Neue Schuhe sind Luxus

Kassensturz Alleinerziehend zu sein, ist ein Armutsrisiko in Deutschland. Eine Mutter erzählt von ihrem sozialen Abstieg nach der Scheidung
Christine Finke | Ausgabe 17/2015 96

Ich traue mich kaum nachzurechnen, was die Schuhe zusammen gekostet haben. Nein, keine Schuhe für mich, sondern dringend nötige für die beiden jüngeren Kinder. Die Große hatte gerade erst welche von ihren Freundinnen geerbt, die brauchte keine. Jeden Frühling, jeden Sommer, jeden Herbst und jeden Winter graust es mir aber davor, mit den Kindern in den Schuhladen zu gehen. Es tut mir weh zu sehen, wie sehr sie sich freuen, wenn wir Schuhe kaufen. Hätte ich mich als Kind darüber gefreut? Eher nicht. Reitstunden, Markenjeans, Skikurse oder Ausflüge in Freizeitparks – so etwas kennen meine Kinder nicht. Wir sind arm.

Es hilft ja nichts, ich sollte ungefähr wissen, wieviel Geld ich gerade für die Schuhe ausgegeben habe. Es waren drei Paar für die Jüngste, die sechs ist und jetzt Schuhgröße 29 hat: Halbschuhe, Sportschuhe, Hausschuhe. Dazu Halbschuhe für den Neunjährigen, der immer so bescheiden ist. „Du musst nicht so viel Geld ausgeben“, sagt er und umarmt mich im Laden.

Das tut weh. Ich gebe doch gern Geld für meine Kinder aus. Wenn ich es denn habe. Die Sandalen für den Sommer kaufen wir später, wenn ich weiß, dass sie bis September passen werden. Oder wenn die ersten Läden Sommerschuhe reduzieren. Dass ich 160 Euro für vier Paar Schuhe überhaupt hatte, war schon erleichternd. Es gibt Monate, da weiß ich nicht, wie ich unser Essen bezahlen soll. Besonders schlimm ist der Januar. Da buchen alle ab, Vereine, Versicherungen. Dann die Nebenkostenabrechung, Strom und so weiter.

„Unsere Firma“ ist nun seine

Wie konnte mir das passieren? An mangelnder Bildung liegt es nicht, dass wir zu den Armen zählen. Eher an Naivität und der typischen Frauenfalle, in die ich getappt bin: Ich habe meinen Neigungen entsprechend studiert, Sprachwissenschaften. Meine Promotion schloss ich magna cum laude ab. Dazu habe ich eine Ausbildung als Journalistin und lange Arbeitserfahrung, als Angestellte und als freie Autorin.

Meine Zeugnisse und Arbeitszeugnisse sind hervorragend, ich bin überqualifiziert. Und ich bin alt. Das erste Kind bekam ich mit 34 Jahren, das letzte mit 42. Typisch Akademikerin eben. Dass ich einen Selbstständigen geheiratet habe und ohne Anstellung jahrelang in der Firma mithalf, war mein Fehler. Denn „unsere Firma“ war nach der Trennung plötzlich „seine“. Versprechen, die er mir gegeben hatte, galten nicht mehr. Gespart hatten wir nichts in der Ehe, alles immer in die Firma gesteckt. Vorgesorgt fürs Alter hatte er auch nicht, und so durfte ich bei der Scheidung die Rentenpunkte, die ich als Angestellte in den 13 Jahren Ehe gesammelt hatte, mit meinem Exmann teilen. Was ich mir mit der Erkenntnis schönrede, dass die Hälfte von fast nix weiterhin fast nix bleibt, denn vor der Scheidung hatte mein Rentenanspruch bei 480 Euro im Monat gelegen, danach bei etwas über 200 Euro. So oder so wird mir im Alter Sozialhilfe blühen.

Christine Finke, 48, lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Konstanz am Bodensee. Sie ist Mutter von drei Kindern (14, 9 und 6 Jahre). Über den Alltag einer Alleinerziehenden berichtet sie auch in ihrem Blog: mama-arbeitet.de

Foto: Privat

Ich hatte mir das mal anders vorgestellt: Als ich noch eine glücklich verheiratete, beruflich erfolgreiche Mutter war, spielte Geld keine große Rolle für mich. Es war genug da, um die Doppelhaushälfte mit sechs Zimmern und Garten zu bezahlen. Die Kosten für die Kinderbetreuung und Putzfrau übernahm ich, denn der Mann argumentierte, wenn ich nicht arbeiten ginge, müssten wir das Geld dafür gar nicht ausgeben. Ich ging zum Frisör, wenn mir danach war, kaufte schicke Klamotten und Schuhe. Die Kinder erhielten zum Geburtstag Geschenke, auf die ich heute ein Jahr sparen würde, wie ein nagelneues Markenfahrrad. Dass so etwas Luxus ist, wurde mir bitter klar, als ich im Rahmen der Scheidung mit enormen Anwalts- und Gerichtskosten konfrontiert wurde. Plötzlich waren 2.000 Euro sehr viel Geld – Geld, das ich nicht hatte.

Dass ich die Kinder großziehe, und zwar seit fünf Jahren ganz allein, rechnet mir der Gesetzgeber praktisch nicht an. Dafür darf ich aber die Hälfte des Kindergelds an den Exmann abtreten. Und ich kann selbst nur 1,5 der 3 Kinder auf meiner Steuerkarte führen. Gerecht finde ich das nicht. Aber es ist normal. Wenn sich die Große Koalition dann wie vergangene Woche dafür feiern lässt, dass sie Alleinerziehende nun stärker steuerlich entlastet, kann ich darüber nur bitter lachen. Es geht um maximal 285 Euro – jährlich! Und die meisten Alleinerziehenden verdienen nicht mal so viel, dass sie den Freibetrag voll ausschöpfen können.

Ich habe ja noch Glück, dass ich überhaupt Unterhalt für die Kinder von meinem Exmann erhalte. Fast die Hälfte der 1,6 Millionen Alleinerziehenden bekommt nur unregelmäßig oder gar kein Geld für die Kinder von deren Vätern. 828 Euro bezahlt der Vater meiner Kinder jeden Monat für alle drei. Er findet bestimmt, dass das viel Geld ist. Es ist aber deutlich weniger, als die Düsseldorfer Tabelle vorsieht, sagt meine Anwältin. Nur machen kann man da nichts. Dumm gelaufen für die Kinder.

Und so leben wir zu viert von gut 2.000 Euro im Monat. Was erstmal wieder viel klingt, aber auf vier Personen verteilt in etwa das ist, was Hartz-IV-Empfänger zum Leben haben. Die Mieten hier in Konstanz sind teuer, die Lebenshaltung auch. Weggehen kann und will ich nicht. Das ist die Heimatstadt meiner Kinder, sie haben schon ihren Vater verloren, der sich ihnen nach der Trennung fast komplett entzog. Da möchte ich sie nicht auch noch aus ihrem sozialen Kontext reißen.

Der Unterhalt deckt die Warmmiete, und auch das auch nur, weil wir im sozialen Wohnungsbau untergekommen sind. Der ist heiß begehrt hier in der Stadt, denn Familien haben es schwer, überhaupt bezahlbaren Wohnraum zu finden. Vor drei Jahren habe ich alle Notstandskriterien der städtischen Wohnbaugesellschaft erfüllt: Ich war alleinerziehend mit drei Kindern, gerade arbeitslos geworden (betriebsbedingt gekündigt, vorher hatte ich einen super Job in der Schweiz), und obendrein hatte mir meine Vermieterin eine Eigenbedarfskündigung geschickt. Ich musste eine neue Bleibe finden. Für uns und die Katze. Wer vermietet schon an arbeitslose Alleinerziehende mit drei Kindern und Haustier? Ich sah uns schon bei meinen Eltern auf dem Dachboden einziehen.

Gut, dass ich rechtzeitig einen Wohnberechtigungsschein beantragt hatte. Der Staat hat uns geholfen, und er tut es weiterhin mit Wohngeld, dem bezahlten Kitaplatz für die Jüngste mit Mittagessen und dem Bildungspaket für Ausflüge, Schulsachen und einen Schwimmkurs. Ich selbst habe 2014 als freie Autorin etwa 400 Euro im Monat verdient. Das ist doppelt so viel wie im Vorjahr, und 2015 hoffe ich meine Einkünfte erneut zu verdoppeln. Einstellen wollte mich keiner mehr, trotz zahlreicher Bewerbungen. Aber sich mit 46 selbstständig zu machen, ist kein Spaziergang. Und jeden Monat nicht zu wissen, ob das Geld reicht, belastet mich sehr. Was ist, wenn ich krank werde? Niemand zahlt mir Urlaubstage, und wenn ich Deadlines nicht einhalten kann, weil die Kinder oder ich flachliegen, verliere ich Aufträge. So ist das halt.

Seit vergangenem Sommer bin ich auch ehrenamtlich Stadträtin, was uns eine zusätzliche Aufwandsentschädigung von 370 Euro im Monat beschert. Allerdings ist es ein aufwendiges Amt, für das ich wöchentlich 10 bis 20 Stunden investieren muss. In der Zeit kann ich kein Geld verdienen. Trotzdem übe ich das Amt gern aus, weil wir zum Beispiel auch über Öffnungszeiten von Kitas und Angebote für Eltern entscheiden. Und ohne Kinderbetreuung ist es unmöglich, überhaupt Geld zu verdienen.

Erst in die Schnäppchenecke

Denn das Leben mit Kindern ist teuer: Sie brauchen Essen, Schuhe, sie wollen ins Schwimmbad, gelegentlich ein Eis. Ich achte darauf, dass wir pro Tag nicht mehr als fünf Euro pro Person für Essen ausgeben, damit noch Geld für all die Extras bleibt, die auch bedacht werden müssen. Geschenke für Kindergeburtstage, eine Zuzahlung zur Zahnfüllung, eine Tankfüllung für mein altes Auto, Fahrradreparaturen, Kleidung für die Kinder oder ein Friseurbesuch.

Nach Abzug unserer fixen Kosten bleiben uns 230 Euro pro Woche. Davon gebe ich etwa 125 Euro für Lebensmittel und Drogeriewaren aus. Bei den übrigen 105 Euro für Extras, die pro Woche für alle vier reichen müssen, wird einem schnell klar, dass man damit nicht weit kommt. Wir gehen nie essen. Ich kaufe die Milch von glücklichen Kühen auf der Weide nur, wenn das Haltbarkeitsdatum gerade abläuft und sie reduziert ist. Und ich schaue in allen Geschäften grundsätzlich zuerst in die Schnäppchenecke. Gibt es keine Schnäppchen, gehe ich wieder. Außer, wenn wir Kinderschuhe brauchen, das muss nun mal sein.

Ich selbst brauche nicht viel. Hauptsache, wir kommen über die Runden. Irgendwie klappt es immer. Und vielleicht können wir in ein paar Jahren mal wieder in einen Urlaub fahren, der diesen Namen verdient. Das wäre schön. Aber wichtiger ist es, dass alle gesund bleiben – und die Waschmaschine nicht kaputt geht, denn mein Budget ist eng. So wie das von sehr vielen Familien, seien sie alleinerziehend oder einfach nur kinderreich. Es ist normal. Leider.

06:00 28.04.2015

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