Mittelalter heute

Schaubude Eine großartige Ausstellung in Paderborn zeigt, wie aktuell die Lehren des Franz von Assisi noch immer sind

Anfang Mai schließt im westfälischen Paderborn eine Ausstellung, die Spuren hinterlassen wird. Der nicht unumstritten Titel „Franziskus – Licht aus Assis“ – die beteiligten deutschen franziskanischen Gemeinschaften wollten eher eine Darstellung der Ordensgeschichte („800 Jahre“) – macht deutlich, daß es hier nicht um eine Geschichtsschau geht. Sondern um die Wiedersichtbarmachung jenes bis an die Schmerzgrenze grellen Lichtes, das ein umbrischer Tuchhändlersohn namens Francesco Bernardone (1182-1226) als Franz von Assisi in die christliche Welt des wirtschaftlich und geistig dynamischen Hochmittelalters gebracht hatte.

Frühkapitalismus, Kreuzzüge, Fernhandel, Ketzerbewegungen, Lepraepidemien, Verstädterung und vor allem sicht- und spürbar wachsender Wohlstand sind die Stichworte dieses früheuropäischen Modernisierungssschubes. Und da erscheint ein junger Mann aus bestem Hause und sagt laut und deutlich: „Nein“ zum Wirtschaftswachstum als Fehl- und Irrweg für die Menschheit. Und er sagt es nicht nur: Er lebt auch selbst die Alternative der Bedürfnislosigkeit, der Absage an Geldwirtschaft und Besitz zugunsten spiritueller Erfahrung inneren Reichtums.

Ungepflegt und verwildert

Er verlässt das Elternhaus und seine Heimatstadt Assisi, geht in die Wälder, wird vom wütenden Vater zurückgeholt und erscheint unter seinen ehemaligen Mitbürgern als ungepflegter, verwilderter, bärtiger Mensch, den seine ehemaligen Freunde und Spielgefährten für verrückt erklären – was er für den Normalverstand auch sichtbar war. Er soll sich öffentlich auf dem Marktplatz rechtfertigen und entschuldigen – stattdessen inszeniert er eine dramatische Provokation: Er zieht sich völlig nackt aus und übergibt seine Kleider dem peinlich schockierten Vater als symbolischen Verzicht auf sein Erbe und unterstellt sich der einzig von ihm anerkannten Autorität: dem christlichen Gott. All das kann man in Paderborn sehen.

Diese bemerkens- und erinnerungswerte Ausstellung selbst wird dank der kreativen Fantasie der Kuratoren Spuren hinterlassen. Selten wurde das Publikum so stark eingebunden. Ursprünglich hatte man 15.000 Besucher erwartet – schon jetzt sind mehr als doppelt so viele gekommen. Jener dramatische Akt, der aus Francesco Bernardone mit seinem radikalen Verzicht auf Wohlstand und Besitz den Heiligen Franz von Assisi machte, wurde als kurze Videosequenz von Schauspielern in modernem Ambiente gezeigt und auf Großleinwänden mitten in das Konsumgetümmel der Paderborner Fußgängerzone und in die Vorstandssitzung eines großen Konzerns projiziert. Also in Räume, die heute mit dem Platz korrespondieren, an dem der 24-Jährige Assisi 1206 seinen Ausritt aus dieser und die Entdeckung einer anderen, geistigen Welt so dramatisch inszeniert hatte. Dadurch lässt sich leicht verstehen, dass es sich hier nicht um eine mittelalterliche Legende handelt, sondern um eine höchst aktuelle Kapitalismus- und Konsumkritik.

Sinnliche Erfahrbarkeit einer geistigen Revolution als Ausstellungskonzept: Schüler der Mittel- und Oberstufen wurden aufgefordert, vor der Führung, die sie auch ins franziskanische Kloster führte, ihre weltlichen Accessoires – Handys, Schmuck und Uhren – für die vorgesehenen gut zwei Stunden abzulegen. Um, wie es ein Faltblatt formuliert, „selber ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich ein Leben ohne persönlichen Besitz ausnimmt“. Für kleinere Besucher gab es Rollenspiele mit einfacher Kleidung: „Was muss es für junge Frauen bedeutet haben, vor den Augen von Nachbarn und Freunden die eigenen modischen Kleider abzulegen?“ Kindergartenkinder hingegen erfuhren viel über des Franziskus brüderlich-schwesterliches Verhältnis zu Tieren; für Schulklassen angeboten wurden künstlerische Auseinandersetzungen mit dem franziskischen Erbe. So wurden vielerlei Spuren gelegt und das „Licht aus Assisi“ zum Leuchten gebracht.

Die klösterlichen Franziskanergemeinschaften berichten von einem deutlich gewachsenen Interesse an ihrer Lebens- und Arbeitswelt, an intensive Gespräche im Anschluss an die Ausstellung. Sie hat allem Anschein nach ein Bedürfnis nach Spirittualität wiedererweckt, die selbst eine politische Dimension hat: Wege aus dem zerstörerischen Materialismus der modernen Industriegesellschaft zu suchen.

Ist Occupy ein Erbe Assisis?

In der europäischen Geschichte gibt es keine Botschaft, die so radikale und konsequente Antworten auf diese Überlebensfrage zu geben versucht hat, wie die franziskanische. Die Occupy-Bewegung ist, ohne sich dessen bewusst zu sein, ein spätes Kind dieser Tradition. Dieses Erbe als mittelalterlich-weltfremd abzutun, sollte sich unsere hoffnungsarme Gesellschaft nicht leisten. Es gibt eine große Persönlichkeit politischer Spiritualität, die trotz des Anscheins der Verrücktheit, mit nichts anderem als einem Leinentuch bekleidet (wie Franziskus mit seiner Kutte), einem Wanderstab, einer Brille, mit Papier und Schreibfeder ebenso radikal-pazifistisch wie Franz von Assisi und persönlich absolut bedürfnislos die Welt der Macht herausgefordert und ein gewaltiges Stück weit verändert hat: Mahatma Gandhi.

Die Ausstellung in Paderborn macht solche Verbindungen sichtbar, sie öffnet die Tore, um sich das Erbe des Franz von Assisi anzueignen.


Franziskus – Licht aus Assisi. Diözesan­museum Paderborn. Bis 6. Mai. Der Katalog, erschienen bei Hirmer, 445 S., kostet 25 €.


Ekkehart Krippendorff veröffentlichte 2008 gemeinsam mit Peter Kammerer und Wolf-Dieter Narr das Buch: Franz von Assisi: Zeitgenosse für eine andere Politik bei Patmos

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11:00 09.04.2012

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