Nadelstiche des Schicksals

Alltag I Einige Betrachtungen zum Zusammenhang von Missgeschick und Gerechtigkeit

Meistens beginnt es beim Frühstück. Man merkt es daran, dass der Ausgießer an der Apfelsafttüte sich während des Gießvorgangs vom Tetrapak löst. Man versucht, vorsichtig weiterzugießen, weil Absetzen dazu führen würde, dass ein halber Liter Saft an der Außenwand der Tüte herunterlaufen würde. Dann kommt der Schwapp. Apfelsaft in Marmelade und Butter, auf Brötchen und Aufschnitt. Und auf dem neuen Hemd natürlich auch. Beim Wegwischen der Saftflecken vom Boden stoßen Sie sich den Kopf an der Tischplatte. Die Blumenvase fällt um. Vor Ihnen ein Schlachtfeld. Es dringen Worte aus Ihrem Mund, von denen Sie nicht ahnten, dass sie in Ihrem Wortschatz vorkommen.

Manchmal geht es auch erst etwas später los. Auf dem Weg ins Büro zum Beispiel. Es ist Montagmorgen, Sie nehmen den Biomüll gleich mit runter. Am Freitag haben Sie Muscheln gegessen und vorgestern gab´s Obstsalat. Der Biomüll suppt etwas und riecht auch schon. Eine Tropfenspur zieht sich hinter ihnen her durchs Treppenhaus. Peinlich, aber es gibt kein Zurück, Sie sind sowieso viel zu spät dran. Sie halten die Tüte etwas seitwärts, um ihre helle Wollhose zu schützen. Im zweiten Stock heftet sich die Nachbarin, bei der Sie sich neulich über die laute Musik beschwert haben, an Ihre Fersen. Jetzt reißen die Tragegriffe der Tüte aus, das gibt eine beachtliche Schweinerei. Die Nachbarin sieht Sie mit unerbittlicher Kälte an und sagt: "Ihnen ist da was runtergefallen." Sie würden gerne tot sein.

Wenn ein Tag so anfängt, dann geht er auch so weiter. Manchmal reißt die Serie der Missgeschicke drei Wochen lang nicht ab. Am Ende hat Ihr Wagen einen Totalschaden, die teure Wohnzimmerlampe ist nur noch ein Haufen Scherben, Ihr Freund oder ihre Freundin ist im Skiurlaub geblieben und liegt dort mit einem komplizierten Fersenbruch im Spital. Sie leiden wahlweise unter einer Dauererkältung oder Hexenschuss, brauchen eine neue Waschmaschine und ein neues Handy und vor allen Dingen: Urlaub.

Manchmal kündigt ein Missgeschick auch eine Erkrankung an, in deren Verlauf Sie nicht nur körperlich leiden, sondern auch Ihre Wohnung in Einzelteile zerlegen werden. Als ich das letzte Mal krank war - Magen-Darmgrippe, Sie wissen schon - verabschiedeten sich nacheinander mein schnurloses Telefon, mein Handy und mein Modem. Ohne Gruß, ohne Laut stellten sie jede Aktivität ein. Auch das ausführliche Lesen der Gebrauchsanweisungen und das strikte Befolgen der darin enthaltenen Verhaltensmaßregeln führten zu nichts. Haben Sie schon einmal mit 39,5 Fieber eine Gebrauchsanweisung gelesen? Das ist fast wie Kino. Ich habe dann schließlich mein altes Tastentelefon mit der langen Strippe aus dem Keller geholt und eingestöpselt. Entkräftet schlurfte ich danach in Richtung Schlafzimmer, blieb aber an der Telefonschnur hängen und riss die Buchse aus der Wand. Die war einmal angeklebt worden, deshalb hing viel Tapete an der Buchse und unter dem Flurspiegel zeigte sich eine große Fläche grauen Putzes.

Auf wackeligen Beinen bewegte ich mich erst zum Arzt, dann zur Apotheke. Unnötig zu erwähnen, dass ich dabei zwei U-Bahnen verpasste, keinen Sitzplatz bekam und mehrfach von übelriechenden Personen angebettelt wurde. Die Rolltreppe war kaputt und mühsam schleppte ich mich mit den anderen die Treppe hoch. Es ist wie in der Bildgeschichte, wo die Regenwolke immer einer Person folgt. Manchmal eilt das Missgeschick dem Unglücklichen aber sogar voraus. Da die Darmgrippe sich als äußerst hartnäckig erwies, verschrieb der Arzt mir ein nicht sehr verbreitetes Medikament für Fälle wie mich. Die Apothekerin verschwand mit dem Rezept für zehn lange Minuten, ich hörte sie telefonieren. Dann kam sie wieder und schüttelte ungläubig den Kopf. "Das Medikament ist in Europa nicht mehr erhältlich. Es muss aus Amerika eingeführt werden. Dafür müssen Sie einen Antrag bei ihrer Krankenkasse stellen." "Wer muss einen Antrag stellen?", fragte ich fiebrig. "Na der Patient natürlich. Arzneimittelimporte müssen genehmigt werden." "Hm. Warum gibt es das Medikament nicht mehr in Europa?" Sie hob ihre Hände: "Die Fabrik ist abgebrannt. Vor zwei Wochen schon." In den Fieberträumen der darauf folgenden Nacht erlebte ich mein erstes Erdbeben.

In diesen Phasen entwindet sich Ihnen alles, was Sie in die Hand nehmen und geht scheppernd zu Bruch - Lieblingsteller, Eier, Gläser mit sauren Gurken undsoweiter (Haben Sie auch Terrakottafliesen in der Küche?). Und was Sie hinstellen, kippt gleich wieder um. Sie sind schwach und die Welt zeigt Ihnen das bei jeder Handbewegung.

Man versucht, konzentriert vorzugehen. Aber das nützt nichts, wenn im Flur die einzige Glühbirne beschließt, Schluss zu machen. Wohl dem, der kein Tablett in der Hand hatte und sich im Dunkeln nur die Nase stößt. Man versucht, sich in Demut zu ergeben. Und doch fällt die Milchtüte aus dem Regal auf den Boden und platzt. Man versucht, sich zu wehren und schmeißt ärgerlich die Tür zur Speisekammer zu. Man hört ein Rumpeln. Zehn Minuten später will man etwas wegstellen und bekommt einen scheppernden Schlag gegen die Stirn. Das war die Speisekammerlampe, ursprünglich befestigt am inneren Türrahmen, jetzt freischwebend auf ihr nächstes Opfer wartend. Man würde gerne beschließen, im Bett zu bleiben. Aber das ist bei einer Magen- und Darmgrippe keine gute Idee.

Warum verteilen sich die Missgeschicke nicht besser? Wenn man ohnehin gut gelaunt und voller Zuversicht ist, kann einen die Butterstulle auf dem Fußboden (Butter unten, natürlich) nicht so aus der Ruhe bringen. Man pariert die Nadelstiche des Schicksals mit einem Lächeln und beweist souverän seine Nehmerqualitäten. Aber wenn´s dir gut geht, lassen sich die banalen Zwischen- und Unglücksfälle natürlich nicht blicken. Warum? Inzwischen bin ich auch der Überzeugung, dass bei gutem Wetter oder ganz allgemein im Sommer kaum Geräte ihren Geist aufgeben und auch weniger Gegenstände um- oder herunterfallen. Und wenn man glücklich verliebt ist, wird man ganz und gar vom Unglück gemieden. Es geht nicht gerecht zu auf dieser Welt. Ich werde mich übrigens spätestens im März oder April glücklich verlieben. Denn kaputtgehen darf bei mir jetzt wirklich nichts mehr.


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00:00 11.03.2005

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