Klick, klick, klack

Comeback Die Schreibmaschine wird 300 Jahre alt und erlebt in Zeiten digitaler Spionage eine Renaissance. Ein Porträt
Tobias Prüwer | Ausgabe 31/2014 3
Klick, klick, klack
Im Zuge des NSA-Skandals melden Schreibmaschinenhersteller wieder gestiegene Umsätze
Foto: Frank Martin / Hulton Archive / Getty Images

Auf der Webseite conservethesound.de kann man Geräusche nachhören, die in der volldigitalisierten Welt des 21. Jahrhunderts vom Verschwinden bedroht sind. Jan Derksen und Daniel Chun haben dort das Klicken von Diaprojektoren, das Surren von Wählscheiben und – für die Generation Google Maps – auch das Rascheln beim Falten eines Stadtplans akustisch festgehalten. Einen eigenen Unterpunkt im Archiv bilden Schreibmaschinen. Vom Geklapper einer Urania vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur elektrischen Triumph-Adler der 1990er ist einiges vertreten. Aber womöglich, so zeigt sich dieser Tage, waren die Tonarchäologen etwas vorschnell, als sie Schreibmaschinenanschläge zu den verschwindenden Geräuschen zählten.

In diesem Jahr feiert die Schreibmaschine nicht nur ihren 300. Geburtstag – 1714 ließ sich der englische Erfinder Henry Mill erstmals ein Gerät patentieren –, sie erlebt auch ein kaum für möglich gehaltenes Comeback. Als Patrick Sensburg, Vorsitzender des NSA-Untersuchungsausschusses des Bundestags, Mitte Juli in einem Interview laut darüber nachdachte, dass die Ausschussmitglieder wegen der ausgefeilten Digitalspionage wichtige Dokumente in Zukunft lieber wieder auf mechanischen und keinesfalls elektronischen Schreibmaschinen verfassen sollten, hielten das viele zunächst für einen Scherz.

Aber im Zuge des NSA-Skandals meldeten anschließend deutsche Schreibmaschinenhersteller stark gestiegene Umsätze. Triumph-Adler verkaufte 2013 mit 10.000 Maschinen ein Drittel mehr als in den Jahren zuvor, Konkurrent Olympia erwartet für dieses Jahr eine Verdopplung der Umsatzzahlen. Und so klappert und klackert es wieder – und das nicht nur bei Technikfeinden und Computerhassern.

„Diskursmaschinengewehr“

Kaum ein Gerät erfuhr dabei in seiner Geschichte eine solche verbale Aufwertung, teils Überhöhung wie die Schreibmaschine. „Meine Waffe“ nannte sie der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez. Als „Diskursmaschinengewehr“ feierte sie der Medientheoretiker Friedrich Kittler. In ihren Hochzeiten dominierte die Schreibmaschine genauso die Welt des Geistes wie jene des Geschäfts- und Büroalltags. Oder wie es vor 70 Jahren in einem Handbuch zum Maschinenschreiben mit ungebremster Fortschrittsbegeisterung hieß: „Überall begleitet sie heute den Menschen: Auf der Reise mit der Eisenbahn und dem Schiff, in die Luft folgt sie ihm im Flugzeug, selbst auf dem Grunde des Meeres, im U-Boot, wird auf Schreibmaschinen geschrieben.“

1865 entwickelte der dänische Pastor Hans Rasmus Malling-Hansen mit der sogenannten Schreibkugel den ersten in Serie gefertigten, ursprünglich für Blinde vorgesehenen Apparat. Die Tastatur war als Halbkugel angeordnet, daher der Name. Und man konnte nicht direkt sehen, was man tippte. Friedrich Nietzsche experimentierte trotzdem fasziniert mit dem Gerät, aber natürlich nicht ohne über die Folgen für das Denken zu reflektieren: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ Deshalb bevorzugte der Philosoph mit der Schreibkugel einen aphoristischen Telegrammstil, statt lange Argumentationsketten zu weben.

Als erster Schriftsteller reichte Mark Twain ein maschinengetipptes Manuskript – Leben auf dem Mississippi – ein. Er hatte eine frühe Remington-Maschine gekauft, die ab 1874 vom gleichnamigen US-Gewehrhersteller in Serie produziert wurde und Standards setzte. Sie verfügte mit Groß- und Kleinbuchstaben, automatischem Farbbandtransport und der bis heute gebräuchlichen Tastaturanordnung (QWERTY, in Deutschland: QWERTZ) über die wesentlichen Attribute, an denen wir eine Schreibmaschine erkennen.

Remington suchte damals einen neuen Markt, weil nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs die Waffennachfrage gesunken war. Der bereits erfolgreiche Romancier Twain kam als Werbeträger für die neue Schreibmaschine gerade recht, auch wenn er nicht wollte, dass seine Erfahrungen mit ihr publik wurden: „Ich benutze sie mittlerweile auch nicht mehr. Weil ich jedes Mal, wenn ich mit ihr einen Brief geschrieben hatte, vom Adressaten gebeten worden bin, die Maschine zu beschreiben, anzugeben, welche Fortschritte ich bei ihrer Verwendung gemacht hätte usw. usw. Ich schreibe nicht gern Briefe.“ Remington druckte Twains Schreiben kurzerhand als Anzeige ab.

Schwung oder gerade Linien?

Was die einen als großen Vorzug priesen – die Befreiung von oft schwer leserlicher bis gar nicht entzifferbarer Handschrift –, kritisierten andere genau deshalb. So lehnte Walter Benjamin den Schrift normierenden Apparat ab, weil sich dessen starre Geradlinigkeit dem Schwung der Handschrift verweigere. Die Schreibmaschine leistete für Benjamin, der zeitlebens aufs Tippen verzichtete, der Entkopplung von Hand und Schreibwerkzeug während des Schreibens Vorschub. Eine Distanzierung, die er ablehnte.

Während sich Dichter und Denker um die Individualität der Schrift und damit auch des Geschriebenen sorgten, machte gerade das Standardisierte und die Geschwindigkeit, mit der nun Texte erstellt werden konnten, die Schreibmaschine für die Büros des 20. Jahrhunderts so unverzichtbar. Und sie eröffnete den Frauen den Zugang zu dieser Welt, wenn auch zunächst noch oft als „Tippse“ und „Knattermutti“ verspottet und auf die Rolle der Schreibkraft festgelegt. Nicht ohne Grund trugen viele Maschinen Frauennamen wie „Erika“, „Monica de Luxe“, „Gabriele“. In den USA prüfte 1880 ein Ärztekongress, ob Frauen den Tipp-Anstrengungen überhaupt gewachsen seien.

Der Schreibapparat trieb auf diese Weise aber eine Teil-Feminisierung der Bürowelt voran. Einen frühen Bericht vom Dasein als Angestellte mitsamt seiner ökonomischen Brutalität gibt Christa Anita Brück in ihrem Roman Schicksale hinter Schreibmaschinen von 1930. Da sagt ein Chef: „So eine Schreibmaschine, wenn sie ruiniert wird, kostet Geld. Aber eine Angestellte setzt man an die Luft, wenn sie reparaturbedürftig ist und holt sich eine unverbrauchte neue. Ein Tippmädel ist billige Ware. Man bewertet sie nach der Silbenzahl, die sie in der Minute herunterklappert und damit fertig.“ Aber hinter der Schreibmaschine können auch Entäußerung und Ekstase durch Tempo lauern: „Nicht denken, nicht sich besinnen, weiter weiter, geschwinde, geschwinde, tipp, tipp, tipptipptipptipptipp … Im Kopf beginnt ein kleiner Schwindel zu kreisen. Geschwindigkeit ist Rausch und Rausch ist Hingerissenheit.“

Abgesehen von diesen Rauschzuständen trägt die Schreibmaschine aber das Ihre zur Entzauberung der Welt bei. Folgerichtig spielt sie auch im ersten Vampirroman der Literaturgeschichte bei der Austreibung des Spuks eine Rolle. In Bram Stokers Dracula von 1897 bringen den Vampir keine Heldentaten zur Strecke, sondern die penibel getippte Dokumentation.

Der Prozess der Rationalisierung und technischen Weiterentwicklung macht vor dem Apparat selbst aber genauso wenig halt. Erst elektrisiert, dann elektronisiert, erreicht die Entwicklung der Schreibmaschine Ende der 80er Jahre mit integrierter Textverarbeitung, Bildschirm, Speicher und Diskettenlaufwerk ihren Zenit. Dann übernehmen PC, Smartphone, Tablet. Legendär jener Fernsehsketch aus der Übergangszeit, in dem eine Frau im Zehnfingersystem mit Tempo drauflostippt, um nach dem Ende der Zeile mit Schwung den sogenannten Wagen wieder zur Anfangsstellung zu schieben, stattdessen aber den Bildschirm ihres Computers vom Tisch wischt.

Ändert der Touchscreen als neues Interface die Art der Schriftsetzung? Eleganter als das Tippen nach Zweifinger-Suchsystem sieht das Wischen allemal aus. Aber das Erbe der Schreibmaschine lebt auch hier in der QWERTZ-Tastaturbelegung weiter, benannt nach den ersten sechs Buchstaben der ersten Tastaturreihe. Diese Verteilung der Buchstaben ist ein Konvention gewordener Zufallsakt. Die Tastatur wurde ursprünglich so arrangiert, um die am häufigsten benutzten Buchstaben so weit wie möglich voneinander entfernt anzuordnen, damit sich die Typenarme der Schreibmaschine möglichst selten miteinander verhaken. Nun hält man auch ohne Funktion weiter daran fest.

Künstliche Geräusche

Als gespeichertes Alphabet feierte der Philosoph Vilém Flusser die Schreibmaschine, sah in ihr „die Materialisierung einer ganzen Dimension der westlichen Existenz im 20. Jahrhundert. ... Die Füllfeder ist immer noch ein zugespitzter Stab wie in Mesopotamien, wenngleich er nicht mehr einkratzt, sondern Tinte hinzufügt. Die Schreibmaschine dagegen ähnelt eher dem Klavier.“ Nun wird das Touchpad eben auch zum Wischerklavier. Die Swiper, also Wischer, gleiten mit dem Finger auf der QWERTZ-Tastatur von einem Buchstaben zum nächsten, während das Textvervollständigungsprogramm ihnen bei der Eingabe Wörter und Sätze vorschlägt. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was Walter Benjamin davon gehalten hätte.

Für Retro-Fans gibt es heute kleine Zusatzprogramme, die beim Tippen auf dem Computer Schreibmaschinengeräusche simulieren – und originalgetreugroße Schreibmaschinen, die man mittels USB-Anschluss mit dem PC verbinden und so als reguläre Tastatur verwenden kann. Über die reine Spielerei hinaus erzählen solche Erweiterungen einiges davon, welch tiefe kulturelle Spuren die Schreibmaschine hinterlassen hat. Und sie berichten von der Technik-Nostalgie, die die digitalisierte Welt so oft begleitet, weil in ihr nichts mehr mechanisch rattert und klackert, sondern es nur noch piepst und fiepst. Ihren Höhepunkt findet diese Bewegung wohl in jenem Phänomen, das die New York Times unlängst beschrieb. Auf so genannten Type-ins treffen sich junge Schreibmaschinen-Aficionados, um Schnelltippwettbewerbe zu veranstalten und Briefe aufs Papier zu hämmern, die sie anschließend einscannen und zur Ansicht ins Internet stellen.

Jemand wie der New Yorker Schriftsteller Paul Auster, der lang genug dem Wandel trotzte, hätte da durchaus Aussichten, wieder Teil einer Avantgarde zu werden, einer Technik-Nostalgie-Avantgarde. Seit 1974 schreibt Auster jedes Wort, das er zu Papier bringt, auf einer Olympia-Reiseschreibmaschine – selbst wenn er sich zugegebenermaßen zwischenzeitlich komisch vorkam. „Ich blieb bei meiner Schreibmaschine, und die 80er Jahre gingen in die 90er über. Einer nach dem anderen stiegen meine Freunde auf Mac oder IBM um. Allmählich kam ich mir vor wie ein Fortschrittsfeind, der letzte heidnische Posten in der Welt voller digitaler Konvertiten.“ In Zeiten von NSA-Spionage und raubkopierten Manuskripten unveröffentlichter Bücher im Internet kann aber Paul Auster heute durchaus auch auf die Vorzüge dieses Beharrungsvermögens verweisen.

Der deutsche Medienwissenschaftler Till A. Heilmann betont, dass die Idee der Schreibmaschine, das „grundlegende Schema aus Tastenfeld und Schreibfläche“ auch trotz Digitalisierung und Virtualisierung im Tablet-Zeitalter erhalten geblieben ist. Und dass dies das eigentliche Erbe der 300 Jahre Geklacker sei. Oder wie es der dösige Polizeichef Wiggum aus den Simpsons treffend formuliert: „Lassen Sie mich das auf meiner imaginären Schreibmaschine protokollieren.“

00:00 13.08.2014

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 3