Neun Frauen für den DFB

Sport Eine Initiative will unter dem Slogan „Fußball kann mehr“ das Männerproblem im Sport angehen
Neun Frauen für den DFB
Vielfalt im deutschen Fußball? Da geht noch einiges!

Foto: Pete Kiehart/NYT/Redux/Laif

Wollte man dem Fußballbusiness von zwei Seiten gleichzeitig an den Karren fahren, so könnte man sagen: Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) halten sich mittlerweile kaum länger im Amt als Trainer. Denn während es zur Logik dieses stark männlich geprägten Systems gehört, Coaches im Falle ausbleibender Erfolge als Ad-hoc-Lösung immer schneller zu feuern, waren die letzten Verbandspräsidenten allesamt zum Rücktritt gezwungen: 2011 war es Theo Zwanziger, der im Zuge mehrerer Affären eine zunehmend schlechte Figur abgab. 2015 folgte Wolfgang Niersbach, als die Staatsanwaltschaft Ermittlungen zu möglichen Schmiergeldzahlungen bei der WM-Vergabe 2006 nach Deutschland aufnahm. Reinhard Grindel ging 2019 unter anderem nach Verstößen gegen die Compliance-Richtlinien. Und nun Fritz Keller, der seinen Vize Rainer Koch als „Freisler“ bezeichnet hatte. Roland Freisler war der NS-Richter, der unter anderem die Todesurteile gegen Sophie Scholl und weitere Mitglieder der „Weißen Rose“ fällte.

Dass der Fußball ein Problem hat, ist ziemlich offensichtlich. Die These, dass dies auch an den ihm inhärenten, überholten Männlichkeitsbildern liegt, zumindest naheliegend. Zumal es bei den Bildern ja keinesfalls bleibt: Im Ballsport der Männer – der mit dem Begriff „Fußball“ wie selbstverständlich gemeint scheint, während bei den Spielerinnen das Wort „Frauenfußball“ zum Einsatz kommt – sind Ämter und Posten in überwältigender Mehrheit von Cis-Männern besetzt. Dem DFB-Präsidium gehört gerade mal eine Frau an. Wieso?

Diese Frage stellen derzeit auch neun Frauen, die dem Fußball auf verschiedene Weise lange und intensiv verbunden sind: Nationaltorhüterin Almuth Schult, Bibiana Steinhaus-Webb, die als Schiedsrichterin nicht mehr pfeift, aber als Video-Assistentin weiterhin tätig ist, Kommentatorin Claudia Neumann, Gaby Papenburg, Präsidentschaftskandidatin im Berliner Fußballverband, Helen Breit, Vorsitzende von „Unsere Kurve“, Jana Bernhard, Geschäftsführerin von S20: The Sponsors’ Voice, Katja Kraus, Geschäftsführerin bei Jung von Matt Sports, Katharina Kiel, Geschäftsführerin von talentzone, und Sandra Schwedler, Aufsichtsratschefin des FC St. Pauli. Mit dem Slogan „Fußball kann mehr“ fordern sie unter anderem verbindliche Frauenquoten in Aufsichtsräten und Verbänden, Programme zur Herstellung von Chancengleichheit sowie eine Sanktionierung von Sexismus und Diskriminierungen über den Platz hinaus.

De facto eine Männerquote

Die Kritik daran lässt nicht lange auf sich warten – und zielt vor allem darauf ab, Frauen seien nicht automatisch besser als Männer. Stimmt, aber sie sind eben auch nicht schlechter. Und ist echte Chancengleichheit nicht erst erreicht, wenn genauso viele inkompetente Frauen im Fußball unterwegs sind wie Männer? Wobei das natürlich nicht die Zielsetzung ist. Letztlich ist die Frauenquote einfach nur ehrlicher als das aktuelle Konstrukt, in dem sich Cis-Männer in einer Mischung aus Bequemlichkeit und Angst vor Veränderung gegenseitig bevorteilen, es also eine De-facto-Männerquote gibt. Die ständige Abriegelung gegenüber notwendigen Veränderungen muss ein Ende haben, will der Fußball überleben. Der DFB ahnt das mittlerweile zwar, doch den Veränderungen von innen fehlt es an Tempo.

Zumal die schlechte Nachricht für all jene, die angesichts der Forderung nach 30 Prozent Frauen in Fußball-Führungspositionen schon den Kopf schütteln, lautet: Das ist erst der zarte Anfang in Sachen Diversität. So gut und notwendig Initiativen wie die von Kraus, Schwedler und Co. sind, ist der Zeitpunkt längst gekommen, um Quoten jenseits des binären Systems zu fordern.

Die Menschen dazu sind jedenfalls längst da, auch im Fußball – und haben kürzlich mit der Kampagne #Kickout sprichwörtlich Flagge gezeigt: Dabei betonten Menschen verschiedener Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierungen ihre Liebe zum Fußball verbunden mit dem Statement: Wir sind ein Teil dieses Sports. Doch echte Teilhabe ist längst nicht selbstverständlich. Es wird den Sport ganz allgemein in der näheren Zukunft vor große Aufgaben stellen, Lösungen zu finden dafür, dass Menschen sich nicht nur als Mann oder Frau identifizieren, es eine Bandbreite an Geschlechtsidentitäten gibt. Sie werden jeden Tag ferngehalten von ihren Sportarten, wenn die nicht mehr zu bieten haben als Männer- und Frauenligen. Nicht-binäre, trans und inter Personen müssen sicheren Raum finden innerhalb der sportlichen Koordinaten. Der Fußball hat dabei aufgrund seiner gesellschaftlichen Bedeutung eine Vorbildfunktion, der er gerecht werden muss. Schließlich erlaubt der Gesetzgeber seit 2018, neben weiblich und männlich in Sachen Geschlecht auch divers im Personenstandsregister anzugeben – immerhin! Wo aber finden diese Menschen sich wieder, wenn sie einen Fußballverein suchen, in dem sie am organisierten Spielbetrieb teilnehmen können? Von den 21 Landesverbänden im DFB bietet mit Berlin bislang lediglich einer eine verbindliche Lösung – kein Zustand für den „Volkssport“.

Das Thema betrifft nicht nur aktive Sportler*innen. Es geht ganz generell darum, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen aller Geschlechter, Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten nicht nur sicher, sondern rundherum wohlfühlen können. Einen besonderen Stellenwert hat das Stadion als Treffpunkt der Fans. Hier haben einerseits die Kurven eine Verantwortung, der sie an vielen Standorten aus Überzeugung gerecht werden. Zudem sind Fanorganisationen, Vereine und Verbände gefordert, die sich derzeit unterschiedlich einbringen.

Gerne wird die Frage in den Raum gestellt, ob ein „Coming-out“ jedweder Art überhaupt notwendig sei. Die Fragesteller*innen übersehen dabei, dass sie aus einer privilegierten Situation auf das Thema schauen. Cis-gender Personen müssen sich beim Weg ins Stadion keine Gedanken machen, welche Schlange für sie passt, wenn der Einlass nach Männern und Frauen unterteilt ist, nicht-binäre oder queere Personen schon. Ähnliches gilt beim Thema Toiletten, die bei dieser Einteilung als Schutzraum verlorengehen. Während heterosexuelle Pärchen Hand in Hand im Block stehen können, müssen homosexuelle Paare dumme Reaktionen befürchten. Asexuelle und Aromantische werden stigmatisiert von fixen Beziehungsvorstellungen – oder wenn das „Plus 1“ bei der Einladung zum Vereinssommerfest ausschließlich eine*n Partner*in meint – und nicht einfach eine*n Vertraute*n. Natürlich sind diese Themen dem Fußball nicht exklusiv. Das entbindet den Sport und seine Akteur*innen aber nicht von der Verantwortung, sie hier konkret anzugehen. Es wird Zeit.

Mara Pfeiffer befasst sich in Podcasts, Artikeln, Kolumnen und Mainz-05-Krimis mit Fußball

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 15.06.2021

Ausgabe 23/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6