Momentaufnahmen für Skeptiker

SARAJEVO (I) Im siebten Jahr nach dem Krieg hat sich der Vorrat an Trost und Hoffnung verbraucht

Welche Saite anschlagen für einen Sarajevo-Text im Herbst 2002? Noch einmal die düstere, die nicht genug bekommt vom Grauen? Ist es besser, sich mit den Lügen zu befassen, mit den wechselnden Bündnissen, unterschiedlichen Interessen von Gruppen und Großmächten und deren propagandistischer Vernebelung? Oder soll es der aufmunternde Ton der internationalen Helfer und Macher sein, die meinen, man müsse dort einfach die Ärmel hochkrempeln und nicht zurückschauen? Denn der Krieg ist schließlich seit sieben Jahren vorbei.

Der Krieg ist vorbei, und jetzt wird in vollem Ausmaß erkennbar, wie viel in ihm unwiederbringlich zerstört wurde.

Seit zwölf Jahren sind wir Zuschauer, Voyeure ohne Lust, Zeugen, die sich wegdrehen, nur aus Augenwinkeln hinsehen. Wir haben die Vorspiele beobachtet, die Kriegsausbrüche, ihre trostlose Brutalität, die internationalen Mechanismen der Regulierung und Nichtregulierung. Dort war alles zu lernen über die neuen Kriege. Alles ist vorgekommen, was sich jetzt an vielen Stellen der Welt wiederholt.

Bosnien aber ist verwundet. Es ist ein verletztes Wesen, atmet schwer, kann seine Kraft nicht zurückgewinnen, es blickt unruhig umher und sieht, wie sich die Grenzen um das Land immer enger ziehen. Es ist schlimmer getroffen, als es 1995, beim Friedensschluss von Dayton, selbst wahrnahm. Noch vier Jahre später, bei meinem letzten Besuch, waren mehr Hoffnung und Erwartung von Positivem da als jetzt. Man glaubte mehr als heute, dass die zerstörten Städte und die sozialen Beziehungen wieder repariert werden können. Dass alles letztlich wieder gut wird.

Eine Hündin springt in die Fensterhöhle und wartet, bis ihre Jungen nachkommen

So gehe ich dieses Mal durch die Stadt und habe den ständigen fernen Geschützdonner von damals, dieses Grollen, im Ohr und das plötzliche nahe Schießen, das längst aus meinem Gedächtnis verschwunden schien. Jetzt erinnere ich mich auf Kreuzungen an das Rennen und die Angst, die ich bei den Besuchen in der belagerten Stadt 1993 und 1994 fühlte (*). Ich gehe die Treppe hoch zu der Wohnung, in die ich wieder aufgenommen bin. Regenwasser läuft als dünnes Rinnsal die steinernen Stufen hinunter, nicht mehr so viel wie vor sieben Jahren, denn inzwischen wurde das Dach repariert, aber nicht gut genug. Die Einschüsse sind im Putz sichtbar wie in manchen Berliner Fassaden bis heute, die Eingangstür unten hat ein neues Schloss.

Mehrfach höre ich: "Es riecht nach Krieg. Er kann jederzeit zurückkommen." Andere wehren den Satz gereizt ab: "Das sagen jene, die es wünschen." Aber es stimmt nicht, ich höre es von den Perspektivlosen, Zermürbten. Sie fühlen, dass der Krieg noch wartet, bevor er sich ganz zurückzieht. Auch der Nachkrieg gehört ihm noch, und er drückt auf die Kehle.

In den Ruinen der ehemaligen Kaserne wuchern Bäume und Büsche. Hier irgendwo ist die Tochter meines Mitreisenden beim Abzug der Jugoslawischen Volksarmee umgekommen. (s. Freitag 44/2002). Eine Hündin springt in eine Fensterhöhle und wartet, bis ihre Jungen nachkommen. Eine französische SFOR-Einheit hat ein Gebäude so weit hergerichtet, dass es zum Quartier reicht. Jeeps kreuzen über geborstenen Beton. Auch die landwirtschaftliche Fakultät nutzt ein Gebäude in diesem morbiden Abseits.

Zurück auf die Ausfallstraße Zmaja od Bosne, die durchs "neue Sarajevo" mit seinen Hochhäusern führt und im Krieg in den internationalen Medien den Namen Snipers Alley bekam. Links die Ruine eines Gebäudekomplexes, den Roma in Besitz genommen haben. Ein kleines Dorf fast. In allen Etagen, denen die Außenwände fehlen, sind Erwachsene und Kinder zu sehen vor mit Decken verhangenen Unterkünften. Es war früher ein Altersheim, gerade vor dem Krieg gebaut.

Nicht weit entfernt glänzt eine der zahlreichen neuen Moscheen: Sie steht auf einer Wiese zwischen Wohnhäusern, mit Marmor verschalt, kantig. Ein Kulturzentrum ist angegliedert, hinter dem Zaun ein großer Springbrunnen, breite Freitreppen, still liegt die Anlage am Samstagvormittag da, die Eisengitter geschlossen. Dicht daneben ragen Hochhäuser auf mit ihren grob zugemauerten Einschusslöchern. Die Moschee trägt den Namen des Stifters König Fahd Bin Abdul Aziz Al Saud.

Mit diesen Moscheen dringt ein neuer Baustil nach Bosnien, den einheimische Architekten sehr kritisch sehen. Die eigene Tradition wird überdeckt. Der helle Kalkstein aus der Gegend ist abgemeldet, der den Frösten über Jahrhunderte standhielt, was dem Marmor kaum gelingen dürfte. Unzählige alte Moscheen sind im Krieg zerstört worden. Jetzt wird ein fremder protziger Stil importiert. Bosnien steht mit neuen Sakralbauten derzeit an der Weltspitze, in deren Zahl mischen sich sowohl Moscheen als auch katholische und orthodoxe Kirchen.

Überall blicken dazu von großen Wahlwänden Männer suggestiv herab:

"Es ist nicht unmöglich - EUROPA". So locken die Liberalen. Haris Silajdz?ic´, während des Krieges Premierminister Bosnien-Herzegowinas, wählt einen patriotischen Spruch, der die Ressentiments gegen die dominierenden Außenmächte, den sogenannten internationalen Faktor, aufnimmt: "Zusammenarbeit ja - Erniedrigung nein". - "Entschlossenheit und Vertrauen", fordert ein väterlicher Politiker ein, ohne die Richtung anzudeuten.

Die Stille der Landschaft versetzt Djordjo in Weißglut

Keine Pfosten, Pfähle an der Grenze zur Republika Srpska - sie ist nicht an amtlichen Zeichen auszumachen, sondern an Verkaufsständen und Kiosken. "Drüben" sind Lebensmittel billiger. Wer einmal wieder Schweinefleisch essen möchte, fährt hierher, in Sarajevo ist es nicht mehr zu bekommen. Aber es geht das Gerücht um, die Sachen seien hygienisch nicht einwandfrei. So besiegen manche ihre Begehrlichkeit und verzichten freiwillig. Hier rufen die größten Wahlplakate auf: "Wählen wir serbisch!" Und bald beginnen die schönen bewaldeten Berge, die 1984 bei der Winterolympiade die Welt begeisterten. Die Wege führen durch immer neue Täler mit breit schwingenden Wiesen, Bächen am Grund, einzelnen Bauernhäusern am Weg. Wenn Rauch aufsteigt, sie also nicht verlassen sind, scheint für Momente diese Welt im Einklang.

Für Djordjo S. ist das alles eine Provokation. "Sieh diese Ziegel, sie sind ungebrannt, aber halten 200 Jahre. Damit bauen sie, aber alle 20 Jahre schießen sie ihre Häuser zusammen", führt er an der Ruine eines Bauernhauses vor. In seiner Rede gibt es diese undefinierten "sie", die alle Absurdität, Egoismus und Gewalt bis hin zur Selbstzerstörung verkörpern. Er scheint "sie" vor sich zu sehen, gleichermaßen unter Serben, Muslimen, Kroaten, unter den einfachen Leuten, den Mächtigen, den Politikern der großen Staaten der Welt.

Die Landschaft hat ihn überwältigt. Aus einer serbischen Familie in Sarajevo stammend, wo er auch während des Krieges geblieben ist, hat er es sich abgewöhnt, in dieses Umland der Stadt zu fahren. Die Idiotie der Republika Srpska versetzt ihn in Weißglut, dieses "Nichts, aus dem nichts werden kann". Statt sich mit der Federacija (der muslimisch-kroatischen Föderation) zu verbinden, sich innerhalb der neuen staatlichen Strukturen zu entwickeln, so abstrus sie auch angelegt sein mögen, statt wie die Kroaten in den gemeinsamen Staatsgremien die eigenen Interessen zu vertreten, kapseln sich die bosnischen Serben ab, verkaufen billig ihren Boden in der Federacija, um sich in der Republika unter den eigenen Leuten zu sammeln.

Vielleicht fühlt er sich einfach im Stich gelassen? Denn Sarajevo entleert sich in einem stetigen, stillen Prozess von Serben. Die Abwanderung wird geleugnet, denn die Idee und der Anspruch eines multiethnischen Sarajevo werden nach Außen hin noch behauptet. Auch das gehört zu den Sarajevoer Lügen, die dort alle kennen. Djordjo selbst muss registrieren, wie er ohne Rückendeckung, ohne Lobby bleibt. In den vergangenen zehn Jahren hat er, der Theaterwissenschaftler, sein Geld als Dolmetscher bei verschiedenen UNO-Gremien verdient, die sich jetzt auflösen und der EU die Geschäfte übergeben. Es wird weniger Stellen geben. Seine letzte Arbeitswoche liegt vor ihm, dann völlige Ungewissheit.

Die braunen Friedhofsfelder sind weiß geworden. Statt der Holzstelen leuchtet Marmor. Fast alle Gräber sind aufwendig ausgestattet. Dazwischen einige vergessene mit den alten, langsam verrottenden und kippenden Holzstelen. Über das Motiv für diese Prachtentwicklung gibt es Spekulationen: Ist es die Form der Trauer? Sind es Trotz und Selbstbehauptung? Wird hier Familienprestige ausgedrückt?

Der Löwe ist von Schüssen beschädigt, seine gutmütige Würde ist ihm geblieben

Auf vielen muslimischen Gräbern findet sich jetzt ein Spruch aus dem Koran: "Und sagt nicht über jene, die auf Allahs Weg das Leben verloren haben, ›sie sind Tote‹. Nein, sie leben, nur ihr fühlt das nicht." Manchmal finden sich auch marmorne Fußbälle, Tennisschläger, Blumen. Für ihre Toten ohne Religion ordern die Familien heute oft schwarzen glatten Granit. So sieht auch das Grab des Dichters Izet Sarajlic´ aus, der im Mai d.J. starb. Es liegt an einem Hang unter dem großen steinernen Löwen, den ein Freiherr von Hess 1879 seinen "hier ruhenden Kameraden vom KK49 Infantrgmt" gewidmet hat. Der Löwe ist beschädigt, er diente Schützen aus den Bergen als Zielscheibe, seine gutmütige Würde ist ihm geblieben.

In der Nähe liegen verstreut auch einige steinerne Partisanengräber mit rotem Stern und Grabmäler für Wissenschaftler aus den fünfziger und sechziger Jahren. Nun ist auch dieser Hang voller Gräber, der einzige Ort, wo "alle zusammen liegen". Darunter breiten sich zwei alte, verwitterte städtische Friedhöfe aus, ein orthodoxer und ein katholischer. An sie schließt nun das muslimische "Kriegs-Gräberfeld" am Rand des Stadions an, in den harten Lehm gegraben, mit seinen jetzt weiß leuchtenden Reihen. Ein Abschnitt ist vorbereitet für künftige Gräber, eine saudische Stiftung, ganz mit Marmor bedeckt, die Tafeln noch ohne Aufschrift, aus den freien Rechtecken, die auf den Leichnam warten, wächst Gras.

(Die Reihe wird fortgesetzt)

(*) s. Marina Achenbach, Auf dem Weg nach Sarajevo, Elefanten Press Berlin 1994

00:00 15.11.2002

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