Möllemanns Todessprung als Inszenierung der Vieldeutigkeit

Medientagebuch Der innere Film

Nachdem der Todessturz des Jürgen W. Möllemann bekannt wurde, stellte jemand eine Frage, die im ersten Moment despektierlich und vielleicht sogar zynisch klang: Gibt es Bilder? Nein, es gab diese Bilder nicht. Weshalb sich alle Fernsehsender, die sich nach Marl in Westfalen aufmachten, mit Auskünften von Augenzeugen bescheiden mussten. Diese Auskünfte sind nicht nur durch die subjektive Färbung bestimmt, durch die das eine Detail stärker als das andere hervortritt. Sie enthalten oft auch Beifügungen, die dem Erzählten für den Erzähler einen Sinn geben sollen. Oder sie mutieren ungewollt zu Bekundungen, mit denen der Erzähler seinem Zuhörer vor Ort und der medial vermehrten Masse zeigen will, was er vom Vorgang und dem an ihm Beteiligten hält.

Je vielfältiger diese Reden im Laufe des 5. Juni wurden, desto deutlicher trat hervor, wie sehr das eine definitive Bild fehlte, das die Zeugenaussagen beglaubigte oder aber relativierte. Denn der Todessturz, das war recht bald klar, barg ein Rätsel. Angesichts der Umstände und der Unfallstatistik bei Fallschirmsprüngen scheint es sehr unwahrscheinlich, dass es sich bei diesem Sturz nicht um einen Suizid handelte. Das verleiht dem fehlenden Bild eine zusätzliche Dimension. Der innere Film, den die zahlreichen Erklärungen der Augenzeugen hervorrufen, zeigt eine heroische Szene: Wie der Suizidant das Notventil des Ersatzfallschirmes abschaltet, wie er als letzter aus der Maschine springt, wie er sich noch einmal über das Gesicht wischt, ehe er sich des Hauptfallschirmes entledigt, wie er mit ausgebreiteten Armen auf die Wiese zurast, auf der sein Körper zerschellen wird.

Dieser innere Film muss sich bei vielen hergestellt haben. All ihre fast zwanghaft wirkenden Versuche, mit vielen Worten das Geschehen zu überdecken, haben hierin ihre geheime Ursache. Der Suizid kränkt diejenigen, die zurückbleiben und seine Zeugen sind. Er kränkt, weil es so scheint, als hätte man ihn verhindern können, indem man rechtzeitig eingegriffen, die richtigen Worte gefunden, den Gedanken geahnt hätte. Er kränkt, weil es so scheint, als hätte man Anteil an ihm, weil man sich an einer der vielen Kränkungen des Suizidanten - und wenn nur im Geiste - beteiligt hatte. Am Ende stehen alle, die von der Nachricht des Suizids hören, als Schuldige da. Die Bundestagsabgeordneten, die ihm kurz vor seinem Todessprung die Immunität entzogen. Die Partei, die ihn nach seinen letzten Verfehlungen ausgestoßen hatte. Die Medien, die sich seiner bedient hatten, wie er sich ihrer bediente. Und die Bürger des Landes, die ihn machen ließen, weil ihnen ein Zirkusgaul in der Manege der Politik allemal lieber ist als ein Arbeitspferd.

Derjenige, der einen solchen Tod wählt, weiß das selbstverständlich. Er hat es vor seinen Augen durchgespielt. Er kennt die Reaktionen, die prompt eintraten. Er weiß von den Lügen über Freund- und Partnerschaften, die nun schamlos verbreitet wurden. Er sieht die Krokodilstränen, die völlig spontan in den Gesichtern gestriger Gegner erschienen. Und er ahnt sogar den Staatsakt, mit dem sie ihn möglicherweise ehren werden. Auf all das hat Jürgen W. Möllemann spekuliert. Noch ein letztes Mal sollte das Spiel nach seinen Regeln gespielt werden. Es waren die Spielregeln einer auf Aufmerksamkeit konzentrierten Politik, deren Mittel oft genug die Zwecke überlagern. Über die Realpolitik des Politikers Möllemann in den letzten Jahren weiß man wenig. Wenn man ihn in den Nachrufen dieser Tage lobte, musste man schon mehr als zehn Jahre zurückkehren in eine Zeit, als er im Amt des Bundesbildungsministers fleißig gewesen sein soll. Von den letzten Jahren bleiben seine Parteiintrigen in Erinnerung, seine Ränke und die Medientricks, mit denen er seine randständige Partei zu einem Zentrum der Macht ausbauen wollte.

Vielleicht war es aber auch so, dass all die medialen Tricks, die er permanent anwandte, den politischen Zweck, den er verfolgte, weniger zufällig überlagerten als vielmehr bewusst überdeckten. Denkt man sein politisches Handeln als einen permanent vollzogenen Zaubertrick, dann müsste sich nach seinem Tode doch so etwas wie eine Bilanz seines tatsächlichen politischen wie ökonomischen Handelns ziehen lassen. Doch so weit scheint es nicht zu kommen. Mit dem Tod werden die polizeilichen Untersuchungen, die an dem Todestag mit umfangreichen Untersuchungen ihren ersten Höhepunkt gefunden hatten, eingestellt. Der Verdacht, der die Staatsanwälte zu ihrer Aktion antrieb, muss gewichtiger gewesen sein als alles, was bisher bekannt wurde.

Sollte nur ein Teil davon wahr sein, scheint der Politiker Möllemann ein willfähriger Lobbyist nicht nur von Leo Kirch und Schalke 04, sondern auch der deutschen Waffenindustrie sowie zahlreicher arabischen Staaten gewesen zu sein. Sein kurz vor der Wahl publiziertes israel-kritisches Flugblatt liest sich in diesem Zusammenhang noch stärker als zuvor wie eine Auftragsarbeit. Aber eine Auftragsarbeit, die mit stolzem Gewissen vollbracht wurde. Ob der mutmaßliche Versuch, mit seinem Tod der juristischen Aufdeckung einen Riegel vorzuschieben, aufgehen wird, bleibt abzuwarten.

Nun haftet seinem Tod weiterhin ein Rätsel an. Es fehlt der letzte Beweis, dass er sich selbst umgebracht hat. Indem sein Tod nicht restlos geklärt ist, lädt er zu Spekulationen ein. Man muss die einschlägigen Internetseiten und -foren gar nicht lesen, um sich vorzustellen, welche Verschwörungsphantasie von diesem Rest an Rätsel ausgelöst wird: Da es ein Unglück nicht sein kann und ein Suizid nicht sein darf, kann es nur ein Mord gewesen sein, der den Politiker Möllemann ausschaltete. Diesen Mord kann nur derjenige begangen haben, dem er nützte. Und wen hat Möllemann in der letzten Phase seines politischen Lebens in einem Flugblatt kritisiert?

Noch darin mag man die mediale Gestaltungskraft des Jürgen W. Möllemann erblicken. Wie er seinen Tod als mehrdeutiges Zeichen anlegte, das für die Familie das Unglück bedeutet, für die Politik und die Medien den irritierenden Suizid, sowie für sein rechtes Stammpublikum den intriganten Verdacht, der das antisemitische Stereotyp bestätigt.

Die vermutete Inszenierung des Todes verbindet, darauf haben viele Kommentatoren hingewiesen, Möllemann mit Uwe Barschel, der sich in einer ähnlichen Situation des politischen Machtverlustes umbrachte und seinen Suizid als Rätsel inszenierte. Vergessen wird ein weiterer Generationskollege der beiden, dessen Tod ebenfalls lange Zeit ein Rätsel war: Andreas Baader. Ein merkwürdiges Triumvirat (west-)deutscher Geschichte.

00:00 13.06.2003

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