Nein Danke!

Fracking Bohrungen nach Schiefergas lassen Bürger um ihr Trinkwasser fürchten. Das Problem ist aber größer: Das neue Verfahren macht den Klimaschutz kaputt

Wenn Wasser brennt, stimmt etwas nicht. Im Dokumentarfilm Gasland hält ein Mann sein Feuerzeug in die Nähe des laufenden Wasserhahns und schon entsteht in der Küche eine Stichflamme. Die Szene aus dem Trailer des Films wurde im Internet millionenfach angesehen, sie steht symbolhaft für die Angst vor der sogenannten Fracking-Technik. Verseucht die neue Gasfördermethode das Trinkwasser mit entzündlichen Gasen?

Gasland kommt aus den USA, dort wird schon seit einigen Jahren im großen Stil „gefrackt“ (siehe Text rechts). In Deutschland sind mögliche Fördergebiete vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen abgesteckt. Nun will die schwarz-gelbe Bundesregierung schnell ein Fracking-Gesetz verabschieden. Die Diskussion über die Umweltauswirkungen hat aber gerade erst begonnen.

Aber Gaskraftwerke helfen der Umwelt doch, oder?

Herausgefordert durch Widerstand in der Bevölkerung wird die Industrie bald versuchen, ihre vermeintliche Trumpfkarte auszuspielen: Das durch Fracking gewonnene Schiefergas nütze dem Klimaschutz. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Das Fracking wird den Verbrauch fossiler Brennstoffe erhöhen und sich somit letztlich als Klimakiller erweisen.

Bislang wird jedoch hauptsächlich über andere Gefahren diskutiert: Trinkwasser könnte vergiftet, die Luft verschmutzt, Erdbeben verursacht werden. All das soll möglicherweise in Kauf genommen werden, um an das Schiefergas zu gelangen, das im Unterschied zu konventionellen Erdgasfeldern nicht einfach angebohrt werden kann (s. Infokasten). Um es aus den Gesteinsschichten zu lösen, wird unter hohem Druck ein giftiger Chemikalienmix in die Erde gepumpt. Durch die dabei entstehenden Risse im Gestein entweicht dann das Gas.

Fracking gibt es schon seit Jahrzehnten, die Methode wurde in Deutschland schon zur Gewinnung konventionellen Erdgases angewandt. Durch effizientere Methoden wird jetzt aber auch die Förderung von Schiefergas wirtschaftlich interessant. Gaskonzerne wollen Probebohrungen durchführen. Eine gesetzliche Fracking-Regulierung gibt es aber bislang nicht. Vor wenigen Tagen hat die Bundesregierung immerhin einen Vorschlag zum Trinkwasserschutz gemacht. Der wahre Skandal ist jedoch: Der Klimaschutz spielt in der Diskussion keine Rolle. Dabei ist er das stärkste Argument gegen Fracking – selbst wenn es auf den ersten Blick ganz anders aussieht.

Die Bürger haben Angst – und ehren das Vorsorgeprinzip

Erdgas gilt vielen als umweltfreundlich. Anders als Kohlekraftwerke können Gasturbinen schnell hoch- und heruntergefahren werden – und damit die Schwankungen im Windstromangebot ausgleichen. Zudem stößt ein Kohlekraftwerk pro erzeugter Kilowattstunde Strom ungefähr doppelt so viel Kohlendioxid aus wie ein Gaskraftwerk. Viele Umweltschützer setzen bei der Energiewende daher auf die Brückentechnologie Gas. Und sie betrachten mit Sorge, dass sich Gaskraftwerke in Deutschland derzeit kaum rentieren – wegen des geringen Preises für CO2-Zertifikate und der dadurch günstigen Kohlekraft.

Doch Gas ist nicht gleich Gas. Die Fracking-Methode treibt die Treibhausgasemissionen in die Höhe – vor allem durch das derzeit nicht nutzbare Methangas, das bei der Förderung frei wird und mehr als 20 Mal so klimaschädlich ist wie Kohlendioxid. Manche Studien halten Fracking-Gas daher für vergleichbar mit dem Klimakiller Steinkohle. Doch auch unabhängig von der Klimabilanz gilt: Ohne die neue Fördermethode bliebe das Schiefergas im Boden, nun wird es in die Luft geblasen. Es ist eine zusätzliche Belastung für das Klima.

Nun lässt sich einwenden, das Fracking-Gas ersetze nur vorübergehend die Kohle, und in wenigen Jahren seien die regenerativen Energien ohnehin billiger. Dieses Argument verkennt jedoch, dass Gas einen systematischen Vorteil hat – als Energiespeicher. Die Gasheizung wird in Zeiten des Frackings nicht verschwinden, und auch die Zukunft des Autoantriebs ist trotz des gegenwärtigen Hypes um Elektromobilität ebenfalls noch nicht entschieden.

Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet schon mit einem „goldenen Gaszeitalter“. In einem Sonderbericht aus dem Jahr 2011 heißt es, der Erdgasverbrauch werde in den kommenden 25 Jahren voraussichtlich um 50 Prozent steigen. Im Jahr 2035 könne Erdgas dann ungefähr ein Viertel des weltweiten Energiebedarfs abdecken. Ein wesentlicher Grund dafür: Fracking.

Die Folgen eines Gasbooms für das Klima sind schon heute sichtbar: In Deutschland ist der Treibhausgasausstoß 2012 im Vergleich zum Vorjahr wieder gestiegen. Neben dem katastrophal geringen Preis für die Verschmutzungsrechte aus dem europäischen Emissionshandel spielt dabei nach Aussage von Umweltminister Peter Altmaier das Fracking in den USA eine Rolle. Weil dort mehr Schiefergas gewonnen wird, ist die Kohle billiger geworden – und wird in Deutschland entsprechend häufiger verbrannt. Schiefergas ersetzt also nicht die Kohle, sondern durch eine insgesamt größere Menge an fossilen Brennstoffen sinken die Preise, und das erhöht den Gesamtausstoß von Klimagasen. Öl, Kohle und Gas sind endlich – und dennoch werden sie das Klima ruinieren, wenn nicht ein großer Teil im Boden bleibt.

Die Energiewirtschaft hat daran naturgemäß wenig Interesse. In Deutschland tut sich beim Fracking vor allem der Konzern ExxonMobil hervor, dessen Name hierzulande bislang hauptsächlich für einen Schiffsunfall mit anschließender Ölkatastrophe vor der Küste Frankreichs steht – der aber unter der Marke Esso auch Tankstellen betreibt. Das Unternehmen wittert nun beim Schiefergas ein Geschäft und steckt daher noch vor der ersten Probebohrung viel Geld in eine Werbekampagne mit Zeitungsanzeigen und Fernsehspots fürs Fracking sowie in einen „Informations- und Dialogprozess“, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen.

Haben die Deutschen vielleicht einfach zu viel Angst vor neuen Technologien? Schließlich gehen sie auch gegen technische Klimaschutzmaßnahmen wie die unterirdische Kohlendioxid-Verpressung (Carbon Capturing and Storage = CCS) auf die Barrikaden.

Es war die Anti-Atom-Bewegung, die den Deutschen ein durchaus gesundes Misstrauen gegenüber den Fortschrittsversprechen von Industrie und Ingenieuren eingeimpft hat. Und eine hohe Wertschätzung des Vorsorgeprinzips, das bei der Atomenergie so eklatant missachtet wurde wie sonst an keiner anderen Stelle: Zunächst die Risiken abschätzen können, dann erst die Technik einsetzen.

Beim Fracking stellt sich die Frage nach dem Risiko genau jetzt, und das führt zu heftigen Diskussionen in der Politik. Vor wenigen Tagen haben Umweltminister Peter Altmaier, CDU, und Wirtschaftsminister Philipp Rösler, FDP, einen Vorschlag vorgestellt: Fracking soll es nur nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung geben, in Trinkwasserschutzgebieten soll es ganz verboten sein. Altmaier hatte aber kurz zuvor noch betont: „Wir sollten vor einem generellen Fracking-Verbot nicht zurückschrecken, wenn neue Erkenntnisse es nahelegen.“

Rösler hingegen sieht in den Umweltauflagen einen Bremsklotz für die Wirtschaft. Die unterschiedlichen Ansichten von Umwelt- und Wirtschaftsministerium zeigten sich in einem Streit zwischen zwei untergeordneten Behörden: Das Umweltbundesamt hatte eine Studie erstellt, in der vor Gefahren für das Grundwasser gewarnt wird. Daraufhin ließ Rösler von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ein eigenes Gutachten anfertigen.

Jetzt prallen Bergbau- und Umweltexperten aufeinander

Die traditionell bergbaufreundlichen BGR-Experten werfen dem Umweltbundesamt darin „nicht nachvollziehbare“ Begründungen und „subjektive Argumentation“ vor. Und sie schreiben, dass „aus geowissenschaftlicher Sicht prinzipiell ein umweltverträglicher Einsatz der Fracking-Technologie möglich“ sei. Der Grünen-Politiker Oliver Krischer kommentierte prompt: „Rösler hat die BGR wie einen bissigen Hund von der Leine gelassen.“

Der Opposition geht nun der Regierungskompromiss zur Fracking-Regulierung nicht weit genug. Mit Mehrheit der SPD-geführten Länder hatte der Bundesrat schon Ende vergangenen Jahres gefordert, dass auch für kleinere Probebohrungen die Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben werden soll und dass der kommerzielle Einsatz verboten wird, bis genügend Erkenntnisse zur Sicherheit vorliegen. Die Chancen, dass auf die Forderungen eingegangen wird, stehen nicht schlecht. Beim Fracking geht nicht viel ohne die Bundesländer. Jede Bohrung muss von Landesbehörden genehmigt werden – und ausgerechnet in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen regieren jetzt SPD und Grüne.

Die neue Regierung in Hannover hat sich in ihrem Koalitionsvertrag zu dem Bundesratsbeschluss bekannt, in Düsseldorf lehnt sich Umweltminister Johannes Remmel, Grüne, aus dem Fenster. Er gab eine Studie über die Fracking-Gefahren in Auftrag und sagte bei der Vorstellung im September vergangenen Jahres, Bohrungen mit giftigen Chemikalien werde es unter Rot-Grün „grundsätzlich“ nicht geben.

Beim Koalitionspartner hört sich das hingegen nicht mehr so eindeutig an: SPD-Wirtschaftsminister Garrelt Duin hat etwa den Altmaier-Vorschlag zum Fracking begrüßt – und der erlaubt die Schiefergas-Förderung schließlich, wenn er bestimmte Auflagen erfüllt.

Besorgte Bürger wollen die Bohrungen ganz verbieten. Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz bezeichnet Fracking etwa als „unbeherrschbare Risikotechnologie mit katastrophalen Auswirkungen“. Ist aber wirklich schon hinreichend belegt, dass die Fördermethode solch gravierende Folgen hat, dass sie in der Praxis gar nicht weiter untersucht werden sollte? Bislang berufen sich sowohl die Befürworter als auch die Gegner der Fördertechnik auf ihre Studien – mit gegensätzlichen Ergebnissen. Auch der behauptete Zusammenhang zwischen Fracking und dem brennenden Wasser im Gasland-Film wird von ExxonMobil abgestritten.

Drei Dinge aber sind klar beim Fracking: Es gibt ein großes Unbehagen in der Bevölkerung, es gibt zahlreiche Hinweise auf die Gefahren, und dem Klima wird die neue Gasfördermethode schaden.

Es mutet daher schon merkwürdig an, dass nie die Frage diskutiert wird, wofür Fracking überhaupt nötig sein soll. Anscheinend reicht es aus, dass sich einige Firmen ein Geschäft erhoffen. Oder dass Volkswirtschaftler einen Wirtschaftsaufschwung kommen sehen, wenn die Energiekosten sinken. Das mag kurzfristig vielleicht sogar stimmen. Für das Klima allerdings wäre es eine Katastrophe – und damit bald auch für das Wirtschaftsleben.

Fracking ist eine Methode, Öl und Gas zum Beispiel aus Schiefergestein zu gewinnen. Dabei werden große Mengen Flüssigkeit in Bohrlöcher gepresst, um Risse in tiefen Gesteinsschichten zu erzeugen (englisch fracture: aufreißen, aufbrechen). Die Risse machen das Gestein durchlässig für darin eingeschlossene Rohstoffvorkommen, die auf diese Weise abgebaut werden können.

Anders als bei der konventionellen Förderung von Öl und Gas wird bei Fracking nicht bloß gerade in die Tiefe gebohrt. Einmal im Schiefergestein angekommen, schwenkt der Bohrer in die Waagerechte und arbeitet horizontal weiter. Anschließend pumpen die Ingenieure ein Gemisch aus Wasser, Sand und chemischen Hilfsstoffen mit hohem Druck in die Röhre. Hat die Flüssigkeit das Gestein porös gemacht, wird sie wieder abgepumpt. Das zuvor im Stein gebundene Gas oder Öl kann nun durch Rohre an die Oberfläche strömen.

Die Gefahren sind erheblich. So ist Fracking-Wasser derart verunreinigt, dass normale Klärwerke es nicht säubern können. Das Abwasser wird daher häufig nicht an der Oberfläche entsorgt, sondern in eine andere Gesteinsschicht zurückgepumpt.

Durch Erdbewegungen oder wenn die Bohrröhre Leck schlägt, kann giftige Fracking-Flüssigkeit ins Grundwasser gelangen. Kritiker befürchten ebenfalls, dass die erzeugten Risse sich mit der Zeit in höhere Erdschichten fortsetzen – und diese so verseucht werden. Durch die Risse, Tiefenwasserströme oder eine schlecht abgedichtete Bohrröhre kann auch Methangas ins Trinkwasser gelangen.

In vielen Regionen der Welt übersteigen die Gasreserven, die nur durch Fracking erschlossen werden können, die Vorkommen in normalen Erdgasspeichern (siehe Grafik unten). Dies gilt etwa für Afrika, Nord- und Südamerika sowie für den asiatisch-pazifischen Raum. Bisher waren im Vergleich zur herkömmlichen Förderung sogenannte „unkonventionelle Gasvorkommen“ nur teuer auszubeuten. Steigende Energiepreise und der technische Fortschritt haben Fracking nun jedoch rentabel gemacht.

Fritz Walders schreibt im Freitag meist über Energiethemen, zuletzt über Atommüllexporte

01:00 20.03.2013

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