Nachschub über die Seidenstraße

Zweckgemeinschaft Die Annäherung der NATO an Moskau kurz vor dem Gipfel der Allianz in Lissabon hat auch mit den gestörten ­Transportrouten über Pakistan nach ­Afghanistan zu tun

Wer würde von einer ­eurasischen NATO geschützt? Gegen wen wäre sie gerichtet?

Staunend schaut die Welt auf die Tuchfühlung zwischen der westlichen Allianz und Russland. Von strategischem Reset ist die Rede, das mit Barack Obama in die Politik gekommen sei. Präsident Medwedjews Vorschlag für eine „Neue europäische Sicherheitsarchitektur“ erscheint der NATO plötzlich „erwägenswert“, nachdem ähnliche Vorstöße bisher kaum beachtet wurden. Wenn auf „neue Bedrohungen“ durch ein Raketenabwehrsystem reagiert wird, soll auch Russland dabei sein. Dmitri Medwedjew hat die Offerte zur Kooperation angenommen und reist zum NATO-Gipfel am 19./20. November nach Lissabon.

Wie ist diese Nähe zu erklären? Was seit dem Georgen-Krieg vom August 2008 ins Licht der Öffentlichkeit gerät, nennt sich Northern Distribution Network (NDN) und meint die Infrastruktur für den Nachschub der in Afghanistan unter US-Befehl eingesetzten NATO-Verbände. Die beiden Versorgungstrassen durch das nördliche Eurasien sind seit 2006 in Planung – eine Route führt von Riga aus durch das nördliche Russland bis Usbekistan (wahlweise auch durch Kirgistan oder Tadschikistan) und danach ins nördliche Afghanistan. Die andere Verbindung passiert Georgien, Aserbaidschan und damit den seit Auflösung der Sowjetunion entstandenen „südlichen Korridor“, auch Neue Seidenstraße geheißen. Deren letzte Ausfahrt führt ebenfalls nach Afghanistan. Weil aber die Fracht zwischenzeitlich von Überlandtrucks auf Schiffe umgeladen werden muss, gilt diese Route als wenig attraktiv. Unterhalten wird sie dennoch, um nicht zu sehr auf das Transitland Russland angewiesen zu bleiben.

Dominanz in Eurasien

Diese Versorgungsadern ersetzen frühere Trassen durch Pakistan, die kaum noch genutzt werden können, seit sich Provinzen entlang des Weges in Konfliktzonen verwandeln und NATO-Konvois bevorzugt angegriffen werden. Folglich sind Ausweichpisten gefragt, um ungehindert Ausrüstung und Kraftstoff, aber auch Versorgungsgüter für derzeit mehr als 100.000 ISAF-Soldaten transportieren zu können.

Sollte eine Verlagerung der Routen dazu führen, dass es Kampfhandlungen jenseits der afghanischen Nordgrenze bis in den zentralasiatischen Raum hinein gibt (wie sich der afghanische Krieg auch nach Pakistan hineingefressen hat), ist das vermutlich gewollt. Die USA dürften gegen Einfluss und Dominanz in Eurasien nichts einzuwenden haben.

Es sei hier nur an Brzezinskis epochales Buch Die einzige Weltmacht erinnert, mit dem eine solche Strategie im Interesse von US-Hegemonie befürwortet wird. Brzezinski war es auch, der nach dem Irak-Desaster dazu aufforderte, die US-Politik künftig auf Afghanistan, Pakistan und Zentralasien zu konzentrieren und dort Allianzen anzustreben, ohne Russland aus den Augen zu verlieren.

In einer Verlautbarung des Center for Strategic International Studies (CSIS), einer der einflussreichsten konservativen Denkfabriken in den USA, wird Klartext zum Projekt Northern Distribution Network geredet: „Während das Motiv für neue Versorgungslinien in den unmittelbaren militärischen Anforderungen liegt, bietet deren Aufbau dessen ungeachtet eine einzigartige Möglichkeit, langfristige Ziele zu verfolgen.“ Die Obama-Administration dürfte sich dessen voll und ganz bewusst sein.

Für General David Petraeus, Oberkommandierender der US Forces Afghanistan und der ISAF, „wird aus dem militärischen Versorgungsnetz die Vision eine Struktur für einen transeurasischen Handel, der Wohlstand und Stabilität nach Zentralasien bringt.“ Einflussnahme und Entwicklungshilfe über den Katalysator Afghanistan-Nachschub?

Die Amerikaner hoffen, das russische Territorium „nachhaltig“ zu durchdringen und mit einem Kordon von den USA abhängiger Staaten zu umgeben. Brzezinski schrieb in der New York Times vom 19. August 2009 von einer NATO, die zwar „noch nicht Weltregierung“, aber schon jetzt der Angelpunkt einer globalen Vernetzung regionaler Sicherheitsnetze sein könne.

Das kleinere Übel

Moskau hatte 2008 beim Georgien-Konflikt unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass es keineswegs bereit sei, weitere Einkreisungen durch die NATO hinzunehmen. Vom atlantischen Bündnis wurde das russische Veto gegen eine weitere NATO-Aufstockung um Georgien und die Ukraine verstanden und angenommen. Es wird vorerst keine Erweiterungsrunden im Kaukasus und in Osteuropa mehr geben. Stattdessen ein die Russische Föderation durchziehendes Versorgungsnetz der NATO? Und das mit dem Einverständnis Medwedjews?

Im Sommer 2009 unterzeichnete der mit Barack Obama während eines russisch–amerikanischen Gipfels – von der Öffentlichkeit bei all dem Abrüstungsgeklingel kaum wahrgenommen – einen militärischen Transitvertrag, der nicht nur Routen über Land, sondern auch Überflug-Rechte garantiert. Das Abkommen erlaubt den Transport von Soldaten wie auch militärischem Equipment zu Lande. Auch Flüge amerikanischer Transportmaschinen mit zivilen Versorgungsgütern, die im Übrigen während des Georgien-Kriegs nie unterbrochen waren, sollen fortgesetzt werden.

Was verspricht sich Russland von solch konzilianten Gesten? Eine bessere wirtschaftliche Infrastruktur? Häfen, Handelsvorteile, Steuereinnahmen? Modernisierungshilfe? Sicher spielen solche Motive eine Rolle – eine andere, ebenfalls plausible Erklärung liefert Kamer Zabulow, bis 2008 Moskaus Botschafter in Kabul: „Es liegt nicht in unserem Interesse, dass die NATO in Afghanistan geschlagen wird und riesige Probleme hinterlässt. Wir ziehen es vor, dass die Allianz ihre Aufgaben erledigt und dann diese Geographie verlässt.“

Wer den letzten Satz hört, wird sich nicht nur an das Afghanistan-Fiasko der UdSSR erinnern, sondern auch Medwedjews Auftritte aus der letzten Zeit vor Augen haben, in denen er den Extremismus im Süden Russlands als gefährlichsten Konfliktstoff des Landes bezeichnete. Daran gemessen könnte für den Kreml eine weiter globalisierte, sich als Weltordnungsmacht verstehende NATO das geringere Übel sein. Ob dieses Rechnung aufgeht, darf bezweifelt werden. Es wäre gleichsam zu fragen, wer dafür bezahlt, wenn sie aufgeht: Wer würde von einer eurasischen NATO geschützt? Gegen wen wäre sie gerichtet? Keine beruhigenden Fragen.

Kai Ehlers durchstreift seit 20 Jahren das Labyrinth postsowjetischer Irrungen und Wirrungen

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12:00 13.11.2010

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