Mutters kurze Beine

Alltag I Wie schnell vergeht die Zeit? Betrachtungen zum Jahresende

Raum und Zeit sind Dimensionen, die miteinander kommunizieren. Nun weiß man zwar über das Kommunikationsverhalten von Dimensionen wenig, aber es gibt Zusammenhänge, die ins Gewicht fallen. Zum Leidwesen vieler Menschen werden beispielsweise die Räume größer, wenn die Zeit knapp ist. Sie folgen mir nicht? Oh doch, warten Sie ab: Wenn Sie eine Dreiviertelstunde zu früh dran sind, können sie gemütlich die Berliner Friedrichstraße entlang schlendern. Sie trödeln mit großer Anstrengung, betrachten Schaufenster-Auslagen, beobachten Ehe- und Familienszenen, die Sie nichts angehen, bleiben schließlich vor einem Juwelier stehen. Die Uhren sind sich einig: Es sind gerade mal ein paar Minuten vergangen.

Als ich neulich mit meiner Mutter in die Oper wollte, mussten wir die Friedrichstraße herunter eilen, weil wir zehn Minuten zu spät waren. Auf einmal verlängerte sich der Weg nicht nur auf ungewöhnliche Weise, auch die Zeiger der Uhren begannen zu rasen, und was das schlimmste war: die Beine meiner Mutter verkürzten sich. Plötzlich konnte sie nicht mehr mithalten und musste zwischendurch immer mal ein paar kleine Laufschritte einlegen. Das war uns früher nie passiert und handelte mir böse Blicke von Passanten ein. Was hetzt der Schnösel die Dame so?

Natürlich lässt sich dieses Phänomen noch steigern. Vor allem das damit verbundene Unglück. Ich kenne eine zuverlässige Methode, sie heißt 30/20 und geht so: Man hat einen Termin am anderen Ende Berlins und kalkuliert - wie immer in dieser Stadt - 30 Minuten für jeden Weg ein. Das ist oft reichlich knapp. Nun beschließt man, das Ganze sportlich zu nehmen: Was man in einer halben Stunde schafft, geht doch auch locker in 20 Minuten, oder? So kommt die Verfahrensweise zu ihrem Namen: 30/20.

Auch wenn ich sonst kein Freund von Verschwörungstheorien bin, glauben Sie mir, mit der 30/20-Methode ruft man regelmäßig weitverzweigte Verschwörungen auf den Plan. Sämtliche Ampeln schalten auf Rot. Werden sie grün (die Ampeln), fährt niemand los. Überhaupt verlangsamt sich das Reaktionsvermögen der anderen Verkehrsteilnehmer in einer bedrückenden Weise. Plötzlich parken alle in der zweiten Reihe, Menschen mit Drei-Buchstaben-Nummernschildern wie MTK oder MOL vergessen unbeschwert ihre Herkunft und versuchen am großen Stern die Spuren zu wechseln, so wie es ihnen gefällt. Und aus heiterem Himmel sind Bauarbeiter auch am Freitagnachmittag um fünf (!) noch mit ihren Baumaschinen unterwegs. Das glauben die doch selber nicht! Und Gott - falls es ihn gibt - lässt alles das zu. Die 30/20 -Methode macht aus dynamischen Großstädtern gescheiterte Nervenbündel und funktioniert auch für Radfahrer, Fußgänger und S-Bahn-Benutzer. Ich sage nur: Regen oder Gegenwind, unbequeme Schuhe und Pendelverkehr. Manchmal gibt es auch Blitzeis für alle.


Die Zeit ist launisch. Mal vergeht sie schnell, mal langsam, meistens so, wie es gerade nicht passt. Warum zum Beispiel rast die Zeit, ausgerechnet wenn ich im Badezimmer bin? Ich verschwinde für fünfzehn Minuten im Bad - Waschen, Zähneputzen, Rasieren - jedes Kind weiß, dass diese Dinge bequem in einer Viertelstunde zu erledigen sind. Nur wenn ICH im Bad bin, vergeht die Zeit plötzlich schneller. Trete ich gut gelaunt und wohlriechend wieder auf den Flur, sind mindestens 50 Minuten vergangen. Der Partner ist verstimmt, die Zeit für die Einkäufe noch knapper als sonst. Und an Werktagen scheint der Autoverkehr die durch meinen Aufenthalt im Badezimmer gewonnene Zeit zu nutzen, um sich auf der Stadtautobahn zu stauen.

Seit Jahren frage ich mich, ob die Zeit, in der ich mich mit meiner Morgentoilette beschäftige, wohl für alle Menschen schneller vergeht. Mein Partner, der gute Mensch, behauptet, das Gegenteil sei der Fall. Wenn er auf mich warten müsse, gerinne die Zeit zu zähem Kleister. Er könne sich vorstellen, in der Ewigkeit zwischen meinem Verschwinden und Wiederauftauchen im Rahmen der Badezimmertür mühelos die ganze Wohnung zu renovieren. Allmählich frage ich mich, warum er es dann nicht tut. Wir stellen fest, dass die Zeit, auch wenn sie auf sich gestellt ist - also sozusagen ohne Raum - dazu neigt sich selbständig zu machen.


Man kann auch versuchen, die Verlangsamung der Zeit künstlich herbeizuführen. Ein weitverbreitetes Verfahren, das (angeblich!) nach einem einfachen Schema funktioniert, heißt: je weniger passiert, desto langsamer verrinnt die Zeit. Strandurlaub ist so eine Methode. Vergessen Sie´s. Auch wenn am Strand wenig passiert, ist der Urlaub doch ruckzuck vorbei. Außer Sonnenbrand und Langeweile kommt nichts dabei heraus.

Mein Vater versucht es auch mit der "Je-weniger-passiert"-Methode. Er benötigt drei Stunden fürs Studium der Lokalzeitung. Junge Menschen hätten die Textmenge, die drin steht, in dieser Zeit spielend auswendig gelernt und obendrein noch etwas Hübsches aus dem Blatt gebastelt. Hinterher weiß mein Vater nicht, was er gelesen hat. Sogar die Todesanzeigen vergisst er gleich wieder, aber das kann andere Gründe haben.

Während Menschen, die jünger sind, immer fürchten, zu wenig Zeit zu haben, verhält es sich bei ihm vielleicht anders. Er ist Rentner und hat wenig vor. Wahrscheinlich ist es gar nicht so einfach, die Zeit zwischen den Mahlzeiten zu überbrücken. Manchmal habe ich den Eindruck, bei ihm hätte die Zeit im letzten Lebensdrittel wieder einen Gang runtergeschaltet. Das lässt hoffen. Andererseits scheinen auch viele Rentner mit der Zeit überhaupt nicht zurecht zu kommen. Sie nehmen sich extra für jeden Tag nur eine Besorgung vor. Aber sie haben ein psychologisches Problem: Weil sie insgesamt weniger Zeit vor sich haben, ist ihnen die Zeit selbst dann noch knapp, wenn sie eigentlich genug davon haben - sie fliegt ihnen davon. Daher die tapferen Senioren, die abgekämpft 15 Minuten vor Ladenschluss den Supermarkt betreten und den Rückgabeapparat fürs Leergut blockieren. Sie haben es wirklich nicht früher geschafft, wir müssen ihnen glauben.


Wie ich neulich lesen musste, haben empirische Untersuchungen ergeben, dass die gefühlte Lebensmitte der meisten Menschen bei 18 Jahren liegt. Bei 18. Wissen Sie noch, was für eine Frisur Sie hatten, als Sie 18 waren? Nicht? Glück gehabt!

Ein Zeitforscher begründete die gefühlte Lebensmitte, die er herausgefunden hatte, so: in der Phase des Erwachsenwerdens machten wir wichtige Erfahrungen, die uns für unser Leben prägten. Deshalb komme uns die Zeit der Pubertät im Nachhinein als besonders lang vor. Aha. Die ganzen ersten Male (Vollrausch, Pille, Sex, Autounfall) wiegen also schwer. Vielleicht könnte man seine gefühlte Lebensmitte in ein vorteilhafteres Alter verschieben, wenn man auch jetzt noch neue Dinge ausprobierte und wichtige Erfahrungen machte. Es müssen ja nicht gleich abseitige Sexualpraktiken oder Drogen sein. Aber meinetwegen Haferflocken mit Senf zum Frühstück, ein Auto mit peinlichen Spoilern, FKK-Bunjeejumping oder ein Lottogewinn. Man sollte es mal probieren. Vielleicht im Jahr 2006?


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00:00 23.12.2005

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