Motivwechsel

Moria Alea Horst ist Hochzeitsfotografin, gleichzeitig reist sie in Krisengebiete und dokumentiert humanitäre Abgründe. Auf Facebook postet sie Bilder aus Lesbos

Auf einem Lidl-Parkplatz unweit des abgebrannten Lagers Moria auf der Insel Lesbos. Ein Mädchen hyperventiliert, scheint nicht ansprechbar. Überall erschöpfte Menschen in der Mittagshitze, denen nichts übrig bleibt, als darauf zu warten, dass doch noch Hilfe kommt. Hilfe, an die Geflüchtete geglaubt haben, als sie Geschichten eines Europa hörten, in dem es ein Asylrecht gibt, das alle Schutzsuchenden würdevoll behandelt. Diese Hilfe blieb aus in den langen Tagen, die keinerlei Verbesserung brachten, bis die Menschen dann vor Kurzem in ein neues Lager mussten. Auf einen ehemaligen Schießplatz der griechischen Truppen, ohne Duschen und mit 30 Dixi-Toiletten.

Das Video, das Alea Horst in den Tagen nach dem Brand im September auf Facebook postet, ist verwackelt, ihre Stimme klingt bestürzt. Auf anderen Beiträgen sind ins Leere starrende Kinder zu sehen, Schwangere, die seit dem Brand keine Kindsbewegungen mehr spüren, Männer mit angeschossenen Beinen, Jugendliche mit eiternden Verbrennungswunden – vergessen vom Rest der Welt.

Alea Horst ist keine Journalistin, sondern Hochzeits- und Familienfotografin aus einem beschaulichen Dorf bei Frankfurt am Main. „Ende 2015 haben wir alle diese Bilder von völlig erschöpften Menschen gesehen, die mit Flüchtlingsschiffen kamen. Da wusste ich, ich muss hier Hilfe leisten“, sagt sie. Silvester flog sie auf die griechische Insel. „Kurz darauf habe ich Menschen am Strand empfangen, im bitterkalten Januar, die dann draußen auf dem Asphalt schlafen mussten. Ein Kind ist damals erfroren.“

Die 38-Jährige dokumentiert, wie Menschen auf einem Straßenabschnitt in Europa eingekesselt und sich selbst überlassen werden. Wie durstige Menschen keinen anderen Weg mehr sehen, als Abwasserableitungen anzuzapfen. Es wäre vermeidbar gewesen. Hilfsorganisationen vor Ort schilderten Tag für Tag, wie sie von der Polizei sowie rassistischen Gruppen daran gehindert wurden, die Obdachlosen mit dem Nötigsten zu versorgen und medizinisch zu betreuen. Nur in wenigen Ausnahmen, sagt Alea Horst, hätten Einzelpersonen Zutritt zu dem abgeriegelten Straßenabschnitt bekommen, auf dem mehr als 6.000 Kinder und Jugendliche ausharren mussten. Sie war eine dieser Personen.

Als sie in der Nacht vom 9. September in Deutschland von den Flammen im Lager Moria erfährt, bucht sie sofort einen Flug. Einige Stunden später ist sie vor Ort, will wieder helfen. Weil überall Assistenten fehlen, kann sie den Notfallmediziner Gerhard Trabert bei Krankenbesuchen begleiten, sich Zugang verschaffen. Sie erhält Einblicke, die anderen verwehrt bleiben. In den Tagen nach dem Brand in Moria kauft sie Medikamente im Wert von mehreren Tausend Euro, wartet immer wieder stundenlang – ihr Auto randvoll mit Nahrungsmitteln beladen –, bis sie passieren darf. Sie sieht Babys mit Rauchvergiftungen, hört, wie sehr es Menschen verletzt, dass die politischen Diskussionen von der Frage beeinflusst sind, ob Lagerbewohner selbst die Feuer gelegt haben könnten. „Wenn ein Hochhaus brennt, in dem Tausende Menschen wohnen, rettet man doch zuallererst die Menschen, unabhängig davon, ob sich darunter auch Brandstifter befinden könnten“, sagt sie.

Während sie von frühmorgens bis in die Nacht Nothilfe leistet, geht sie auch ihrem eigentlichen Beruf nach: Sie fotografiert. Ihre Bilder dokumentieren Zustände, die weit entfernt sind von denen, die sie sonst abbildet: glücklich heiratende Paare, strahlende Familien. Menschen, die sich das Ja-Wort gegeben haben, in einer Welt, in der es um Instagram-tauglichen Blumenschmuck geht. Fast 6.000 Menschen haben die private Facebook-Seite von Alea Horst mittlerweile abonniert. Ihre täglichen Beiträge von der Lage auf Lesbos lesen sich wie eine Chronik der Untätigkeit Europas. Sie erzählen aber auch die Geschichte all jener Menschen, die sonst anonym bleiben würden. Manche von ihnen kennt Alea Horst von früheren Aufenthalten auf Lesbos. „Ich musste Familien zusammenpferchen wie Tiere, damit so viele wie möglich in den Containern schlafen konnten und nicht draußen liegen mussten. Wenn die Kapazität erreicht war, kontrollierte ich im Januar schlafende Kinder auf dem Betonboden“, sagt sie. Seit dieser Zeit vertrauen ihr die Geflüchteten auf Lesbos. „Es hat mal eine Frau zu mir gesagt, dass ich nicht über die Menschen, sondern aus den Menschen heraus berichten würde. Teils habe ich hier schon Fotografen beobachtet, die auf Motivjagd ruppig in die Privatsphäre verzweifelter Menschen eindrangen.“

Abdulkarim, Mitte 20, kennt Alea Horst schon länger. Er wollte in Syrien nicht für die Armee kämpfen und ist geflohen. Auf der Flucht hat man ihm in den Rücken geschossen, seitdem ist er querschnittsgelähmt. Hätten Weggefährten ihn nicht gerettet, wäre er an der Grenze verblutet. In der Nacht, in der das Lager in Flammen steht, weiß niemand, wo sich Abdulkarim aufhält. Er kann sich nur schwerlich selbst fortbewegen, wäre eigentlich auf intensive Pflege angewiesen, die er im Lager Moria aber nie erhalten hat. Am Tag nach dem Brand entdeckt ihn eine andere Helferin, nach langer Suche in einem Igluzelt auf der Straße. Sein Zustand: besorgniserregend.

Bisswunden von Ratten

Der mittlerweile prominente deutsche Arzt Gerhard Trabert hatte an Abdulkarims Füßen zuletzt Bisswunden von Ratten und hohes Fieber festgestellt und in einem medizinischen Bericht an den Europäischen Gerichtshof dargelegt, warum der schwerbehinderte Mann, der zudem Anzeichen starker Depressionen zeige, an diesem Ort nicht annähernd medizinisch betreut werden könne. Ein weiteres Telefonat, Ende September, muss Alea Horst kurzfristig verschieben. Es würden nun die Menschen mit Behinderung von der Polizei geräumt. Sie schreibt „geräumt“, weil es wohl genau so ablief: „Die Räumung auf der Straße begann mit schreienden Kindern, die in Panik ausbrachen. Auch bei dieser Aktion ist Tränengas eingesetzt worden. Bis in die Zelte hinein, in denen noch Menschen lagen. „Hoch bewaffnetes Polizeiaufgebot traf auf Menschen, die nach dem Feuer und tagelangen Entbehrungen nur müde waren.“ Alea Horst war auf der Sea-Eye und für SOS-Kinderdörfer unterwegs. Es falle ihr immer schwerer, nach Hause zurückzukehren, sie gehe Aufträgen nach, um schnell wieder nach Lesbos zu kommen. „Es ist vor allem das Achselzucken, das ich in Deutschland feststelle. Mal einen traurigen Emoji unter einen Post gesetzt und damit ist der Widerstand erledigt.“ Es sei vielen die Bodenhaftung verloren gegangen: „Ich denke etwa an die Toilettenpapierpanik, während es in Moria nicht annähernd genügend Toiletten gibt.“

Als die meisten Journalist*innen längst schon abgereist waren, ist Alea Horst geblieben. Bis unerwartet eine Ausnahmeregelung durchgesetzt werden konnte: Abdulkarim und fünf weitere Schwerbehinderte sind nun in einer Wohnung untergebracht. Die Kosten für die ersten beiden Nächte hat Alea Horst beglichen, dann fand sie eine Hilfsorganisation. Das neue Camp für die Geflüchteten steht unmittelbar am Meer, es wird bald kalt und nass werden, dazu die starken Winde. Jede Nacht auf dem Steinboden. „Vor der Nässe schützt auch kein teurer Schlafsack. Den hier sowieso keiner hat.“

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06:00 28.10.2020

Ausgabe 48/2020

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