Nicht so nette Norweger

Reichtum Trotz seines Ethikrats investiert der staatliche Pensionsfonds in zweifelhafte Konzerne
Nicht so nette Norweger
In einer nicht zu fernen Zukunft wird Nestlé von Tiefseetauchern eine Wasserabnutzungsgebühr erheben

Foto: Photo 12/Alamy aus dem Film „Pioneer“

W enn die Alten in Norwegen von früher erzählen, zeichnen sie das Bild einer anderen Welt: viel Fischerei, viel Armut, viel Auswanderung. Das war vor der Entdeckung des Erdöls, als das Land noch zu den ärmsten Europas zählte. Dann, 1969, stieß die Phillips Petroleum Company bei Bohrungen in der Nordsee 200 Meilen südwestlich von Stavanger auf das Ekofisk-Feld – und seine 500 Millionen Kubikmeter Erdöl. Der darauffolgende Boom hat bis heute nicht geendet, Norwegen ist nun eines der reichsten Länder der Welt.

Damit das auch so bleibt, nachdem der letzte Tropfen Öl aus dem Hahn einer Bohrinsel in der Barentssee geronnen ist, gibt es den staatlichen „Pensionsfonds Ausland“, in den die Öleinnahmen des Staates fließen. Aktueller Wert: über 8.000 Milliarden norwegische Kronen, etwa 800 Milliarden Euro. Mehr als 65 Prozent des Kapitals werden in Aktien angelegt, der Rest in Wertpapieren und Immobilien. Der „Statens pensjonsfond utland“ taucht oft in internationalen Schlagzeilen auf, etwa Ende 2017, als die Zentralbank, die den Fonds für Norwegens Finanzministerium verwaltet, erklärte, künftig nicht mehr ins Ölgeschäft zu investieren: Der Ölfonds soll unabhängig vom volatilen Ölpreis sein.

Nestlé ist mit drin

Auch die strengen ethischen Leitlinien, die dem Fonds schon so manches Mal die Rendite verhagelt haben, werden mit gewisser Bewunderung von Medien thematisiert. Manch unternehmerisches Gebaren führt nämlich zur Beobachtung oder gar zum Ausschluss aus dem Fonds. In den entsprechenden Richtlinien ist etwa von der Herstellung von Waffen die Rede, die „elementare humanitäre Prinzipien durch ihren normalen Gebrauch verletzen“. Auch „systematische Menschenrechtsverletzungen“, „schwere Umweltzerstörungen“, „massive Korruption“ sowie „andere ernsthafte Verletzungen grundlegender ethischer Normen“ werden dort als unerwünscht klassifiziert. Ob ein Bann über ein Unternehmen verhängt wird oder nicht, entscheidet die Zentralbank. Beraten wird sie dabei von einem sogenannten Ethikrat. 133 Unternehmen sind zurzeit aus dem Anlageuniversum des Fonds ausgeschlossen, 19 stehen unter Beobachtung, so ein kürzlich veröffentlichter Bericht. Sind die Norweger die netteren Kapitalisten?

Länger als die Nomenklatur der moralischen Grundsätze ist nur das Verzeichnis der getätigten Investitionen. In 72 Ländern wird in über 9.000 Unternehmen investiert; das sind 1,4 Prozent der gelisteten Unternehmen weltweit und 2,4 Prozent der gelisteten Unternehmen in Europa. Da lacht das Anlegerherz. 2017 erzielte man mit den Wertpapieren eine Jahresrendite von 19,4 Prozent. Es liegt auf der Hand, dass diese Art der Anlage den Finanzsektor aufbläht, somit die Einkommensungleichheit verstärkt und auf diese Weise Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt ad absurdum führt. „Das ist nun einmal Norwegens Rolle in der Welt. Wir sind wohlhabend und so erhalten wohlhabende Menschen ihren Reichtum“, sagt der Chef des norwegischen Ablegers der globalisierungskritischen Organisation Attac, Petter Slaatrem Titland, im Gespräch.

Ganz oben auf der Liste der Investitionen: Nestlé. Der Nahrungsmittelriese rangiert auf Platz zwei der größten Kapitalanlagen des Fonds. Dabei sind die Vorwürfe, die seit Jahrzehnten von allen möglichen Seiten auf das Unternehmen einprasseln, Legion. Der Journalist Res Gehriger etwa zeigte 2012 mit der Dokumentation Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser, wie der Konzern Gewinn aus der Wasserknappheit in ariden Regionen schlägt. Das passt zu einem Unternehmen, dessen ehemaliger Verwaltungsratspräsident die Idee, den Zugang zu Trinkwasser als Menschenrecht zu kodifizieren, eine „Extremlösung“ nannte und ein flammendes Plädoyer für dessen Privatisierung folgen ließ. Zu den weiteren Vorwürfen gegenüber Nestlé zählen die Kollaboration mit korrupten Regierungen und die Verschmutzung der Meere durch Unmengen von Plastikmüll.

Wenn der öffentliche Druck auf das Unternehmen zu groß wird, erstellt Nestlé einen „Aktionsplan“. Das war 2001 so, als amerikanische Politiker auf Kinderarbeit auf afrikanischen Kakaoplantagen, die für die Schweizer Aktiengesellschaft produzierten, hinwiesen. Und es war 2015 nicht anders, als es um die Zustände auf thailändischen Fischkuttern ging und der Konzern eingestehen musste, es gebe „Hinweise auf Zwangsarbeit, Menschenhandel und Kinderarbeit“ in seiner Lieferkette. An Gründen, die immensen Anteile, die der norwegische Staatsfonds an diesem Konzern hält, abzustoßen, mangelt es also nicht. Wozu sonst hält man sich einen Ethikrat?

Dann allerdings müsste sich Norwegen konsequenterweise auch aus anderen Firmeninvestitionen zurückziehen. Knapp drei Prozent des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall AG etwa gehören dem Staatsfonds aus dem Norden. Und das, obwohl in der norwegischen Gesellschaft ein Konsens darüber bestehe, „dass der Fonds kein Geld mit Unternehmen verdienen darf, die Menschen das Leben kosten“, wie es Yngve Slyngstad, der Chef des Fonds, noch Anfang 2017 formulierte. Gibt es diesen Konsens noch? Immerhin verdient Rheinmetall durch das geschickte Umgehen deutscher Exportregeln blendend an den Konflikten dieser Welt, unter anderem dem Krieg im Jemen, der laut UN „schlimmsten humanitären Katastrophe der Gegenwart“.

Tatsächlich: Im Mai 2007 empfahl der Ethikrat den Ausschluss von Rheinmetall. Fünf Monate später zog er diese Empfehlung jedoch „auf der Grundlage neuer Informationen“ zurück. Heute steht das Unternehmen, trotz seiner gleichbleibenden Praktiken, nicht einmal mehr unter Beobachtung. Das verdankt es seinen klugen Vorstandsstrategen, die es ermöglichen, dass der Mutterkonzern von Rheinmetall seine Hände in Unschuld waschen kann, während er mit Joint Ventures in Ländern mit weniger strengen Regeln als Deutschland einen Haufen Geld verdient. Und die Norweger kassieren mit.

Manchmal werden die Naturschätze eines Landes zu dessen ärgstem Feind. Ökonomen sprechen dann von einem „Ressourcenfluch“, bei dem ein Reichtum an Rohstoffvorkommen zu niedrigen wirtschaftlichen Wachstumsraten führt. In Norwegen ist das nicht der Fall, 2017 verzeichnete man hier trotz üppiger Ölfelder ein reales Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent. Die Vulnerabilitäten der ersten Welt sind anderer Art als im globalen Süden. Dort versickern die Einnahmen in korrumpierten Institutionen, hier ist Verlass auf die internationalen Finanzmärkte.

Volle Wucht

2008 jedoch wies das Aktienportfolio des norwegischen Pensionsfonds eine Negativrendite von 41 Prozent auf – die Finanzkrise hatte ihn mit voller Wucht getroffen. Ein jüngst veröffentlichter Bericht kommt zum Schluss, dass der Wert des Fonds in einem Jahr um 40 Prozent sinken könnte, sollte es zu einem Börsenkrach und einer Stärkung der norwegischen Krone kommen.

Eine wackelige Moral und die ständige Drohkulisse abschmierender Aktienmärkte – die Probleme der Fondsverwalter in Oslo möchte man nicht haben. Doch es könnte alles so einfach sein: Ein norwegischer Ökonom schlug einst vor, das Vermögen des Fonds zu verschenken, zum Beispiel an afrikanische Staaten, um die globale Ungleichheit zu bekämpfen. Petter Slaatrem Titland, dem Sprecher von Attac Norwegen, würde es schon genügen, wäre der Ethikrat verantwortlich für die Entscheidungen über die Investments. Er solle die Macht bekommen, „direkt zu den Unternehmen zu gehen und zu sagen: Das sind unsere Erwartungen und wenn ihr sie nicht einhaltet, desinvestieren wir.“ Aber auch der Globalisierungskritiker weiß, dass es unmöglich ist, 9.000 Unternehmen gleichzeitig gewissenhaft zu überwachen. „Das größte Problem ist, dass wir das ganze Geld überhaupt haben“, sagt er eben darum.

Dabei lässt sich mit Geld doch so viel Gutes bewirken! Mehr als eine Milliarde US-Dollar hat die norwegische Regierung in den vergangenen Jahren in den „Amazonas Funds“ gesteckt, um den Regenwald zu retten. Zu blöd nur, dass dann Nachrichten wie die folgende solches Engagement als meisterhafte Scheinheiligkeit erscheinen lassen: Der Aluminiumhersteller Norsk Hydro, an dem der norwegische Staat mit 43,8 Prozent beteiligt ist, hat durch das illegale Ableiten von verunreinigtem Wasser eine Amazonasregion in Brasilien vergiftet und auf diese Weise die dort lebende Bevölkerung krank gemacht.

06:00 16.05.2018

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