Nicht zu virtuos

DDR Wie schafft es Clemens Meyer nur, dass einen die tristen Geschichten in „Die stillen Trabanten“ so fesseln?

Das Leben ist einfach nicht schön. Aber es wird gelebt. Sie arbeitet bei der Bahn, reinigt die Abteile in den Zügen. Sie hat einen Chef. Sie sammelt die Flaschen, die sie unter den Bänken findet, in einem Beutel und kommt so zu einigen Euro mehr im Monat. Sie ist schon lange nicht mehr jung. Spätabends, nach Ende der Mittelschicht, geht sie in eine Raucherkneipe und trinkt dort ein oder zwei Gläschen Mariacron. Dort trifft sie eine Frau, vielleicht 60 Jahre alt. Die trinkt Piccolo-Sekt. Beide kommen ins Gespräch, nicht sogleich intensiv. Die andere Frau ist Friseurin, ihr Arbeitsplatz gehört keineswegs zu den vornehmsten in Bahnhofsnähe. Auch sie wird dort getriezt. Die Frauen scheinen es für selbstverständlich zu halten. Ihre Begegnungen verstetigen sich, aber sie bleiben erst mal auf dem Stand, dass jede für die andere jemand ist, den sie kennt. Dann kommt die Friseurin einmal nicht mehr. Die Reinigungskraft macht sich Sorgen. Sie gelangt an die Anschrift der Bekannten und fährt zu ihr. „Dann stand sie vor der Wohnungstür. Birgitts Name auf dem Türschild. Sie trat sehr nahe an die Türschwelle. Sie stand eine Weile und lauschte in die Wohnung. Alles war ruhig. Sie trat einen Schritt zurück, rückte die Aufschläge ihrer Winterjacke zurecht, strich sich mit der Hand durch ihre Haare und über ihre Stirn, und dann klopfte sie.“

Ende der Erzählung Späte Ankunft. Es ist die zweite im Erzählband Die stillen Trabanten von Clemens Meyer. Man möchte den Satz vom Beginn einer „wunderbaren Freundschaft“ assoziieren, mit dem Casablanca endet. Aber sobald man darüber nachdenkt, fällt es schwer, einen Grund dafür zu finden. Man kann eben nicht wissen, was man erführe, wenn der Autor weitererzählt hätte. Später liest man die Geschichte von einer sich anbahnenden Männerfreundschaft. Der eine war früher ein Jockey, er verdient sich jetzt sein Geld als Händler für Rennpferde, kurz bevor sie aussortiert werden. Sein größter Wunsch war stets, einmal die Pferderennen auf dem zugefrorenen See nahe St. Moritz zu sehen. Sie verabreden sich, dort zu einem bestimmten Termin zu erscheinen. Aber der Jockey kommt nicht. Zurück in dessen Heimatstadt sucht der Alleingelassene seinen Beinahefreund in dessen Wohnung auf. Er findet ihn: „Magendurchbruch, erzählten sie mir später. Er musste noch versucht haben, zur Tür zu kommen, hatte mit den Fingerspitzen die Klinke erreicht, aber keine Kraft mehr gehabt, um Hilfe zu rufen. Auf einer kleinen Kommode stand seine Reisetasche.“ Damit endet dieses Mal die Geschichte nicht. Nachgetragen wird das Ritual, von dem der Jockey erzählt hatte: wie sich beim Tod eines Pferdes auf der Rennbahn die Jockeys darum herum versammeln, die Kappen abnehmen und sich verbeugen, „und verharren so einige Sekunden“. Ende der Erzählung.

Es sind allerdings „stille Trabanten“, die dem Leser bei Clemens Meyer begegnen, Menschen, die in großer Zahl um uns herum leben und schon füreinander keine Rolle spielen, für wichtige Menschen oder solche, die sich für wichtig halten, erst recht nicht: ein Wachmann bei einer Flüchtlings- oder Aussiedlerunterkunft. Es spinnt sich eine schüchterne Liebesgeschichte an, doch dann kommt ein Bus und die Bewohner der Unterkunft werden woanders hingebracht. Auch die Geschichte des Mannes, der an der Ostsee einen Erholungsurlaub macht, allein, und abends an der Mole beiläufig, fast unwillig mit einem anderen ins Gespräch kommt. Das geschieht mehrfach, und heraus kommt dabei die Geschichte des Einheimischen, der ein schreckliches Erlebnis vom Ende des Zweiten Weltkriegs mit sich herumschleppt. Hier möchte man die andere Assoziation, die sich bei der Mehrheit von Meyers Erzählungen einstellt, „Tristesse oblige“ (Odo Marquard), rasch verdrängen. Der Spaß mit dem Kalauer stört für dieses Mal.

Wie kann man triste Geschichten so erzählen, dass sie den Leser fesseln? Meyer zeigt es. Berichtet wird alles, was geschieht, von der Erlebniswelt eines der Protagonisten her. Wie der die Welt sieht und – da es eine erzählte Welt ist – wie der die Welt erinnert, bestimmt den Duktus des Vorgetragenen. Und das erscheint, wie Arno Schmidt gesagt hätte, nicht immer als Kontinuum, sondern als Tablett mit Schnappschüssen von der Zeiss Ikon bis zur Polaroid. Bei Meyer sind das Eindrücke, wie man sie beim Durchblättern eines alten Fotoalbums erhält oder im Traum.

Im Traum ungeduldig werden

Die Fotos, die einst gemacht wurden, sind so, wie sie im Album hintereinander erscheinen, etwas anderes als die Geschichte, die der erinnerungssüchtige Betrachter dazu im Kopf hat. So geraten die Teile der Geschichte chronologisch durcheinander, je nachdem, welches Foto gerade in den Blick kommt. Was ist erinnerte, was wiederholte, was im Augenblick sich ereignende Geschichte? Damit geht der Autor virtuos um, aber auch das nicht zu sehr.

Ähnlich mit dem Traum. In Späte Ankunft trägt die Friseurin einen schon etwas abgewetzten Sommermantel. Die Reinigungskraft, deren Wahrnehmungen die der Leser sind, kommt anfangs immer wieder auf diesen Sommermantel zurück, so, wie man träumend oft nicht über eine ganz unerhebliche oder vielleicht doch erhebliche Stelle hinwegkommt. Sie tauchen mehrfach wieder auf, fast zwanghaft, sodass man im Traum sogar ungeduldig werden kann. Clemens Meyers Erzählungen sind angesiedelt in einem Land, das einmal die DDR war. Auch das kennzeichnet sie.

Info

Die stillen Trabanten Clemens Meyer S. Fischer 2017, 272 S., 20 €

Die Bilder des Spezials

Peter van Agtmael, geboren 1981 in Washington D.C., ist Mitglied der berühmten Fotoagentur Magnum und mit einigen wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. Van Agtmaels soeben erschienener Fotoband Buzzing at the Sill (Kehrer-Verlag, 192 Seiten, 39,90 Euro), aus dem die Bilder unserer Beilage stammen, ist voller oft dunkler, poetischer Arbeiten, in denen die USA wie ein unwiderruflich zerrissener Ort erscheinen. Den mysteriösen Titel verdankt Buzzing at the Sill einem Gedicht von Theodore Roethke, In a Dark Time („My soul, like some heat-maddened summer fly, keeps buzzing at the sill“). In der Auseinandersetzung des Fotokünstlers mit seinem Land sind immer auch ganz persönliche Stimmungen zu spüren: Unsicherheit, Angst und Hilflosigkeit angesichts einer absolut ungewissen Zukunft. Und gleich daneben kocht die Wut

06:00 22.03.2017

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