Netz der Namen

Hausnummern Das Stöbern in den Berliner Adressbüchern ist wie ein Tratsch im Treppenhaus der Geschichte. Und es kann auch helfen, der Google-Street-View-Aufregung zu entgehen

Die Netz-Gemeinde kann es nicht fassen. Die Häuser des globalen Dorfs sollen online sichtbar werden. Zwar zeigt uns Google Earth seit Jahren Satellitenbilder, also Draufblicke auf Grundstücke und Straßen, bietet Geländekarten und einige ausgewählte Gebäude in 3D-Ansicht. Doch Google Street View scheint ein Tabu zu brechen. Nach dem Blick von oben kommen jetzt die Fassaden dran, es wird ran- und reingezoomt. „Ganz Deutschland hat Angst“, schreibt Bild, „aufs Bild zu geraten“.

Mit persönlich ist das egal, solange mit der Ansicht des maroden Hauses, in dem ich lebe, keine Nahaufnahme meines Klingelschilds erscheint, man mir nicht in die Fenster guckt und nicht meine Telefonnummer und Email-Adresse veröffentlicht werden.

Wie Shoppen gehen

Wie so oft kann ein Blick ins Buch für Entspannung sorgen. In diesem Fall ein Blick ins Adressbuch. Die Berliner Ausgaben der Jahre 1799 bis 1943 zum Beispiel sind unter adressbuch.zlb.de online einzusehen, so lange gab es die dicken Wälzer, dann war kein Papier mehr da, und viele Häuser waren weggebombt, die Sache wurde eingestellt. In München gab es Stadtadressbücher bis 1990. Man kann nach einem Namen fahnden und findet die dazugehörige Adresse; man kann die Straßen entlang, von Haus zu Haus, streifen und sehen, wer die Mieter waren; oder man kann nach Branchen suchen und erfährt, wer einen Gemüseladen oder eine Arztpraxis betrieb. Natürlich sind nur die Männer aufgeführt, es sei denn eine Witwe war eingetragener „Haushaltsvorstand“. Daran änderte sich nichts in 144 Jahren.

Es ist ein bisschen wie Shoppen gehen oder einst das Stöbern im Lexikon. War man vielleicht über den Begriff Mediävistik gestolpert und wollte wissen, was es damit auf sich hat? Dann ging man zum Regal, griff sich den passenden Band seines Meyer oder Brockhaus, Latschenkiefer bis Methusalem. Blätterte eine Seite auf – und stieß auf das Wort Luv. Luv und Lee, ach ja, davon hatte man schon gehört, aber was ist eigentlich was? Man merkte sich fortan das U als Eselsbrücke, denn Luv ist die dem Wind zugewandte Seite. Am Ende des Artikels fand sich der Verweis: siehe auch unter Wetterscheide. Und schon, fasziniert und aus Versehen, stolperte man erneut und erfuhr im Band Wanze bis Zahnradbahn, dass der Yeti lokal begrenzt auch als Kangchendzönga-Dämon bezeichnet werde. Es dauerte eine Zeit, bis man endlich – erschöpft, aber glücklich – zur Mediävistik kam. Heute erledigt Wikipedia diese Dienste. Aber das Stolpern durchs Unterholz der Begriffe und das Sich-Verfangen in Netzen aus Links und Verweisen – es ist keine Erfindung des Internet.

1799 also erschien das erste Berliner Adressbuch. Anschaulich sind alle „Straßen, Gassen und Plätze in ihrer natürlichen Lage“ dargestellt, alle Häuser und deren Bewohner aufgeführt. Es ist, als schlendere man mit E. T. A. Hoffmann die Allee Unter den Linden entlang, passiere das „Öde Haus“ und begleite ihn zu seiner Lieblingskneipe. Als Autor des ersten Adressbuchs zeichnet ein königlich-preußischer Leutnant beim Artillerie Corps verantwortlich. Aber ist er wirklich allein durch alle Straßen und Häuser gezogen, um diese gründliche „Volkszählung“ durchzuführen? Er klagt jedenfalls, dass ihm nicht jeder freiwillig Auskunft gab. Außerdem hatte er sich mit dem Problem zu plagen, dass die Häuser Berlins mit keiner Nummer versehen waren. Er führte ein eigenes System ein – das „Hufeisensystem“ – das dann Grundlage der Berliner Hausnumerierung wurde: eine Straßenseite zählte er hinauf, dann auf der Gegenseite weiter, am Ende lagen sich also die Häuser Nummer 1 und 35 gegenüber. Seit den frühen zwanziger Jahren wurde, wie andernorts, das Zickzacksystem eingeführt, auf einer Straßenseite die geraden, auf der anderen die ungeraden Hausnummern. Bis heute bestehen in Berlin beide Systeme nebeneinander. Was regelmäßig zur schönsten Verwirrung und einigen weiten Umwegen führt.

Im Berliner Adressbuch von 1918 ist letztmalig das Königliche Haus erwähnt. Wen so etwas interessiert, der kann hier sämtliche Titel Wilhelms II., des letzten Deutschen Kaisers und Königs von Preußen erfahren. Markgraf zu Brandenburg war er, Burggraf zu Nürnberg, Graf zu Hohenzollern, souveräner und oberster Herzogs von Schlesien wie auch der Grafschaft Glatz. Und das ist nur das erste Sechstel seiner Titel. Über seine ganze, weit verzweigte Verwandtschaft, wer mit wem wann und wie verheiratet oder anderweitig verbandelt war, steht auch alles in dem Buch. Ein gefundenes Fressen für Leserinnen der Gala.

Bemerkungen über Hitler

Im Adressbuch von 1943 suche ich nach Karlrobert Kreiten. Ich finde ihn auf Seite 1546. Pianist, W 30 Hohenstaufenstraße 36, T. Er wohnte also im Stadtbezirk Schöneberg und hatte ein eigenes Telefon. Er ist in jenem letzten Berliner Adressbuch aufgeführt, denn am Anfang des Jahres lebte er noch. Am 7. September starb er in Berlin-Plötzensee unterm Fallbeil, weil er ein paar despektierliche Bemerkungen über Adolf Hitler gemacht hatte.

Er teilte sich die Wohnung mit seiner Schwester. Suchte aber nach einer eigenen, größeren. Im März 1943 hatte er endlich eine passende gefunden. Nun musste der Umzug organisiert werden, zugleich stand ein Konzert ins Haus. Der Hausrat war verpackt, das Mobiliar stand bereit zum Transport. Wo jetzt üben? Frau Ellen Ott-Moneke, mit Karlroberts Mutter flüchtig befreundet, stellte dem 26-jährigen Pianisten ihren Flügel zur Verfügung. Sie wohnte am Lützowufer 1. Das Lützowufer befindet sich im Stadtbezirk Tiergarten. Auf Seite 539 kann man lesen: Haus Nr. 1 gehörte der Berliner Hagel-Assecuranz-Gesellschaft, einer Aktiengesellschaft, die seit mehr als hundert Jahren Hagelversicherungen sowie Rückversicherungen für andere Gesellschaften anbot. Nun war in Berlin schon einiges verhagelt zu der Zeit. Aber jenes Haus muss wohl noch intakt gewesen sein. Es wohnten da ein Bauingenieur, ein Kassenbote, ein Gemälde-Restaurateur, der Hauswart hieß Potulski. Ob die Herren sich zwischenzeitlich an der Front aufhielten oder dort bereits gefallen waren, darüber schweigt das Buch. Und es wohnte dort auch Ministerialrat Windmöller.

Als Karlrobert Kreiten gegenüber Frau Ott-Moneke seine Bemerkungen über Hitler machte – zum Beispiel: wenn anderswo einem Staatschef so etwas wie Stalingrad passiert wäre, wäre der längst abgesetzt –, holte diese sich Rat bei der lieben Nachbarin, Frau Annemarie Windmöller. Diese beschwatzte den „Fall“ mit einer Dritten. Alle drei Damen waren in der NS-Frauenschaft aktiv und „gläubige Nationalsozialistinnen“, wie ihnen später das Gerichtsurteil bescheinigte. Gemeinsam liefen sie zur Gestapo und denunzierten dort Karlrobert Kreiten. Als die Beamten nicht gleich tätig wurden, hakten sie noch einmal nach. Dann wurde der junge Künstler verhaftet. Der Volksgerichtshof „urteilte“. Vier Tage später wurde Karlrobert Kreiten enthauptet. Der damals 30-jährige Journalist Werner Höfer, später jahrelang Moderator des Internationalen Frühschoppens der ARD. applaudierte dem Mord im 8-Uhr-Abendblatt.

Das Nachbarhaus, Lützowufer 2 – entdecke ich – gehörte übrigens den Leuna-Werken, Verwalter war die Ammoniakwerk Merseburg GmbH; die Häuser Nummer 4 und 5 befanden sich im Besitz der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG. Eine feine Gesellschaft!

Und Hitler? Der einzige Mann dieses Namens, der laut Adressbuch in Berlin lebte, hieß Alois. Er betrieb eine Gastwirtschaft am Wittenbergplatz. Adolf Hitlers humpelnder Mitstreiter Dr. Joseph Goebbels – seit 1926 Gauleiter der Berliner NSDAP – taucht letztmalig 1930 als „Schriftsteller“ im Adressbuch auf, wohnhaft in Charlottenburg, Berliner Straße 77. Danach schweigen die Bücher auch über ihn.

Schon damals waren also alle Bürger gleich. Vor dem Gesetz wie vor dem Adressbuch. Nur manche waren gleicher.

Karsten Laske ist Autor und Regisseur, lebt in Berlin und wurde jüngst mit dem Deutschen Drehbuch-Preis 2010 ausgezeichnet

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13:30 21.09.2010

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