Monument des Sinkflugs

Ostwind Kolumne

Transkarpatien hat im 20. Jahrhundert sechs Mal die Staatszugehörigkeit gewechselt, gab Martin Leidenfrost in der dritten Folge seiner Osteuropa-Kolumne (Freitag 45/06) zu Protokoll. Heute sei Transkarpatien die westlichste Region der Ukraine und eine ideale Gegend, um Völker zu sammeln: Huzulen, Ungarn, Rusinen, Rumänen oder Polen, die alle dort siedeln und vielleicht auch eine Erklärung dafür sind, dass in Transkarpatien eigentlich das Zentrum Europas liegen soll. Mit dem IV. Teil seiner Szenen aus den randständigen Gegenden im Osten hat es Leidenfrost wieder in die Slowakei verschlagen: zu Rastislav Stefánik, einem Nationalhelden, der den Staat, den er begründen half, nie kennen lernte.

Er hatte etwas Romantisches, Geheimnisvolles, Ritterliches an sich, schwärmte die Marquise. Er zog rastlos durch die Fremde, kämpfte im Exil für sein Land und starb, als das Ziel erreicht war. Er starb im Moment der Rückkehr, am 4. Mai 1919, sein Flugzeug ist abgestürzt. Warum, weiß bis heute niemand.

Milan Rastislav Stefánik hatte mit den Tschechen Tomás Masaryk und Edvard Benes die Tschechoslowakei gegründet, und die widmete dem "größten Slowaken aller Zeiten" zwei zentrale Denkmäler: eine monumentale Grabstätte auf dem Berg Bradlo, bei Stefániks Geburtsort, und eine trostlose Gedenkstätte bei Bratislava, an der Absturzstelle.

Die schönste Ehrung hat Stefánik freilich von denen erfahren, die den Flughafen der nunmehrigen Hauptstadt Bratislava nach ihm benannten - exakt auf jenem Gelände ist er abgestürzt. Heute ein kleiner Flughafen, von dem ausschließlich Billigflieger starten, die slowakische Arbeitsmigranten nach England und Touristen ins nahe Wien bringen. Groß ist nur sein Name. Wo hat schon eine Nation die hintergründige Nonchalance aufgebracht, ihren führenden Airport einem Abgestürzten zu weihen?

Stefánik war Pilot, General und Politiker, ursprünglich auch Astronom. Er nahm die französische Staatsbürgerschaft an, erforschte die Welt in Expeditionen, und als er Tahiti sah, wäre er gern dort geblieben.

Der Marquise Giuliana Benzoni wurde er während des Ersten Weltkriegs vorgestellt, in einem römischen Salon. Er hatte noch nicht einmal ihren Namen verstanden, da bestand er schon darauf, sie am nächsten Morgen wiederzusehen. Die Marquise erschien in Begleitung einer Anstandsdame. Stefánik ließ ihr einen Ring überreichen und fügte mit seinem slawischen Akzent hinzu: "Diesen Ring trage ich immer bei mir, für die Frau, die an meiner Seite stehen und die Partnerin meines Lebens wird." Die Marquise rang nach Worten. Schließlich fragte sie den jungen Mann, wie er denn eigentlich heiße. "Stefánik - ich dachte, das wüssten Sie. Aber ich weiß gleichfalls nichts über Sie." Minuten später waren die beiden verlobt.

Stefánik starb aus Italien kommend, in einem italienischen Flugzeug, als Kriegsminister eines Staates, den er auf diese Weise erstmals betrat. All die Jahrzehnte danach ist die Marquise zu seinem Grab hinaufgefahren. 1948 wurden ihre Besuche von der kommunistischen Regierung verboten - der Antikommunist Stefánik war verfemt -, während des Prager Frühlings durfte sie ein letztes Mal hinauf.

Die Grabstätte liegt etwa 80 Kilometer von der Absturzstelle entfernt, am Nordrand der Kleinen Karpaten, in einer sanftgebirgigen protestantischen Enklave. Auch Stefánik war evangelisch, geboren als sechstes von zwölf Pfarrerskindern. Einst eine Weihestätte des "Tschechoslowakismus", ist die massive Anlage auf dem Bradlo immerhin noch ein Ausflugsziel für Familien. Dort oben werden im Sommer Eis und Andenken verkauft, von einem gewieften älteren Männlein, das jedes Mal aus dem kleinen Büffet herausläuft, wenn ein weiteres Auto auf dem Parkplatz ankommt. Er knöpft den Ankommenden 20 Kronen ab, den kleinsten Schein, die übliche Parkgebühr, eilt zurück und zieht weiter Eis aus seiner Truhe. Parkplatz und Büffet sind ohne Alternative, ein süßeres Monopol lässt sich nicht denken.

Die Grabanlage selbst ist auf drei Ebenen errichtet, von schweren Steinquadern umfasst, und erinnert an die Tempelbezirke versunkener Kulturen. Die Stimmung ist weniger gravitätisch und himmelstürmend, als sich der Architekt das gedacht hat. Am höchsten erreichbaren Punkt laufen kleine Kinder im Rechteck um den steinernen Sarkophag herum. Nur selten läuft eine Mutter hinterher. Gewiss würden auch welche auf dem Sarkophag tanzen, wenn er nicht zu hoch wäre; heilig ist hier nichts. Dabei mangelt es den Slowaken an Nationalhelden. Die in Frage kommenden Kandidaten sind meist belastet oder unbekannt, und letztlich bietet sich nur Stefánik an: Er starb früh genug, im Alter von 38, an ihm kann sich die nationale Phantasie entzünden.

Dass auch der Stefánik-Kult ratlos geworden ist, zeigt sich an der Absturzstelle. Ich bin zu Fuß dorthin gewandert, vom Dorf Ivanka pri Dunají, über eine lange Landstraße, die rechts von einem hohen Zaun begrenzt wird. Eine rostige alte Tafel warnt auf Slowakisch, Russisch, Englisch und Deutsch: "Objekt des Flughafens. Eintritt streng verboten. Übertretung wird bestraft."

Kurz vor der Gedenkstätte eine weitere Tafel, diesmal nur auf Slowakisch: "Müllausstreuen verboten", dann eine kurze Allee, dann eine kleine graue Pyramide mit einer kleinen grauen Gedenktafel davor. Links und rechts haben sich mannshohe Sträucher entfaltet, die mit den roten Beeren, die zu essen Mama verboten hat.

In andächtiger Distanz ist eine aus Beton gegossene Sitzbank bereitgestellt. Sie verwittert ungenutzt. Ein Radfahrer hält kurz und fährt weiter; hinter der Allee hält eine Familie ein herbstliches Picknick im offenen Wagen; ab und an Fluglärm von der Landepiste, Ryan Air oder Sky Europe.

Warum Stefániks Flugzeug 1919 abgestürzt ist, wurde nie geklärt. Die biederste aller Theorien erklärt das Flugmaterial für unzuverlässig, immerhin sei der Sohn des Konstrukteurs im selben Modell verunglückt. Eine beliebte Version besagt, die tschechoslowakische Flak habe das Flugzeug abgeschossen, weil sie das italienische mit dem ungarischen Hoheitszeichen verwechselt habe - und mit Ungarn hätten damals noch Feindseligkeiten bestanden.

Auch von Selbstmord ist die Rede: Stefánik habe vielleicht sein Magenleiden nicht mehr ertragen, habe unter dem Misserfolg seiner antibolschewistischen Mission in Sibirien gelitten. Da Stefánik mit seinem tschechischen Rivalen Benes in Konflikt stand, wird oft von einer politischen Verschwörung geraunt. Ein Augenzeuge will gesehen haben, wie der noch lebende Stefánik in einem schwarzen Wagen weggebracht wurde - vorher hätten ihm die tschechischen Kerle allerdings noch die Uhr abgenommen.

Unter all den Theorien, die auf ein tschechisches Komplott abzielen, ist die unglaubwürdigste die schönste: Da seine geliebte Marquise eine Angehörige des italienischen Königshauses war, habe Stefánik ein ebenso geheimes wie umwälzendes Projekt verfolgt: sich zum König der Slowakei zu krönen.


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00:00 24.11.2006

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