Nach der Erinnerung

Dokumentarfilm In kritischer Sympathie verhandelt Jochen Hicks „Ost-Komplex“ eine DDR-Opfer-Geschichte

Der Film heißt eben nicht Die Mario-Röllig-Story. Und als Geschenk zur Distinktion läuft ihm mittendrin ein anderes Drehteam ins Bild, in Berlin-Hohenschönhausen, wo Röllig 1988 drei Monate als politischer Häftling inhaftiert war. Der rasende Reporter schnurrt die Triggerwörter runter: „klassischer Staatsfeind Nr. 1“, „plötzlich Investmentkapital“, „kurzerhand an die BRD verkauft“. Das Opfer soll sich in der ehemaligen Zelle auf seinen Stuhl setzen und sich in sein Bett legen, um zu erzählen, wie schlimm es war. Röllig schlägt die Augen nieder und sagt: Das ist mir unangenehm.

Und Jochen Hicks Film, der Der Ost-Komplex heißt, setzt einen Schnitt und führt seinen Protagonisten vom Stasiknast in eine Demo vor dem Laden der Jungen Welt, wo Egon Krenz aus seinem Buch liest und „Unrechtsstaat“ auf die DDR bezogen einen Schmähbegriff nennt, während Röllig, Vera Lengsfeld und andere an das „größte Gefängnis der Welt“ erinnern wollen. Immer wieder platzt der Film in solche Situationen, wenn er Röllig begleitet. Wo das Komplexgebiet anfängt, wusste C. G. Jung, hört die Freiheit des Ichs auf.

Die Mario-Röllig-Story wird im Film nebenher im Schnelldurchlauf erzählt, in kurzen Sequenzen, in denen Rölligs in Tausenden von Vorträgen eingeschliffene Aussagen demonstrativ überblendet werden: Coming-out mit 17, im Urlaub in Budapest einen über 40-jährigen Mann kennengelernt, der ihn ins Hilton einlädt und sich als Westpolitiker entpuppt. Der mit diesem nicht abgesprochene Fluchtversuch endet kurz vor der jugoslawischen Grenze. Die Stasi möchte den jungen Mann mit den guten Kontakten gern zum Berichteschreiben animieren, verkauft ihn aber 1988 an die BRD. Röllig wird Verkäufer im KaDeWe, ist bis zur Maueröffnung glücklich, dann sieht er seine Peiniger und Denunzianten wieder, „das ganze Lumpenpack“; der schlimmste Vernehmer kauft bei ihm für 1.500 DM Havannazigarren und nennt ihn einen Verbrecher. Zusammenbruch, Depression, ein Selbstmordversuch.

Homophobie bei der CDU

Heute gehört Röllig zu den meistgefragten Stasi-Opfer-Zeitzeugen, spricht in Schulen, auf CDU-Parteitagen, zum Gedenken und in Diskussionen, er führt durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Der Film kommt rum mit Röllig, Regisseur Hick bietet die Steilvorlage: „Du bist ja so viel unterwegs wie ein Montage-Arbeiter!“ Ja, klar – er demontiere ja auch die DDR.

Mario Röllig ist schwul, er verknüpft in jedem Vortrag seine Flucht aus Liebe in pinkfarbenen Socken und schwarzen Lackschuhen mit dem Trauma der Inhaftierung. Als kriminell galt man zwar nicht, aber zum Lebensmodell des Sozialismus hat man nicht gepasst, suspekt sei man gewesen, die Eltern haben sich natürlich eine „ordentliche Schwiegertochter“ gewünscht. Genau in solchen Momenten nickt der schwule Filmemacher Hick nicht ab, sondern hakt bei Rölligs Eltern nach: Was ist denn eine ordentliche Schwiegertochter? Und dann kommt es, das Lebensmodell des Sozialismus – eine hübsche, arbeitsame, saubere, ordentliche, zugängliche natürlich.

Und dann, auf der CDU-Veranstaltung in Dortmund (Röllig ist Mitglied und freut sich über Jens Spahn), biegt der Film ab zu den alten Mitgliedern, die beim Pils offenherzig befinden, dass Homosexuelle keine gesunden Kinder aufziehen können. Hier führt Der Ost-Komplex zu den Sackgassen in Rölligs Lebensvortrag: Was macht ein Schwuler in der CDU, was ein Empfänger von Transferleistungen in der Fankurve des Kapitalismus? Der queere Blick des Films stellt sich scharf am schwulen Leistungsträger, der sich mit Haut und Haar dem nächsten System verschreibt und – auch das eine Transferleistung – nicht über Homophobie bei der CDU reden möchte.

Auf seinen Vortragsreisen ist Röllig immer auf Gayromeo unterwegs. Er checkt seinen Marktwert. Die Schüler, die mit verschränkten Armen im Klassenzimmer sitzen, wenn die Direktorin Kästner zitiert, haben T-Shirts mit „Do it fast“-Aufdruck und fragen, wie es kommt, dass sich ein 17-Jähriger aus der DDR in einen Politiker verlieben konnte. Bringt es was, für einen Mann mit Familie und Doppelleben sein eigenes zu riskieren? Der Film stellt Röllig diese Frage nicht. Er fragt ihn, ob er seinen Verführer damals sexy fand, den Agenten des Kapitalismus, den „Macher-Typen“. Ja, wie im Denver-Clan. Und jetzt ist Röllig selbst über 40 und steht auf Jüngere.

Der Zeitzeuge ist der schlimmste Feind des Historikers, sagt ein befreundeter Lehrer im Film. Man kann ihn nicht widerlegen. Wenn Autonome, Altlinke, Politiker und Demonstranten Widerstand und wahren Kommunismus fordern, sagt Röllig: Ich saß ohne Urteil im Knast. Wenn Kurt Biedenkopf zum Mauergedenken in den USA sagt, Neonazis seien in Deutschland ohne politische Bedeutung, sagt Röllig: Mein Vater nennt vietnamesische Verkäufer immer noch Fidschis. Wenn der schwule Linken-Politiker Klaus Lederer bei der prominent angeführten Liebknecht-Luxemburg-Demonstration den Gegendemonstranten Röllig begrüßt, sagen die anderen Stasi-Opfer: Wie kannst du nur mit dem reden.

Mario Röllig hat sein Leben riskiert. Seine Opfer-Erzählung schreibt der Film aber bei aller Sympathie nicht mit, folgt ihr lieber mit Abstand und bleibt in den Kampfzonen hängen. Er zeigt Nachbilder von den Vortragsorten, leere Schulhallen und Sendestudios, plötzlich still nach den Zusammenstößen so unterschiedlich Erinnernder. Es wird durchgewischt. Und die Erzählungen von Schwulen und Geflüchteten werden woanders weitererzählt.

Info

Der Ost-Komplex Jochen Hick D 2016, 90 Min. In Berlin ab 10. November, im Land ab 19. Januar

06:00 23.11.2016

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