedes Pfund, das ihnen gezahlt wird, schaffen sie einen gesellschaftlichen Nutzen im Wert von sieben bis neun Pfund. Bei den Reinigungskräften in den Krankenhäusern beträgt die Positivbilanz 1:10, bei den Müllmännern 1:11. Fazit: Diese Leute werden extrem unterbezahlt im Verhältnis zum gesellschaftlichen Nutzen ihrer Tuns. Die NEF-Studie stellt die Denkmuster neoliberalen Leistungsgesellschaft in Frage. Und nicht zuletzt ist sie dazu angetan, Lord Turner und seinen offenherzigen Bekenntnissen Recht zu geben.

Michael R. Krätke ist in Großbritannien Professor für Politische Ökonomie an der Universität Lancaster

15:00 21.01.2010

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tomgard | Community
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