Netzwerk der Global Cities

Hybridmodell In ihrer bahnbrechende Untersuchung "Das Paradox des Nationalen" attackiert Saskia Sassen die Ansicht, Nationalstaat und Globalisierung stünden in erbitterter Konkurrenz zueinander

Wandert ein Thema oder eine Diskussion von einem ideologischen Milieu ins andere, quer durch das politische Spektrum, sagen wir von links in die politische Mitte, dann kann der jeweilige Initiator das gemeinhin als Erfolg verbuchen. Linke Themen in den Mainstream zu bringen ist ein verdienstvolles Unternehmen und mindestens ebenso bemerkenswert wie die Entdeckung eines reaktionären Motivs in Debatten, die eigentlich Emanzipation bezwecken.

Mit dem Nationalstaat schien es lange Zeit einfach. Ein paar besorgte Zeitgenossen warnten unentwegt, dieses, die Bürger aufrührende Sujet leichtfertig den Konservativen zu überlassen; sie murmelten etwas von der ´48er Revolution in Deutschland, dem Hambacher Fest und einer demokratischen Tradition, die vergessen, aber nicht verloren sei. Aber diese Interventionen fanden eher am Rande des intellektuellen Geschehens statt, schließlich hatte der Staat in den achtziger Jahren bereits mit seiner Selbstentmächtigung begonnen. In dem Maße, in dem die nationale Wohlfahrt abgebaut wurde, schwanden auch die Erwartungen an das, wie aus der distanzierten Perspektive des einigermaßen globalisierten Zeitgenossen eingestanden werden kann, wirkungsmächtigste und stabilste Gesellschaftsgebilde in der Geschichte der menschlichen Kulturen.

Dennoch machte sich jemand, der sich erleichtert als linker Kosmopolit outete, verdächtig. Selbst der große britische Historiker Eric Hobsbawm musste in seinem Buch Nationen und Nationalismus 1990 feststellen, kein Thema sei geeigneter, die Gemüter in Wallung zu bringen. Am Ende seines Buches, die Folgen des Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts vor Augen, stemmte er sich gegen die einsetzende Kleinstaaterei in Europa und andernorts und zu erklärte, dass sowohl kulturelle Freiheit wie die Lösung politischer Probleme nicht von neuen, kleinen Nationen erwartet werden sollten. Seitdem sind die Gemüter, zumindest in Europas alten Nationen, glücklicherweise schwerer in Wallung zu bringen, und das könnte neben dem weiteren Abbau des Wohlfahrtsstaates auch der Einsicht geschuldet sein, dass Nation und Nationalstaat über lange Jahrhunderte regelmäßig Krieg und soziale Katastrophe bedeutet haben.

Als amerikanische Soziologin kann Saskia Sassen von dieser historischen Last unbeeindruckt sein. Ihr neues Buch Das Paradox des Nationalen steht tatsächlich weniger in der Tradition europäischer historischer Literatur, viel eher rückt es in die Nähe von Michael Hardts und Toni Negris Empire, wenn es auch weniger ausgreifend ist, ohne theoretischen Überschwang und frei von revolutionären Visionen. Sassen hat sich als Stadtsoziologin einen Namen gemacht, von ihr stammt der Terminus "Global City". Von der Rolle der Großstädte in der Weltökonomie ausgehend hat sie in den letzten Jahren Phänomene des Nationalstaates und vor allem des Transnationalismus in den Blick genommen. Ihr Buch Das Paradox des Nationalen kann mit Recht als Summe und theoretische Synthese einer langjährigen Arbeit gesehen werden.

Der Anspruch ist nicht gering. Sassen will einen Ausweg aus sterilen Debatten um Nationalstaat und Globalisierung weisen. Vor allem die Ansicht, Nationalstaat und Globalisierung stünden in erbitterter Konkurrenz zueinander, der zufolge was global ist, nicht national sein kann, und wer national sein wolle, nicht global sein könne, wird wiederholt attackiert. In der zugehörigen Begründung und historischen Argumentation liegen die Stärken dieses Buches. Die Autorin geht weit zurück. Sie argumentiert, dass nicht etwa der Nationalstaat, oder genauer: die ihn tragenden sozialen Gruppen den Feudalismus frontal bekämpften, nicht einmal im Schoße des Alten das Neue allmählich heranwuchs, um irgendwann die Herrschaft zu übernehmen. Sassen legt ihrem Buch ein anderes, durchaus originelles Denkmodell zugrunde. Bestandteile der vorherigen Herrschaftsform werden, um in ihrem Bild zu bleiben, auf ein anderes Gleis gesetzt, das heißt, sie bekommen eine andere Bedeutung und eine neue Dynamik.

Als die Fürsten und Könige im Mittelalter die Vorstellung ihres Gottesgnadentums verbreiteten, war dies gegen die Bevormundung durch Kirche und Papst gerichtet. Die damit einhergehende Vorstellung einer säkularen Souveränität jedoch wurde später gegen die weltlichen Herrscher gekehrt und vom städtischen Bürgertum im Sinne einer nationalen Souveränität gedeutet. Ähnliches geschieht nach Sassen beim Übergang vom national dominierten zum globalen Weltsystem. Das System von Bretton Woods garantierte nach dem Zweiten Weltkrieg feste Wechselkurse der Landeswährungen, um die nationalen Ökonomien vor externen Eingriffen oder Manipulationen zu schützen. Auch der seit den achtziger Jahren zu beobachtende Machtzuwachs der staatlichen Exekutivorgane zu Lasten der Parlamente vollzog sich im nationalen Rahmen. Beides jedoch diente dem Aufbau eines neuen Systems, das diese Grenzen überschreitet.

Das dreigliedrige Modell von Sassen hat Vorteile, vor allem, wenn es um die Erklärung eines Übergangs, einer Transformation geht. Die Konzerne bekämpfen den Staat, alles, was von ferne national aussieht, muss im Dienste weltweiter freier Märkte bekämpft, privatisiert, dereguliert werden, Post, Bahn, Gefängnisse, vor nichts machen diese Player Halt. Aber diese Vorstellung einer erbitterten Konkurrenz ist zu einfach, nicht mehr zeitgemäß. Sie ist nicht die erste, die es unternimmt, aber schlüssig weist Sassen nach, wie der Nationalstaat selber die Instrumente bereitstellt, mittels derer seine Dominanz untergraben wird. Die staatliche Exekutive gewinnt an Macht und Einfluss. Auf unteren Ebenen, in der staatlichen oder kommunalen Verwaltung finden Verhandlungen mit Unternehmen, Konzernen oder anderen Bürokratien statt, die zuvor noch transparent auf der Bühne der Parlamente zu besichtigen waren. Jetzt sind sie unsichtbar geworden, werden nach wie vor von Angestellten des Staates geführt, münden aber in eine post-nationale Politik.

Wer heute über den Nationalstaat redet, muss also aufpassen, was genau gemeint ist und ob das, was sich als national etikettiert, nicht bereits die Seite gewechselt hat. Umgekehrt ist manches, das wie ein Konzern mit Ambitionen, nicht global genug sein kann, manchmal auch ein sehr bodenständiges Pflänzchen. Es ist auch kein Zufall, dass ein Jahr nach der amerikanischen Ausgabe dieses Buches über das Paradox des Nationalen Sassen ein weiteres, allerdings deutlich schmaleres mit dem Titel A Sociology of Globalization vorlegt, dessen theoretisches Gerüst und zentrale Thesen hingegen sich nicht von seinem Vorgänger unterscheidet. Es scheint schwer, heute noch ein Buch über Nationen oder den Nationalstaat zu schreiben, und dabei nicht vom Thema abzukommen und beim Finanzkapital oder der postnationalen Staatsbürgerschaft zu landen.

Wer über "das Nationale" redet, spricht längst über ein Hybridmodell. Nationalstaaten okkupieren nach wie vor einen bedeutenden Raum in der Weltpolitik, aber es ist sinnvoll, wie Sassen es vorschlägt, von einem mehrdimensionalen Modell auszugehen. Nicht nur nationale und globale Institutionen koexistieren, zu ihnen gesellt sich ein dritter Akteur: Ein Großteil der Organisations- und Kommandostruktur der globalen Ökonomie ist in einem Netzwerk von ungefähr vierzig Städten angesiedelt, die eine strategisch entscheidende Geographie der Macht bilden. Die Analogie zum Frühkapitalismus, als die großen Städte wie Genua oder Florenz den Fernhandel vorantrieben und damit die Grundlagen des Kapitalismus legten, ist sehr verlockend, aber dass perspektivisch aus der gestiegenen Bedeutung der Städte eine vergleichsweise stabile, übersichtliche Situation entsteht, wäre ein Kurzschluss, den auch Sassen trotz aller Zuversicht, das aus einem Netzwerk der Global Cities etwas Neues erwachsen kann, vermeidet. Mike Davis´ Planet of Slums (Freitag 34/2007) ist eine geeignete Zusatzlektüre, nach der niemand mehr bestreiten kann, dass die Groß- und Megastädte Orte riesiger Probleme und kaum vorstellbare Ansammlungen von Armut darstellen.

Aber Sassens dreigliedriges Modell bildet gegenüber den groben Dichotomien lokal oder national gegen global, Nationalstaat gegen Globalisierung, die Möglichkeit einer Feinjustierung. Auf diese Weise ist es angeraten, bei kulturellen, sozialen oder politischen Problemen oder Phänomen die jeweiligen Anteile zu bestimmen, die Städte, Staaten oder Weltinstitutionen besitzen.

Sicherlich liegt hier auch ein intellektuelles Projekt begründet. Der Nationalstaat war eine - enorm erfolgreiche - Institution, die die Zumutungen weltbürgerlicher Komplexität in Grenzen halten und zuweilen aggressiv bekämpfen sollte. Dieser Anspruch ist nur noch um den Preis großen Realitätsverlustes einzulösen. Neben dem kognitiven Anspruch, sich in dieser Welt zurecht zu finden, existieren massive soziale Probleme. Sassen streift nur kurz die Frage der Migration, dafür zeigt sie sich fasziniert von dem Geschäft neoliberaler Finanzeliten. Begriffe wie Kapitalismus oder Neoliberalismus meidet sie auffällig. Aber ihr Buch ist ein eindeutiger Beleg, dass Bücher oder Diskussionen, denen es um Nationen, nicht aber um regionale, städtische und gleichermaßen um weltbürgerliche Verhältnisse geht, keinen Sinn mehr machen.

Saskia Sassen Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Gramm. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 735 S., 26,80 EUR

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00:00 25.04.2008

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