Nicht mehr frei

Umwertung Ein Jahr nach der Eröffnung wird das Danziger Weltkriegsmuseum auf patriotische Linie gebracht
Nicht mehr frei
Auch diese Besucherin hat ihre Museumstour in 14 Metern Tiefe begonnen

Foto: Wojtek Radwanski/AFP/Getty Images

Herta* führt Danzig-Besucher durch das vor einem Jahr eröffnete Museum des Zweiten Weltkriegs. Sie ist stolz auf diesen Ort der Erinnerung in ihrer Stadt, die sie bei Spazier- und Rundgängen den Touristen erklärt. Wer Danzig besuche, dem solle klarwerden: Es war hier an der Weichselmündung, wo am 1. September 1939 die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs abgefeuert wurden. Um das immer wieder ins Bewusstsein zu bringen, sei sie auch Guide im Weltkriegsmuseum, doch seit eine neue Direktion das Ruder übernommen habe, empfinde sie die Atmosphäre dort als verdorben.

* Name geändert

Schon der Geburtstag war ein Politikum: Die Museumsleitung feierte ihn am 6. April, genau ein Jahr nachdem das Museum über den Weltkrieg mit dem geplanten Museum der Westerplatte, quasi dem Gegenprojekt der regierenden PiS, zusammengelegt wurde. Dieser Schachzug hatte den Weg geebnet, um den Ideengeber und international vernetzten Kurator Paweł Machcewicz wie einen Teil seines Teams loszuwerden, während der schneidige Lokalpolitiker Karol Nawrocki zum Direktor aufstieg. Tatsächlich hatte es die vormalige Leitung geschafft, das Haus nach acht Jahren Aufbauarbeit und noch vor dem eigenen Rauswurf am 23. März 2017 – dem eigentliche Geburtstag – zu eröffnen. Darin lag Paweł Machcewicz’ größter Erfolg, und daraus erwuchsen die größten Schwierigkeiten.

Die hunderttausendfach besuchte Ausstellung wird mit so viel Lob bedacht, dass sich Kulturminister Piotr Gliński herausgefordert fühlt und nun einen „guten Wandel“ à la PiS erwartet, egal wie. Seine Kritik lautet, diese Ausstellung sei „zu wenig polnisch“, „zu kosmopolitisch“ und „auch zu deutsch“. Wodurch sich die heutige Direktion berufen glaubt, unablässig kleine Veränderungen vorzunehmen.

Polen als Täter? Verboten

„Als würden sie sich schämen“, meint Herta. Die mehr als 3.500 Mitglieder zählende Facebook-Gruppe „Nein zur Auflösung des Weltkriegsmuseums“ beobachtet die Eingriffe mit Argusaugen. Viele deuten die Korrekturen als Manipulation. Zumal Herta und ihre Kollegen von der Direktion neue Verträge zugeschickt bekamen, die unter anderem dazu verpflichten, keine Meinungen zu äußern, die nicht direkt mit der Ausstellung zu tun haben. Einige Guides begriffen das als „Loyalitätserklärung“ und verweigerten die Unterschrift. Anderen wurde erst gar nichts zugestellt, sie verloren gleich die Lizenz. Unter den Guides frage man sich, erzählt Herta, was im Museum noch gesagt werden dürfe und was nicht. Einige mutmaßen, es gebe „Spione“, die ihre Führungen belauschten. Ohnehin herrsche ein gereiztes Klima zwischen den Lagern der alten und neuen Museumsleitung.

„Die Veränderungen fallen im Vergleich zum großen Unwissen über den Zweiten Weltkrieg nicht ins Gewicht“, findet Herta. Dennoch, wenn sie ihre Touren durch die 5.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche moderiere, fühle sie sich nicht mehr frei. Was das konkret heißt, zeigt sich an der Darstellung des Schicksals der polnischen Familie Ulma, die jüdische Mitbürger bei sich versteckte und dafür 1944 von den deutschen Besatzern hingerichtet wurde. Die Geschichte der Ulmas kam erst unter der neuen Leitung in die Ausstellung und sollte ein Beispiel sein für die fast 7.000 polnischen „Gerechten unter den Völkern“, die sich zwischen 1939 und 1945 ähnlich verhielten. Nachdem im Februar das sogenannte Holocaust-Gesetz der PiS-Regierung – es droht denen Strafe an, die öffentlich dem polnischen Volk oder dem polnischen Staat eine Mitverantwortung für begangene Nazi-Verbrechen geben – für diplomatische Verstimmung gesorgt hatte, erhielten die Guides eine Mail des Museums: Sie müssten bei ihren Führungen unbedingt auf die Familie Ulma hinweisen. „Soll ich nun sagen, dass ein Pole die Ulmas an die Deutschen verraten hat – oder nicht? Plötzlich hat so etwas eine riesige Bedeutung“, seufzt Herta.

In der Ausstellung selbst ist nicht vermerkt, wer der Denunziant war. Schmälert es den Heldenmut der Ulmas, dass menschlicher Größe ein Fall von menschlicher Niedertracht gegenübersteht? Oder zeigt dieses Detail, wie couragiert die Ulmas handelten, weil zugleich deutlich wird, dass ihre Hilfe für Verfolgte nicht zwingend von allen Landsleuten akzeptiert wurde? Herta sagt: Für die alte Leitung habe der Mensch gezählt, für die neue die Nationalität.

Christus unter den Völkern

Die übliche Museumstour beginnt in 14 Meter Tiefe und führt durch einen imposanten Kubus auf eine Nachkriegsbrache der früheren Danziger Altstadt. In 18 Sektionen wird vom Krieg erzählt, freilich nicht durch multimediale Überforderung, sondern entlang der einstigen Danziger Großen Gasse. Es gibt ein Wohnzimmer, das in einer Zeitreise von Kriegsjahr zu Kriegsjahr durchlaufen wird, und den Nachbau einer Vorkriegsstraße, in der ein Lokal Polen von Meer zu Meer heißt und von alt-sarmatischen Großmachtträumen kündet.

Gleichzeitig wird der Blick auf andere Kriegsschauplätze in Asien und Europa, auf Japan und Jugoslawien, gelenkt. Man sieht den Warschauer Aufstand von Anfang August 1944, dazu den slowakischen, der wenig später ausbrach. Erinnert wird an die Hölle der Leningrader Blockade und den Hunger in Athen. Das Bewegendste sind die Artefakte: der Silberlöffel, den eine Mutter ihrer Tochter mitgab, die von der Sozialarbeiterin Irena Sendlerowa wie Tausende andere jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto gerettet wurde. Oder die polnische Flagge aus Lemberg, die eine Familie beim Einmarsch der Sowjets 1939 aufbewahrte, entgegen einer Aufforderung der Besatzer, sie in der Mitte zu zerschneiden. Man stößt auf zerschmolzenes Porzellan aus Hiroshima oder die deutsche Enigma-Maschine, deren Code polnische Mathematiker entschlüsselten. Zu sehen sind Fragmente jüdischer Grabsteine, mit denen die deutschen Besatzer Straßen pflasterten, oder die Kamera von Julien Bryan, der als einziger ausländischer Journalist im Herbst 1939 das besetzte Warschau fotografierte. Schließlich der auf ein Taschentuch geschriebene Abschiedsbrief des 1940 von den Deutschen erschossenen Sejm-Abgeordneten Bolesław Wnuk, dessen Bruder, ein Offizier, zur gleichen Zeit vom NKWD in Katyń getötet wurde.

Die Erzählung kann kaum polnischer sein: Um zu zeigen, dass man von zwei totalitären Regimes in die Enge getrieben wurde, geht es durch einen Tunnel, dessen rote Wände auf der einen Seite das Hakenkreuz und auf der anderen Hammer und Sichel zeigen. Das Anliegen der Kuratoren besteht augenscheinlich darin, der Welt von der polnischen Erfahrung des Krieges zu berichten und eine Antwort auf das Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin zu geben. Dieses Motiv war es, das den damaligen Premier Donald Tusk veranlasst hatte, das Museum allein aus staatlichen Mitteln zu finanzieren, was der PiS nun in die Hände spielt, um ihrerseits staatlichen Einfluss auszuüben.

Den Krieg als menschliche Tragödie zu reflektieren, das spiele den Deutschen in die Hände und mache den Kampf der Polen klein, befand das publizistische Schwergewicht Piotr Semka. Tatsächlich ist es eher die Platzierung der deutschen Gewalt neben dem Handeln der Sowjetunion in einem Totalitarismus-Komplex, der die Singularität deutscher Verbrechen verschwimmen lässt.

Zwei Museumsmitarbeiter führen deutsche und polnische Historiker durchs Haus. Einer arbeitete schon im alten Team unter Paweł Machcewicz und gibt sich gelassen. Der andere wurde erst im Vorjahr eingestellt und wirkt engagiert. Das Gespräch ist informativ und offiziell, der spätere Mailkontakt nervös. Der Engagierte gibt seine Zitate nicht frei, weil er befürchtet, der Beitrag der deutschen Journalistin werde negativ und unsachlich ausfallen. Der andere, der seine Zitate erst freigegeben hatte, zieht sie danach auch zurück.

Man wolle mit der Exposition den „polnischen Standpunkt“ stärken, ist stets zu hören. Katholische Geistliche in den Konzentrationslagern und Porträts polnischer Militärs aus dem Untergrund ergänzen das Ensemble der Episoden. Im Vordergrund stehen die Partisanenbewegung während der deutschen Okkupation und die Fallschirmspringer der Exilarmee, die jetzt weithin sichtbar sind im Teil über den polnischen Untergrundstaat. Dokumentiert werden zudem die Opferzahlen des Zweiten Weltkriegs in der Relation zur Bevölkerung einzelner Staaten, woraus zu entnehmen ist, dass Polen prozentual die meisten Menschen verloren hat.

Herta gefällt, dass neuerdings Maksymilian Kolbe vorkommt, ein Franziskaner-Mönch, der anstelle eines anderen Häftlings im Auschwitzer Hungerbunker freiwillig in den Tod ging. Schmerzlich vermisst sie indes einen Dokumentarfilm, der einst als Abschluss der Ausstellung zu sehen war und zuerst rausflog. Der Streifen zeigte in kurzen Sequenzen, wie die Geschichte nach 1945 bis heute weiterging, auf einer Seite das Geschehen in Polen, auf der anderen im Westen. Man sah Martin Luther King, die Solidarność, den Mauerfall, den US-Einmarsch im Irak, Wladimir Putin, der Angela Merkel etwas ins Ohr flüstert – die Flüchtlingskrise. Eine Mauer mit Stacheldraht trennte den Raum und den Bildschirm in zwei Hälften, dazu lief der Popsong The House of the Rising Sun. Herta empfiehlt ihren Besuchern, sich den Film im Internet anzuschauen. Sie selbst fühlte sich davon derart bewegt, dass sie begann, sich mit dem Bürgerkrieg in Syrien zu beschäftigen und dort eine Familie zu unterstützen.

Das Argument der Museumsdirektion gegen dieses Video: Der Danziger Stadtpräsident Paweł Adamowicz sei in einer Episode über Solidarność-Proteste zu sehen. Und Adamowicz ist der Intimfeind von Direktor Karol Nawrocki, der als heißer PiS-Kandidat für die Wahl des Stadtoberhauptes gehandelt wird. Nun erwartet den Besucher als Epilog der Animationsfilm Die Unbesiegten, der im Duktus eines Survival Horror Games Polens Geschichte im Zweiten Weltkrieg als Christus unter den Völkern zusammenfasst. Es heißt, man arbeite an einem neuen Film.

Nancy Waldmann ist freie Autorin und hat zuletzt für den Freitag über das einstige Roma-KZ Lety in Tschechien geschrieben

06:00 16.05.2018

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